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KunstEuropa

Mit dem Auto durchs Museum

Nadine Wojcik
17. August 2020

So hat man Kunst selten gesehen: durch die Autoscheibe. Eine befahrbare Ausstellung ist die kreative Antwort des Museums Boijmans Van Beuningen auf Corona.

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Ein schwarzes Auto steht vor Leinwänden mit bunten, ineinander geflossenen Farben (Bild: picture-alliance/ANP/R. de Waal)
Mit dem Elektroauto ins Museum: "Boijmans Ahoy drive-thru museum" in RotterdamBild: picture-alliance/ANP/R. de Waal

Eigentlich hätte in den Messehallen im niederländischen Rotterdam der Eurovision Song Contest 2020 stattfinden sollen. Doch Europas legendärer Liederwettbewerb im Mai musste wegen der Corona-Pandemie ausfallen. Auch zahlreiche weitere internationale Events wie die Fachmesse für klassische Musik "Classical:NEXT" oder die Hafen- und Schifffahrtsmesse "TOC", die ebenfalls Besucherinnen und Besucher in die Hallen in Rotterdam hätten locken sollen, mussten abgesagt werden: Die riesigen "Ahoy"-Messehallen standen coronabedingt leer.

Auf eine Möglichkeit, seine Kunst zu präsentieren, wartete auch das Museum Boijmans Van Beuningen in Rotterdam. Es hatte nicht erst seit Ausbruch der Corona-Pandemie geschlossen: Bereits seit 2019 wird das Gebäude aus den 1930er-Jahren umfangreich saniert. Die rund 150.000 Kunstwerke vom Mittelalter bis in die Gegenwart waren aber nicht weggeschlossen, sondern gingen auf Reisen. Ausgestellt wurde zum Beispiel in Schulen und anderen Museen - bis zum Ausbruch der Pandemie.

Messehalle trifft Kunstwerke

Und während nun sowohl die Messehalle als auch die Ausstellungsmacher in Rotterdam auf Besucher warteten, wagten sie die Symbiose: eine Kunstschau in einer Messehalle, etwa so groß wie zwei Fußballfelder mit 13 Meter hohen Decken.

In einer leeren Messehalle hängen riesige LED-Bildschirme von der Decke, auf denen unter anderem ein Mann mit verbundenen Augen zu sehen ist. Mehrere Autos stehen in der Halle, ihre Scheinwerfer und Rücklichter leuchten. (Bild: Aad Hoogendoorn)
Wie eine Fahrt mit der Geisterbahn: schaurig-schöne Videokunst in der Rotterdamer MessehalleBild: Aad Hoogendoorn

Bei so viel Platz war schnell klar, dass diese Schau nur mit fahrbarem Untersatz zu besichtigen sein würde. "Eingeschlossen" in die Karosserie wird außerdem der während der Pandemie obligatorische Sicherheitsabstand zwangsläufig eingehalten, ähnlich wie bei der Einkaufswagen-Pflicht in so manch einem deutschen Supermarkt.

"Boijmans Ahoy drive-thru museum" ist in vielerlei Hinsicht wohl einmalig: Die riesige Halle ist abgedunkelt, die Scheinwerfer der Autos suchen sich tastend von einem Objekt zum nächsten, streckenweise gleicht der Ausstellungsbesuch einer Fahrt in der Geisterbahn, etwa wenn plötzlich in der Dunkelheit ein angeleuchteter Mandrill-Affe von Oskar Kokoschka auftaucht.

Tauziehen zwischen Mensch und Natur

Dank dieses Auto-Parcours können 40 Klassiker des Museumsbestandes besichtigt werden, der auf die Rotterdamer Sammler Boijmans, ein Rechtsanwalt, und van Beuningen, ein Reeder, zurückgeht. Bei vielen der Gemälde, Skulpturen und vor allem Videoinstallationen geht es um die Konfrontation von Mensch und Natur.

Während derzeit das vermutlich von Fledermäusen übertragene Coronavirus die Menschheit in Atem hält, loten die gezeigten Arbeiten eben jenes Spannungsfeld aus. So läuft in der Videoinstallation "Nummer acht, everything is going to be alright" der niederländische Künstler Guido van der Werve auf dem Eis, das ein riesiger Eisbrecher hinter ihm durchpflügt.

Ein Auto steht vor einer Video-Installation, auf der ein Mann zu sehen ist, der bis auf Nase, Mund und Kopfkrone von Bienen bedeckt ist. (Bild: Aad Hoogendoorn)
Wer ist stärker: der Mensch oder die Natur? Für "Springtime" ließ sich Jeroen Eisinga von Bienen belagernBild: Aad Hoogendoorn

In der Videoinstallation "Springtime" sitzt Jeroen Eisinga ruhig und mit verschlossenen Augen vor dem Betrachter, während Hunderte von Bienen seine Arme, seinen Hals und seinen Kopf belagern - denn der niederländische Künstler hat sich zuvor mit Düften von Bienenköniginnen eingesprüht.

Im Elektroauto durch die Ausstellung

Man könnte annehmen, diese Zusammenkunft mit der Kunst sei ge­zwun­ge­ner­ma­ßen distanziert und unpersönlich. Doch Karosserie und Technik haben auch Vorteile: Über das Autoradio sind der Sound der Videoinstallationen und weitere Informationen zu den einzelnen Objekten zu hören. Zudem gibt es keine Besucher, die sich direkt neben einem laut unterhalten können und mit ihren Selfie-Sticks die Sicht auf die Werke versperren.

Befahren werden darf die Ausstellung nur in Schrittgeschwindigkeit und mit Elektroautos. Wer kein eigenes hat, was wohl auf die meisten der Besucher zutreffen dürfte, kann sich vor Ort eines leihen. Und wer keinen Führerschein hat, wird mit einem Museumsfahrzeug durch die Ausstellung, die noch bis zum 23. August 2020 in Rotterdam zu sehen ist, chauffiert.