1916: Die Schlacht von Verdun
20. Februar 2026
Es ist noch früh am Morgen, als eine Feuerwalze über die Forts und Schützengräben von Verdun niedergeht. Die Deutschen feuern aus allen Rohren, stundenlang. Noch 150 Kilometer weiter hört man den Kanonendonner. Den Befehl zum Angriff auf die Franzosen hat Generalstabschef Erich von Falkenhayn gegeben: Er will den Stellungskrieg beenden, der seit September 1914, wenige Monate nach Beginn des Ersten Weltkriegs, an der Westfront zwischen Belgien und Frankreich andauert. Ihm schwebte vor, die Front zu durchbrechen und zum Bewegungskrieg zurückzukommen, sagt der Historiker Olaf Jessen, Autor des Buches "Verdun 1916: Urschlacht des Jahrhunderts" gegenüber der DW.
Gefangen in der "Hölle von Verdun"
Doch Falkenhayns Kalkül geht nicht auf, stattdessen wird zehn Monate lang erbittert um jedes Dorf und jeden Hügel gekämpft. Die französische Devise lautet "On ne passe pas" (Man kommt hier nicht durch). Die Schlacht wird zum Inbegriff eines sinnlosen Gemetzels. Die Männer harren während des zermürbenden Stellungskrieges in ihren Erdlöchern aus: Ratten, Läuse, Kälte, schlechte Verpflegung zehren an den Nerven, der Tod ist ihr ständiger Begleiter. Der Feind liegt ihnen oft nur 30 Meter entfernt gegenüber.
Modernste Artillerie soll die Entscheidung erzwingen - schwere Mörser, dazu Flammenwerfer, Maschinengewehre. 26 Millionen Sprenggranaten und 100.000 Giftgasgranaten gehen auf weniger als 30 Quadratkilometern über den Schützengräben nieder. In den Sommermonaten liegt ein penetranter Leichengeruch über dem Schlachtfeld, verweste Körperteile, die vom Luftdruck der Bomben hochgeschleudert wurden, hängen im Geäst verbrannter Bäume. lm Winter stehen die Soldaten knietief in eisigem Wasser oder Schlamm. Sie leiden Hunger und Durst und trinken aus den Regenlachen, in denen zwischen Pferdekadavern die Kameraden verblutet sind.
"Diese unmenschliche Erfahrung hat sich ins kollektive Gedächtnis gebrannt mit Begriffen wie 'Blutmühle' und 'Hölle von Verdun'", so Jessen. Der Mensch sei damals "zum bloßen Kriegsmaterial" geworden. Das Grauen schlägt sich auch in den Briefen der Soldaten an ihre Lieben daheim nieder.
"Verdun, ein furchtbares Wort! Unzählige Menschen, jung und hoffnungsvoll, haben hier ihr Leben lassen müssen, ihre [Knochen] verwesen nun irgendwo, zwischen Stellungen, in Massengräbern, auf Friedhöfen", schreibt der 20-jährige Theologiestudent Paul Boelicke seiner Familie. "Die Front wankt, heute hat der Feind die Höhe, morgen wir, irgendwo ist hier immer verzweifelter Kampf. Mancher, der sich eben noch der warmen Sonne freute, hörte es schon irgendwo brüllen und heulend herankommen. Dahin sind alle Träume von Frieden und Heimat, der Mensch wird zum Wurm und sucht sich das tiefste Loch. Trommelfelder-Schlachtfelder, auf denen nichts zu sehen ist als erstickender Qualm-Gas-Erd-Klumpen-Fetzen in der Luft, die wild durcheinander wirbeln: das ist Verdun."
"Die Schlacht war ungewöhnlich grausam"
Der brutale Stellungskrieg fordert über 300.000 Todesopfer und mehr als 400.000 Verwundete. Im Dezember 1916 gleicht das Schlachtfeld nach den unzähligen Artillerie-Einschlägen einer Mondlandschaft. "Die Schlacht war ungewöhnlich grausam", sagt Jessen, "selbst für die Verhältnisse des Ersten Weltkriegs. Auch die hohen Opferzahlen: Dass so viele Menschen auf so wenigen Quadratkilometern gestorben sind, gab es damals nirgendwo sonst."
Anfangs hatten die Deutschen noch Vorstöße erzielt, doch "dann eroberten die Franzosen fast das gesamte Gelände, das die Deutschen vorher monatelang unter hohen Opfern erkämpft hatten, zurück", sagt Jessen. "Nach 300 Tagen und 300 Nächten stand die deutsche Seite eigentlich ungefähr wieder dort, wo die Offensive im Februar 1916 begonnen hatte." Ein Grund dafür sei die längere Verweildauer der deutschen Soldaten an der Front gewesen: "Die Kampfmoral der Deutschen war dann aus Erschöpfung am Boden."
Falkenhayns Gegenspieler Philippe Pétain, der Verteidiger Verduns, hatte von Anfang an auf ein Rotationsprinzip seiner Soldaten gesetzt. Er verstrickte buchstäblich die ganze Nation in die Schlacht im Osten Frankreichs. Fast jeder französische Soldat sei in die Schützengräben vor Verdun abkommandiert worden, durfte sie dann aber auch nach wenigen Tagen wieder verlassen, so Jessen. "Das sollte bezwecken, dass die Erschöpfung und Demoralisierung nicht so schnell eintritt."
Den Gegner "ausbluten"
Da Falkenhayns Offensivstrategie gescheitert war, wurde er am 29. August 1916 als Chef des Generalstabs der deutschen Obersten Heeresleitung abgesetzt; General Paul von Hindenburg übernahm seinen Posten. Deutsche Truppen wurden längst anderswo gebraucht, vor allem an der Somme-Front. Dort hatten britische Verbände im Juni 1916 eine Offensive gestartet, um die Franzosen bei Verdun zu entlasten.
Am 18. Dezember endete die Schlacht. Erich von Falkenhayn habe später in seinem Memoiren versucht, seine unrühmliche Rolle und den gescheiterten Durchbruch bei Verdun in ein milderes Licht zu tauchen, sagt Jessen. Der Offizier schrieb, er habe "die französische Armee ausbluten" lassen wollen. "Wenn für zwei tote deutsche Soldaten fünf Franzosen bluten mussten, ist das eine gute aussichtsvolle Sache."
"Die überlebenden Veteranen, die angetreten waren, um Verdun zu erobern und den Krieg zu entscheiden, haben diese Aussage als Verrat empfunden - mussten sie doch lesen, dass einer ihrer führenden Generäle sie eigentlich nur als Menschenmaterial sah", so Jessen.
Ein Wendepunkt im Ersten Weltkrieg
"Es war keine Entscheidungsschlacht, aber trotzdem eine sehr, sehr wichtige Wegmarke in der Geschichte des Ersten Weltkriegs", betont der Historiker, "sozusagen der Wendepunkt hin zur deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg. Sie hat außerdem das Machtgleichgewicht in Deutschland verschoben in Richtung Militärdiktatur und den Kriegseintritt der USA beschleunigt."
Auch die "Dolchstoßlegende" sei mit der Schlacht von Verdun befeuert worden: Die Oberste Heeresleitung, Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff, wollte nach Kriegsende die Verantwortung für die Niederlage nicht übernehmen und verbreitete nach 1918 gezielt das Bild eines an der Front unbesiegten Heeres, dem Sozialdemokraten und Juden in den Rücken gefallen seien.
Orte der Erinnerung und ein neuer Stellungskrieg
Heute ist Verdun für die Deutschen ein Synonym für die absolute Sinnlosigkeit des Kriegs, in Frankreich hingegen ist die Katastrophe von Verdun überlagert vom Gefühl des nationalen Zusammenhalts und auch des Sieges - obwohl es in Wirklichkeit ein militärisches Patt zum Preis unmenschlichen Leids war. 1932 wurde ein Gebeinhaus eingeweiht, in dem die Knochen unzähliger unbekannter Soldaten liegen. Seit 1967 erinnert das Mémorial de Verdun an die Gefallenen des Stellungskriegs.
1914, zu Beginn des Ersten Weltkriegs, prägte der britische Autor H.G. Wells den Satz "The war that will end war". Wenn irgendeiner der französischen oder deutschen Soldaten, die in Verdun ihr Leben ließen, glaubte, er habe einen "Krieg zur Beendigung aller Kriege" geführt, hat er sich getäuscht.
Über 100 Jahre später tauchen wieder Bilder von einem Krieg auf, der sich festgefahren hat - nicht auf historischen Schwarz-Weiß-Fotos, sondern in modernen Aufnahmen aus der Ukraine. "Schaut man sich heutige Bilder aus dem Donbass an, sieht man große Parallelen", sagt Jessen. "Damals (im Ersten Weltkrieg, Anm. d. Red.) sind alle Spieler eigentlich wie festgenagelt am Pokertisch sitzen geblieben, weil jeder glaubte, ohne den Endsieg die horrenden Verluste auf eigener Seite nicht wieder einspielen zu können, und man auf den psychologischen und politischen Zusammenbruch des Gegners gewartet hat. Und das erinnert schon sehr stark an die Lage in der Ukraine und in Russland. Da ist ja auch im Moment kein Durchbruch zu holen."
Die einstigen Erzfeinde Deutschland und Frankreich sind heute gute Freunde. Der Historiker Olaf Jessen hofft, dass man aus der Geschichte lernt.