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Daniel Brühl: "Ich sehe mich nicht sympathisch"

Hans Christoph von Bock18. September 2015

Mit 21 Jahren hatte er als Schauspieler seinen Durchbruch in "Good bye, Lenin". Jetzt spielt Daniel Brühl in "Ich und Kaminski" nicht den sympathischen Schwiegersohn von nebenan sondern einen schmierigen Journalisten.

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Filmstart Ich und Kaminski
Bild: X-Verleih/GORDON Photography

Er stand mit Helen Mirren, Benedict Cumberbatch und Matt Damon vor der Kamera. Daniel Brühl gehört international zu den gefragtesten und erfolgreichsten deutschen Schauspielern seiner Generation. Der große Durchbruch gelang dem mittlerweile 37-Jährigen 2003 mit dem Publikumshit "Goode Bye, Lenin" von Wolfgang Becker. Seither war er in internationalen Produktionen wie "Inglourious Basterds", "The Bourne Ultimatum", "Inside Wikileaks" und "Rush" zu sehen. Im neuen Film von Wolfgang Becker "Ich und Kaminski" spielt Daniel Brühl einen eitlen Kunstkritiker. Hans Christoph von Bock sprach mit dem deutschen Star über seine Filmfiguren, die Arbeit mit Wolfgang Becker und die Grenzen des persönlichen Geschmacks.

DW: Vor 13 Jahren haben Sie das Drehbuch zu "Good Bye, Lenin!" gelesen und mussten Wolfgang Becker überreden, Sie zu besetzen. Wie war es diesmal bei "Ich und Kaminski": Mussten Sie Becker überzeugen oder er Sie?

Daniel Brühl: Wir uns beide (lacht). Das war jetzt eine andere Situation. Ich musste diesmal nicht zu einem Casting. Er hat mir von dem Projekt erzählt und hat mir zuallererst den Roman von Daniel Kehlmann in die Hand gedrückt und gesagt, lies dir den mal durch und sag mir, was du von einer Verfilmung hältst und von dieser Figur. Dann haben wir uns langsam angenähert. Aber ich hatte schon von Anfang an das Gefühl, dass er das mit mir machen will.

Castings sind keine Freude. Ich weiß noch, damals für "Good Bye, Lenin!" waren es vier oder fünf Castings, und beim ersten sind wir nicht weiter gekommen als das Voice Over zu lesen. Wolfgang ist ein sehr genauer Typ, ein sehr präziser, pedantischer Typ mitunter – insofern war das jetzt sehr angenehm, dass das jetzt alles ganz anders war.

Es liegen auch zwölf Jahre dazwischen. Damals waren Sie noch ein Jungschauspieler. Begegnet man sich da heute anders mit der Erfahrung, die Sie mittlerweile auch im internationalen Kino haben?

Natürlich, man emanzipiert sich. Ich war ein Küken damals mit 21 Jahren. Was nun dazu kommt ist, dass bei uns auch eine enge Beziehung entstanden ist. Wolfgang ist einer meiner engsten Freunde geworden. Da setzt man dann auch an einem ganz anderen Punkt an - mit viel größerem Vertrauen und Verständnis füreinander. Aber man weiß auch genauer, welche Akkorde man drücken muss, um den anderen richtig auf die Palme zu bringen. Das kann ich ganz gut, und das kann Wolfgang auch. (lacht) Es hat auch mal gekracht, aber ich finde, das gehört bei Dreharbeiten auch dazu.

Daniel Brühl gibt Interviews
Autogramme von Daniel Brühl sind bei den Fans heißbegehrtBild: DW/C. von Bock

Nun ist ja Daniel Brühl in "Good Bye Lenin" und in anderen Filmen meist der sympathische Typ. In "Ich und Kaminski" spielen Sie einen schmierigen Journalisten, einen ziemlichen Kotzbrocken. Wollten Sie mal einen anderen Typ darstellen?

Also ehrlich gesagt, aus meiner eigenen Perspektive heraus war das nicht so, dass ich mich sympathisch sehe. Das Label wurde mir aufgedrückt mit Wolfgangs Film "Good Bye, Lenin" Den Film, den ich davor gemacht habe, "Das weisse Rauschen": Wenn man sich den anschaut, weiß ich nicht, warum die Leute denken, ich bin so sympathisch. Diesen Typ aus "Das weisse Rauschen" hätte ich nicht unbedingt gerne als Schwiegersohn. Das heißt aber, wenn so ein Film durch die Decke geht wie damals "Good Bye, Lenin" und die Presse beschließt, das ist jetzt der nette Junge der Nation, dann bleibt das für eine lange Zeit in den Köpfen der Leute. Bei mir war das nie so, ich muss jetzt so eine Figur spielen.

Als ich den Roman "Ich und Kaminski" durchgelesen habe, hatte ich sofort den Eindruck, das ist eine super Figur, das ist so eine richtige Wurst. Das fand ich herrlich, das ist einer, der permanent denkt, er ist größer als er eigentlich ist, und am Ende ist er eine Witzfigur. Das fand ich traurig, rührend und hochinteressant zu spielen und war auch gleich angefixt. Aber nicht so aus dem Gedanken heraus, ich muss jetzt unbedingt das Arschloch sein.

Filmstill Ich und Kaminsk - beide sitzen im Auto i
"Ich und Kaminski": Wer trickst hier wen aus?Bild: X-Verleih/GORDON Photography

Gibt es für Sie eine persönliche Grenze des guten Geschmacks?

Die persönlichen Grenzen sind schon enger gesteckt, so weit wie Sebastian Zöllner (der Name seiner Filmfigur, Anmerkung d. Red.) würde ich nie gehen. Aber das ist auch das Herrliche an der Figur, so etwas mal ausspielen zu dürfen. Der macht schon so ein paar Sachen, die man im Alltag nicht machen würde, weil sie tatsächlich asozial wären. Den meisten Menschen sind solche Gedanken schon durch den Kopf gespukt, und der Sebastian macht das dann einfach. Ich selber bin, glaube ich, relativ taktvoll, aber wenn mir Leute bewusst auf den Sack gehen - und das passiert schon in diesem Beruf -, wenn Leute distanzlos und blöde sind, einem respektlos begegnen, dann kann ich auch zurückschießen.

Was bedeutet für Sie Ruhm?

In dem Beruf ist es schön, wenn man seine Anerkennung bekommt. Man will auch die Leute erreichen, und das geht damit einher. Wenn die Filme wahrgenommen werden, dann steigert sich das, dann wissen die Leute wer man ist - dann hat das etwas mit Popularität oder Ruhm oder was auch immer zu tun. Insofern würde ich jetzt nicht sagen, nur damit es gut klingt, es ist mir völlig unwichtig, es ist mir egal. Aber es ist jetzt auch nicht der Motor, der mich antreibt. Ich will gute Filme hinterlassen, nach Möglichkeit Filme, die auch die Zeit überdauern, und ich will Leute erreichen mit halbwegs intelligenten Geschichten. Dann ist der Sinn meines Berufs für mich erfüllt.

Wann merkt der Journalist Sebastian Zöllner, dass er den greisen, vermeintlich blinden Maler Kaminski unterschätzt hat?

Ich glaube schon, dass er das auf der Reise immer mehr merkt, dass er mit seiner eigenen Selbstüberschätzung nicht mehr weit kommt. Und dass jedes Mal in diesen längeren Gesprächen Kaminski das letzte Wort hat. Dann natürlich gegen Ende diese Riesenüberraschung, das hat er nicht geahnt, dass Kaminski soweit gehen würde (mehr will ich hier nicht verraten): Das ist dann eher ein richtiger Klopper, und trotzdem ist dieses allerletzte Ende ein versöhnliches. Man hat dann wirklich das Gefühl, vielleicht wird dieser Kotzbrocken nach der ganzen Erfahrung ein etwas besserer Typ und ist einen Schritt weiter gekommen in seinem Leben.

Wie war die Zusammenarbeit mit Jesper Christensen, der Kaminski spielt - einem Schauspieler, der weit über hundert Filme gedreht hat?

Die Skandinavier sind ja so lässig, der war grundentspannt und hat einen großartigen Humor. Es war eine unheimlich anstrengende Arbeit für Jesper, weil er immer lange in der Maske sitzen musste, er ist ja um einiges jünger und agiler. Und wie er das Alter gespielt hat, war unheimlich. Ich habe ihm diesen Maler schon beim ersten Mal gleich abgekauft. Wir haben ja viele gecastet, weil es schon schwierig war, einen solchen Kaminski zu finden. Man muss einem den großen Künstler, den Maler, das Alter und eine gewisse Gebrechlichkeit glauben, weil es ja immer darum, geht wie lange lebt dieser Mensch noch. Er musste einen wahnsinnigen Humor haben, so etwas Spitzbübisches, so einen Schalk besitzen. Und als Jesper in den Raum kam und die ersten Sätze sagte, war für uns alles schnell klar, das ist Kaminski.

Das Interview führte Hans Christoph von Bock.