1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen

Klimagipfel COP30 in Brasilien: Hoffnung und Widersprüche

Tim Schauenberg
10. November 2025

In Belém im brasilianischen Regenwald findet die UN-Klimakonferenz COP30 statt. Die Klimakrise ist im Land längst sichtbar, gleichzeitig wird weiter Öl gefördert. Was bedeutet das für die Verhandlungen?

https://p.dw.com/p/52TJ4
Menschen stehen an einem Strand, im Hintergrund zwei hell erleuchtete Kreuzfahrtschiffe vor Anker an einem langen Pier. Brasilien Belém 2025 | Menschen am Brasília Beach vor COP30-Delegationsunterkünften
Diese Schiffe dienen als Unterkunft für Teilnehmer der UN-Klimakonferenz. Bild: Anderson Coelho/REUTERS

Zwei Kreuzfahrtschiffe dümpeln schon ruhig im extra ausgebauten Hafen nahe der Millionenstadt Belém im Norden Brasiliens. Ausweichquartier für mehr als 10.000 Teilnehmer der diesjährigen Klimakonferenz.  

 40.000 bis 50.000 Menschen, darunter Staats- und Regierungschef aus fast 200 Ländern, werden zur 30. Weltklimakonferenz, der COP30, erwartet, um über Maßnahmen für mehr Klimaschutz zu beraten. 

Ob ein Zimmer in umgebauten Strip-Clubs, bei Privatpersonen oder eben auf mehrstöckigen Dampfern: Belém musste aus Mangel an Unterkünften kreativ werden bei der Unterbringung. Die Zimmerpreise, egal wo: mehrere hundert Dollar pro Nacht.

Ein Wald  und ein Fluss, am Horizont die Großstadt Belèm in Brasilien.
Belém ist das Tor zum Amazons. Brasilien will Milliarden für den Schutz tropischer Wälder einsammeln und einen weltweiten Fonds aufsetzen, der Anreize für deren Erhaltung bieten soll. Bild: Anderson Coelho/REUTERS

'Konferenz der Wahrheit' und der Widersprüche

Es soll eine "Konferenz der Wahrheit werden", kündigte Brasiliens Präsident Lula bereits vor den Verhandlungen an. Die Realitäten, die sich in Brasilien zeigen, gehen weit auseinander:

Die eine: zunehmende Waldbrände, Dürren, veränderte Regenzeiten - die Klimakonferenz findet im Epizentrum der voranschreitenden Klimakrise statt. Der Amazonas ist extrem wichtig für das regionale und globale Klima.Die Menschen hier  sind direkt von der Zerstörung der einzigartigen Ökosysteme, der Abholzung und den direkten Folgen der Klimakrise betroffen.

Die Amazonasregion gilt als Armenhaus des Landes. Und Extremwetterereignisse, die durch den Klimawandel häufiger und schwerwiegender werden, treffen arme Menschen weltweit besonders stark.

Die andere Wahrheit ist die politische: Die Weltgemeinschaft ist weit entfernt von ihrem selbst gesteckten Ziel die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu reduzieren. Gleichzeitig schließt sich das Zeitfenster, in dem dieses Ziel noch zu erreichen ist. 

Die Schwüle mit schweißtreibenden Temperaturen in Belém sind ein Vorgeschmack für eine wärmere Zukunft, in der immer mehr Regionen zunehmend unter Hitze leiden.

Viele Baustellen in Belém – Anpassung im Fokus

Zum zehnten Jubiläum des historischen Pariser Klimaabkommens von 2015 hat Gastgeber Brasilien die COP30 zu einer  "Konferenz der Umsetzung" ausgerufen.

Daran hat es in den vergangenen Jahren definitiv gemangelt. Kein einziges Land der Erde tut derzeit genug, um die Erderwärmung auf 1.5 Grad zu begrenzen.

Die Baustellen sind dementsprechend groß und zahlreich.

Eines der Hauptthehmen wird die Anpassung an den Klimawandel sein. Die Auswirkungen auf Wirtschaft, Ökosysteme und die Menschen sind inzwischen überall auf der Welt spürbar. Diese Folgen abzufedern und sich an die zunehmenden Temperaturen anzupassen, wird immer drängender.

Ärmere und Entwicklungsländer, die besonders vom Klimawandel betroffen sind, fordern dafür deutlich mehr finanzielle Unterstützung sowie den Zugang zu Technologien von reichen Ländern.

Ein 1,5 Grad-Ziel, wie beim Klimaschutz, gibt es für den Bereich Anpassung noch nicht. Deshalb wollen sich die Staaten darauf verständigen, welche Indikatoren für die Messung des Erfolgs von Anpassungsmaßnahmen herangezogen werden

Und dann ist da noch die Kernfrage, ob und wie schnell die Länder ihre klimaschädlichen Emissionen senken werden.

Eigentlich hätten alle Länder schon im September neue Ziele für 2035 vorlegen sollen. Drei Tage vor Beginn der Konferenz waren es gerade mal 72.  

Ein indigener junger Mann hält ein Plakat in die höhe, darauf steht: "fossil frei gleich gerechte Zukunft" Er steht in einer Reihe mit anderen jungen Menschen und hat einen traditionellen Federschmuck um den Hals.
Proteste im Vorfeld der Konferenz. Indigenen Gemeinschaften gelten als Hüter des Waldes in Brasilien, sie neue Öl-Felder im Amazonas verhindern.Bild: Eraldo Peres/AP Photo/picture alliance

COP-Präsident André Aranha Corrêa do Lago hatte dazu bereits im Vorfeld deutliche Worte gefunden. "Wir sind frustriert. Zwei Fristen sind bereits verstrichen, ohne dass die Länder ihre Verpflichtungen erfüllt haben. Das ist ärgerlich."

Kein guter Start also für die "Klimakonferenz der Wahrheit ".

Brasiliens Flaggschiff – ein Finanzvehikel im Amazonas

Für Brasilien unter Präsident Lula hat die Konferenz höchste Priorität, will man sich doch als Land präsentieren, dass nachhaltige Entwicklung mit wirtschaftlichem Fortschritt kombiniert. Und eine Führungsrolle auf der Weltbühne einnehmen kann.

Angesichts von zunehmenden Handelskonflikten, dem Krieg in der Ukraine und der Lage in Gaza haben es Multilateralismus und Klimapolitik derzeit besonders schwer. Die USA als zweitgrößter Emittent sind mit dem Amtsantritt von Donald Trump als Präsidenten erneut aus dem Abkommen ausgetreten und bekämpften seitdem alles, was mit Klimaschutz zu tun hat. 

Viele Beobachter blicken mit Sorgen auf die kommenden Verhandlungen. Immerhin sehen viele die Rolle des Gastgeberlands positiv.

“Brasilien ist in einer einzigartigen Position, um als Brückenbauer zu fungieren. Denn es versteht die Herausforderung, vor der viele Schwellenländer stehen: Klimaschutzmaßnahmen voranzutreiben und gleichzeitig das Wirtschaftswachstum zu fördern.” sagt Karen Silverwood-Cope vom World Ressource Institute Brazil. 

Dennoch steht Brasilien auch in der Kritik, da es kurz vor der Konferenz noch ein Vielzahl neuer Bohrlizenzen für fossile Brennstoffe vergeben hat. 

Luiz Inácio Lula da Silva in rotem Jacket schüttelt die Hand von Chinas Vize-Premierminister vor im schwarzne Anzug
Bei den Verhandlungen wird es besonders auf diese beiden ankommen: Brasiliens Präsident Lula da Silva mit Chinas Vize-Premierminister Bild: Adriano Machado/REUTERS

Gleich zu Beginn der Konferenz wird Brasilien eine Initiative zum Schutz tropischer Wälder vorstellen, die für Klimaregulierung und Artenvielfalt besonders wichtig sind: Die "Tropical Forest Forever Facility ",ein Prestigeprojekt des Gastgebers.

Es geht um einen neuen Fond, den man mit staatlichen Geldern und vor allem privaten Investoren aufbauen will. Länder, die ihre Wälder besonders schützen, sollen mit den Mitteln aus dem Fond belohnt werden. Mindestens 20 Prozent der Zahlungen sind für indigenen Gruppen vorgesehen. Insgesamt 125 Milliarden US-Dollar sollen für den Fond gesammelt werden.

EU kommt mit Kompromiss-Klimazielen nach Belém

Auch die EU wird im Fokus der Verhandlungen sein. Galt die Union bisher als Klimavorreiterin, gab es bis zuletzt heftigen Streit über die Klimaziele der Staatengemeinschaft.

Bei Last-Minute Verhandlungen in Brüssel wenige Tage vor der COP30 konnten sich die Umweltminister der EU-Staaten dann doch noch auf gemeinsame Klimaziele einigen. Das Ergebnis: ein abgeschwächter Kompromiss, der hinter dem Vorschlag der EU-Kommission und wissenschaftlichen Empfehlungen zurückbleibt. 

Bis 2035 wollen die EU-Staaten ihre Emissionen insgesamt zwischen 66,25 und 72,5 Prozent reduzieren. Bis 2040 sollen es dann mindestens 85 Prozent sein. Zusätzliche 5 Prozent sollen durch Emissionszertifikate aus dem Ausland erreicht werden. Wie sinnvoll letzteres für den Klimaschutz ist, bleibt fraglich. 

Besonders osteuropäische Länder wie Polen, Tschechien und Ungarn hatten auf weniger Klimaschutz gedrängt.  

Ein Tisch mit mehreren Politikern: Lula da Silva links, trifft EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen
Mit frischen Klimazielen ging es für EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen schon vor der Eröffnung der Konferenz nach Belèm - zum Treffen der Staats- und Regierungschefs.Bild: Ricardo Stuckert/Brazilian Presidency/AFP

Das Ringen um die Ziele zeigt, wie groß der Druck auf die Klimapolitik in Europa ist.

Einerseits hat die EU weltweit noch immer eines der ambitioniertesten Programme zur Transformation der Wirtschaft. Gleichzeitig werden derzeit Reformen des Green Deal, dem grünen Industrieprogramm der EU, teilweise zurückgenommen oder sollen abgeschwächt werden.

Auf internationalem Parkett fragt man sich daher immer lauter, welche Führungsrolle die EU derzeit noch hat oder haben will.  

Ehemaliger Klima-Vorreiter Deutschland bremst 

Dass die EU beim Klima derzeit auf die Bremse tritt, liegt auch an der deutschen Bundesregierung. Das sagt der Klimawissenschaftler Niklas Höhne vom New Climate Institute.

Die Bundesregierung hat zwar das Ziel bis 2045 klimaneutral zu sein, würde dies aber nach heutigem Stand verfehlen. Sie will die deutsche Gasinfrastruktur weiter ausbauen und weniger konsequent auf erneuerbare Energien setzen.

Das sei nicht nur für Deutschland besorgniserregend, "sondern auch für die EU. Denn Deutschland ist ein äußerst wichtiger Akteur in der EU und arbeitet ebenfalls darauf hin, die Klimaschutzmaßnahmen in der EU etwas zu lockern. Und das hat wiederum Auswirkungen auf globaler Ebene. Wenn die EU nicht vorangeht, wer dann?" so Höhne.

Das derzeitige Vakuum ehrgeiziger Big-Player könnte bedeuten, dass China zunehmend eine Vorreiterrolle einnimmt, vermutet Jan Kowalzig, Klimaexperte bei der gemeinnützigen Organisation Oxfam. Dass sich China allerdings bemühen wird, andere zu mehr Ehrgeiz zu bewegen, bezweifelt er.

"In der Vergangenheit war China eher darauf bedacht, seine nationalen Interessen zu schützen, als den kollektiven Fortschritt im Klimaschutz voranzutreiben."

Auch die EU-Kommission will Druck auf China ausüben sich mehr zu engagieren.

Man müsse auf China setzten, davon ist Mark Bynoe vom Carrribean Community Climate Change Center überzeugt.

Obwohl sich die EU derzeit uneinig ist, erwartet Bynoe ehrgeizige Verhandlungen von der Union.

Die Wissenschaft fordert dringend mehr Klimaschutz, um künftige katastrophale Folgen abzuwenden.

"Wir brauchen konkrete Ambitionen, konkrete Technologietransfer, nicht die üblichen Plattitüden," so Mohamed Adow von der Nichtregierungsorganisation Power Shift Africa.

Marina Silva: Brasiliens Stimme für das Klima

Den nächsten Abschnitt Mehr zum Thema überspringen