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Die sonderbare Welt der Wirtschaft

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Henrik Böhme
27. Dezember 2017

Die Wirtschaft wächst, wohin man schaut. In Deutschland und anderswo auf der Welt. Natürlich glauben alle, dass das 2018 so weitergeht. Doch es gibt da Risiken, die man nicht unterschätzen sollte, mahnt Henrik Böhme.

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Symbolbild Großbritannien rutscht tiefer in Rezession
Bild: Reuters

Fangen wir mit einem Ding an, auf das so ziemlich alle staunend starren. Dabei ist es nicht zu sehen, es ist irgendwo da draußen in den Rechnerfarmen dieser Welt. Es heißt deswegen Bitcoin, wobei "bit" (wegen der Rechenleistung) vielleicht noch nachvollziehbar ist, aber "coin", also die Münze, schon nicht mehr. Denn dieses neue Geld, es ist virtuell. Man kann es nicht mehr in seine lederne Geldbörse stecken, sondern in eine digitale Wallet auf dem Smartphone. Dieser Bitcoin (und andere dieser Kryptowährungen) tauchte im abgelaufenen Jahr regelmäßig in den Schlagzeilen auf, weil er von einem Rekordhoch zum nächsten eilte, in teils atemberaubender Geschwindigkeit. Und stürzte dann genauso schnell mal eben um ein paar tausend Dollar ab. Ein Symbol für ein verrücktes Wirtschaftsjahr 2017.  

Genauso wie die Börsen dieser Welt. In Deutschland kletterte mit dem Deutschen Aktienindex das wichtigste Börsenbarometer in ungeahnte Höhen, noch steiler war der Anstieg bei den sogenannten Nebenwerten, wo sich vor allem putzgesunde Mittelständler tummeln und Firmen, die man gerne "Heimliche Weltmeister" nennt. In New York schaffte der Dow Jones gleich 70-mal einen neuen Rekord, wie Donald Trump per Tweet (wie sonst?) stolz vorrechnete. Ringsum also Boom, und die Vorhersagen für 2018 sind nicht minder optimistisch.

Die Volkswirte der Deutschen Bank haben kurz vor Weihnachten ihre Prognose unter den Baum gelegt: Sie sehen die Weltwirtschaft fürs neue Jahr mit einem Plus von 3,8 Prozent, andere prognostizieren das ebenso. Das Besondere daran: Erstmals seit einer Dekade (oder auch: erstmals seit der Weltfinanzkrise) wachsen alle Weltregionen wieder synchron. In Europa gibt Deutschland die Lokomotive. Was also soll schiefgehen?

Da kann eine Menge schiefgehen

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Henrik Böhme, DW-Wirtschaftsredaktion

Es sei erinnert an die Zeit vor dem Ausbruch der großen Finanzkrise. Deutschlands Volkswirtschaft hatte sich um die Jahrtausendwende mittels Rosskur vom "kranken Mann Europas" wieder zum Frontrunner aufgerappelt. Das werde - so waren sich die Auguren einig, auf Jahre anhalten. Keine externen Schocks vorausgesetzt. Der Schock ließ nicht lange auf sich warten, er hatte sogar einen Namen: die Lehman-Pleite. Der Rest ist bekannt, 2009 kam die große Rezession, minus fünf Prozent Wirtschaftsleistung.

Natürlich kann so etwas wieder passieren. Mag sein, dass die Banken durch Regulierung einigermaßen wetterfester geworden sind. Aber es gibt genügend andere Risiken. Fangen wir mit Nordkorea an. Niemand weiß, wie das verbale Geplänkel zwischen dem "kleinen Raketenmann" und dem "Irren im Weißen Haus" (so wertschätzen sich Kim und Trump wechselseitig) endet und ob nicht doch irgendwer die Nerven verliert. Auch im Mittleren Osten pumpt sich gerade wieder etwas auf, das das Zeug hat, die Weltwirtschaft in Mitleidenschaft zu ziehen. Die Lunte dafür hat der Mann im Weißen Haus gelegt.

Weil wir gerade bei Donald Trump sind (und dann lassen wir das auch) 

Die von ihm auf den Weg gebrachte Steuerreform ist durchaus geeignet, die höchst empfindliche Struktur des Welthandels zu deformieren. Einerseits ist es ja gut, dass Trump handelt und die Wirtschaft seines Landes stärken will. Zumal, sollte alles so klappen, wie sich das seine Strategen ausgedacht haben, sich das US-Leistungsbilanzdefizit (im Wesentlichen der Saldo von Im- und Exporten) halbieren könnte. Zudem müssten US-Konzerne wie Apple - die ja eine ausgesprochen kreative Steuervermeidungsstrategie fahren - Gewinne wieder beim Fiskus zu Hause versteuern. Donald Trump, der Vorreiter in Sachen Steuergerechtigkeit? Das wäre ja mal was.

Aber natürlich gibt es irgendwo Verlierer, wenn es anderswo Gewinner gibt. Derzeit machen sich vor allem deutsche Exporteure größere Sorgen um ihre Amerika-Geschäfte. Schon trommeln die Industrie-Lobbyisten hierzulande für eine Reform der Unternehmensbesteuerung, die mögliche Nachteile ausgleichen soll. Aber so ein Steuerwettlauf, den auch schon das Vereinigte Königreich ausgerufen hat, um negative Brexit-Folgen für die heimische Wirtschaft zu kompensieren, so ein Steuerwettlauf wird im Desaster enden, weil schlicht den Staaten am Ende die Einnahmen fehlen. 

Und das ist noch lange nicht alles

Denn dann sind da noch einige hausgemachte Probleme. Der nun schon seit einiger Zeit anhaltende Wirtschaftsboom in Deutschland birgt die Gefahr einer Überhitzung. Denn jeder Boom trägt auch den Keim einer Krise in sich. Wer ständig Volldampf fährt, verliert schon mal das Gefühl für die schlechten Zeiten. Es gibt kaum ausreichend qualifiziertes Personal, und selbst wenn, will man ja auch nicht wirklich massenhaft Leute einstellen, die man, wenn  die Krise dann kommt, wieder rausschmeißen muss. Andererseits reichen die Kapazitäten der Firmen mancherorts schon nicht mehr aus, die Auftragsbücher abzuarbeiten. Was dann passiert: Es drohen steigende Preise, eine sinkende Nachfrage und schließlich würde die Neigung zu investieren abnehmen. Auch das ist ein Saatkorn für den nächsten Abschwung.

Und weiter: Was passiert, wenn es zu einem ungeordneten Brexit kommt, also ein Bruch zwischen Großbritannien und der EU ohne zum Beispiel eine Zollunion? Die Volkswirtschaften der Insel und des Kontinents (vor allem auch Deutschland) sind stark miteinander verflochten. Keine schönen Aussichten.

Nächstes Risiko: Zombie-Firmen. Das sind hoch verschuldete Unternehmen, die nicht rentabel produzieren und ihre Kredite nicht zurückzahlen können. Grund sind Banken, denen es selbst nicht wirklich gut geht und die sich davor scheuen, entsprechende Kredite fällig zu stellen. Die Industriestaaten-Gemeinschaft OECD (sie hat sich auch die Bezeichnung Zombie-Firmen ausgedacht) äußerte gerade Besorgnis, weil die Zahl solcher Unternehmen immer größer wird. Und die sitzen, man ahnt es schon, vor allem im südlichen Europa. Wo mit Italien (da wird 2018 gewählt), das allergrößte Pulverfass für den Auslöser der nächsten Euro-Krise lagert. Sollte es da zum Knall kommen, wird man sehen, wie klein und eigentlich völlig überschätzt die Griechenland-Krise war. 

Und jetzt auch noch GroKo-Alarm!

Reicht noch immer nicht, Sie davon zu überzeugen, dass 2018 ein interessantes Jahr wird? Gut, dann zum Schluss ein sorgenvoller Blick nach Berlin. Das Gewürge um die Bildung einer neuen Regierung wirft die (noch) stabile Volkswirtschaft nicht aus der Bahn. Schließlich haben acht Jahre Große Koalition keinen allzu großen Schaden an den Unternehmen dieses Landes angerichtet. Aber wenn jetzt kommt, was zu befürchten ist, eine CDU/CSU-geführte Regierung mit sozialdemokratischer Duldung: dann wird´s schwierig für Deutschland, weil teuer. Nur eine einzige Zahl, zu der sich im Falle eines Falles noch viele weitere gesellen werden: Allein die Vorstellungen von SPD und CSU nur in Sachen Rentenpolitik belaufen sich auf 10 Milliarden Euro - jedes Jahr!

Doch die allergrößte Gefahr liegt in der Reformunfähigkeit einer Großen Koalition. Vom Reformpfad hatte sich diese Regierungsgemeinschaft schon in den vergangenen Jahren entfernt - und angesichts der Ausgangslage (man ist aufeinander angewiesen, und die SPD wird sich von der Union nicht noch weiter zerstören lassen wollen) droht hier ein Stillstand, der dem Land auf lange Sicht extrem schaden wird.   

Der momentane Boom vernebelt den Blick auf die Wirklichkeit. Denn wie gesagt: Es gibt eine Menge Gründe, warum man mit einiger Sorge ins neue Jahr blicken sollte.

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Henrik Böhme Wirtschaftsredakteur mit Blick auf Welthandel, Auto- und Finanzbranche@Henrik58