Bachfest in Leipzig: Mut zum Dialog
14. Juni 2026
Von der Musik Johann Sebastin Bachs den Dialog lernen? Für Burkhard Jung, Oberbürgermeister der Stadt Leipzig und Präsident des Europäischen Städtetags, wäre das eine Idealvorstellung. In seiner Ansprache zur Eröffnung des Leipziger Bachfests 2026 sprach er von der schnelllebigen Zeit, in der vieles gleichzeitig geschehe. "Die Welt ist voller Stimmen, die aber nicht wirklich miteinander reden", betonte Jung.
Bachs Musik ist polyphon, das heißt, verschiedene Stimmen haben eigene Melodien, die gleichberechtigt erklingen. Mal wechseln sie sich ab in einer Art Frage-Antwort-Spiel, mal folgen sie in Abständen einander - wie in einer Fuge - oder sie gehen ihre eigenen melodischen Wege, um dann am Ende wieder zusammenzufinden. "An Bachs Werken kann man sehen, wie Stimmen miteinander umgehen sollten", betonte Jung und äußerte die Hoffnung, dass Bachs Melodieführung ein Vorbild sein könnte für politische Debatten und Auseinandersetzungen.
Ein Dialog der Generationen
Traditionell wird das Leipziger Bachfest mit dem Thomanerchor und dem Gewandhausorchester in der Leipziger Thomaskirche unter der Leitung von Andreas Reize eröffnet. Zum Motto "Im Dialog" hatte Thomaskantor Reize eine außergewöhnliche Marienvesper zusammengestellt. Bei Marienfesten ist die Marienvesper das liturgische abendliche Stundengebet mit einer bestimmten Abfolge von Hymnen und Psalmen.
Diese Hymnen und Psalmen aus der Bibel haben viele Komponisten zu eigenen Werken inspiriert. Am bekanntesten ist die Marienvesper von Claudio Monteverdi (1567-1643). Daraus waren einige Teile im Eröffnungskonzert zu hören. "Ich habe dann gesucht, welcher Komponist der neueren Generation einen Psalm vertont hat, der zur Marienvesper passt", erläuterte Andreas Reize.
Die Wahl fiel unter anderen auf die Motette "Let him kiss me" des Schweden Jan Sandström und auf den litauischen Komponisten Vytautas Miškinis. Sein "Laudate pueri, Dominum" haben die Jungen des Thomanerchores besonders einfühlsam mit zarten schwebenden Stimmen vorgetragen. "Das ist bewusst ein Dialog mit einer ganz andere Klangsprache der heutigen Zeit, eine Klangmalerei des 21. Jahrhunderts", sagte Reize im Gespräch mit der DW. Das Publikum war begeistert.
Dialog der Interpreten und Instrumente
Einer der Schwerpunkte des Bachfestes, das regelmäßig über 70.000 Besucher nach Leipzig lockt, ist in diesem Jahr das Jubiläum "300 Jahre Bach Clavier-Übungen". Diese Übungen schrieb Johann Sebastian Bach 1726 für musikbegeisterte Kenner, für "Liebhaber der Music, zu Gemüths-Ergötzung".
Sir András Schiff und Mahan Esfahani widmen sich dem Zyklus in mehreren Konzerten. Den Beginn machte der ungarische Star-Pianist Schiff. Wie nicht anders zu erwarten, spielte er meisterhaft konzentriert und präzise Bachs Partiten - eine Abfolge von stilisierten Tänzen - auf modernen Klavierflügeln. Der iranisch-amerikanische Cembalist Mahan Esfahani interpretierte Bachs Partiten I im Nachtkonzert auf dem Cembalo in ganz anderer, aber hoch durchdachter Art und Weise.
Bach mit anderen Ohren hören
Esfahani ist Artist in Residence des Bachfests und gibt insgesamt sieben Konzerte mit Bachs Musik, aber auch mit zeitgenössischem Repertoire. Und das auf einem Instrument, das viele Menschen in die Barockzeit verorten. "Alle Leute sagen, das Cembalo ist doch nur für alte Musik, aber das stimmt nicht. Das Cembalo ist so vielseitig, man kann alles darauf spielen", sagte er im DW-Interview. Johann Sebastian Bachs Werk steht für ihn allerdings im Mittelpunkt. Derzeit spielt er sämtliche Klavierwerke von Bach beim Label Hyperion für Cembalo und Clavichord ein.
Durch besondere Akzente und Pauseneffekte beim Spiel hauchte Esfahani den Partiten von Johann Sebastian Bach im Konzert neues Leben ein und zauberte dem Publikum immer wieder ein Lächeln ins Gesicht. Über den Wechsel der hohen und tiefen Register hat er kleine Frage-Antwort-Spiel eingebaut. "Was mich an ihm sehr fasziniert, ist, dass er wirklich tief in die Werke hineinblickt und sich ganz intensiv mit den Stücken, der Entstehung und der Struktur auseinandersetzt", sagt Bachfest-Intendant Michael Maul.
Die Deutsche Welle hat das Konzert als Medienpartnerin des Bachfestes mitgeschnitten. Es wird in absehbarer Zeit auf dem Youtube Kanal DW Classical Music zu hören sein.