Sind Frauen die besseren Anleger?
3. Mai 2026
"Der Auslöser war etwa Mitte 2024", sagt Stephanie Wilks‑Wiffen von eToro, einer Online-Anlageberatung. Damals las sie den jährlichen Bericht des britischen Medienunternehmens Boring Money, der zeigte, dass die Investitionslücke zwischen den Geschlechtern in Großbritannien größer geworden ist - Männer machten fast 60 Prozent der Anleger aus.
Das inspirierte eToro, die Kampagne "Loud Investing" zu entwickeln, die Frauen beim Investieren schulen und bestärken soll. Gestartet im Oktober 2025, ist sie bei Weitem nicht die einzige Initiative, die sich gezielt an Investorinnen richtet.
Wilks‑Wiffen beobachtet, dass frauengeführte Initiativen in der Branche in den vergangenen sechs bis zwölf Monaten angestiegen sind. Online-Broker starten neue Marken‑Kampagnen, produzieren "Female Finance"-Podcasts oder sponsern Frauensportteams. "Je mehr, desto besser", sagt sie. "Selbst wenn unsere Botschaften nicht ankommen, dann vielleicht die der anderen aus der Branche."
Männer dominieren den Aktienhandel
Frauen sind in der Welt der Geldanlage seit Langem unterrepräsentiert. Heute besitzen Männer etwa zwei Drittel der an den Börsen ausgegebenen Aktien. Dass Frauen beim Investieren weiterhin vor vielen Hürden stehen, hat Gründe: Sie verdienen im Durchschnitt weniger als Männer, was bedeutet, dass ihnen von vornherein weniger Geld zum Investieren zur Verfügung steht. In ihrer Kindheit und Jugend erhalten sie zudem nicht die gleiche finanzielle Bildung, was später zu geringerer Finanzkompetenz führt.
Historisch wurden Frauen vom Finanzsektor ausgeschlossen. Im Vereinigten Königreich etwa durften Frauen bis Mitte der 1970er nicht an der Londoner Börse handeln und sie wurden beim Zugang zu Finanzdienstleistungen diskriminiert: Banken verlangten häufig die Zustimmung eines Vaters oder Ehemanns, um überhaupt ein Konto eröffnen zu können.
"Eine einfache Verschiebung der Rhetorik"
"Wir müssen eine Sprache verwenden, die die Stärken von Frauen - Geduld und Disziplin - würdigt, und ein Umfeld schaffen, in dem sich Frauen wohlfühlen", sagt Wilks‑Wiffen. So setze eToro in seinen Online‑Lerninhalten verstärkt auf Moderatorinnen und thematisiert die psychologischen Hürden, mit denen Erstinvestorinnen konfrontiert sind. Die Daten zeigen, dass Frauen fähige Anlegerinnen sind, und das Wissen darüber steigert ihre Bereitschaft zu investieren. In der Finanzbranche werden häufig Berichte wiederholt, nach denen Risikoaversion und mangelndes Selbstvertrauen Frauen ausbremsen.
"Wenn wir Menschen wie Stereotype behandeln, riskieren wir irgendwann, dass sie zum Stereotyp werden", sagt Ylva Baeckstrom, Dozentin für Finanzen am King's College London. Es werde zu viel Gewicht auf angeblich mangelndes Selbstvertrauen von Frauen gelegt, "während in Wahrheit Selbstüberschätzung die Performance ruiniert". Laut Baeckstrom verlieren Männer eher Geld durch kurzfristigen Handel und stark konzentrierte Risikobereitschaft als Frauen. "Wenn Frauen investieren, schneiden sie oft besser ab als Männer." Eine Studie der Warwick Business School aus dem Jahr 2018 ergab, dass Frauen Männer beim Investieren um 1,8 Prozentpunkte übertreffen.
Frauen haben zudem andere Anlageprioritäten. Sie investieren nachhaltiger als Männer und berücksichtigen häufiger Umwelt‑, Sozial‑ und Governance‑Faktoren. "Frauen denken einfach ganz anders über ihr Geld nach. Dennoch werden diese Bedürfnisse nicht ausreichend bedient", sagt Christine Yu, Mitgründerin des Finanzbildungsunternehmens Sophia. Frauen suchen häufiger als Männer professionelle Finanzberatung - insbesondere beim Übergang in neue Lebensphasen, etwa bei der Familienplanung, bei Scheidung oder Verwitwung.
Potenzial Frauen-Vermögen
Online-Broker haben auch ein wirtschaftliches Interesse daran, Frauen stärker in ihre Kundenbasis zu integrieren. "Die Steigerung der Beteiligung von Frauen am Investieren ist eines dieser Win‑win‑Szenarien", sagt Baeckstrom. Laut dem World Economic Forum könnte die Finanzdienstleistungsbranche (zu der etwa Banken, Anlage-Unternehmen und Kreditkartenanbieter gehören) ihre Einnahmen um 700 Milliarden US‑Dollar steigern, wenn sie Frauen besser bedienen würden.
Das Vermögen von Frauen dürfte in den kommenden Jahren zudem stark wachsen - insbesondere in Asien. Ein Grund dafür ist der Vermögenstransfer, bei dem Babyboomer ihr Vermögen an ihre Kinder weitergeben. Das sei eine Chance für die Finanzdienstleistungsbranche, erklärt Baeckstrom. "Sie muss ihre Angebote für Frauen verbessern, sonst wenden sich die Frauen ab - und das tun sie oft, wenn sie Vermögen erben."
Finfluencer haben Investorinnen im Blick
Nicht nur Online-Broker und Investmentplattformen haben diese Chance erkannt. In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Finanz‑Influencerinnen und ‑Influencer ("Finfluencer") sowie von Online‑Investment‑Communities gestiegen, die gezielt Frauen ansprechen.
Wie effektiv sind Online-Broker dabei, Investorinnen zu erreichen? Und beteiligen sich Frauen tatsächlich zunehmend am Aktienmarkt? "Die Geschlechter‑Investitionslücke ist bei jüngeren Generationen tatsächlich kleiner", sagte Leah Zimmerer, Postdoktorandin an der Universität Mannheim. Jüngere Generationen seien zudem aufgeschlossener gegenüber Online-Brokern. "Menschen zwischen 18 und 30 Jahren investieren eher", so Zimmerer. Angesichts von Inflation, hohen Lebenshaltungskosten und Sorgen um die Sicherheit der Altersvorsorge nähmen junge Menschen ihre finanzielle Zukunft zunehmend selbst in die Hand.
Werden Frauen der Generation Z weiter investieren?
Expertinnen und Experten warnen jedoch davor, vorschnelle Schlüsse zu ziehen. Selbst wenn jüngere Frauen sich häufiger für Investitionen entscheiden, heißt das laut Zimmerer nicht zwangsläufig, dass sie dies ihr Leben lang tun werden. Sie wies darauf hin, dass Frauen im Alter zwischen 40 und 50 Jahren zurückhaltender sind – also in der Lebensphase, in der sie stärker in familiäre Verpflichtungen eingebunden sind und seltener ihre eigenen Finanzen verwalten. Später, etwa bei Scheidung oder Verwitwung, verkleinert sich die Investitionslücke wieder.
Unklar ist, ob Frauen der Generation Z auch im höheren Alter in größerem Umfang investieren werden oder ob sie das Lebenszyklusmuster früherer Generationen übernehmen. Auch Baeckstrom ist skeptisch. "Wir dürfen uns nicht mit der Möglichkeit zufriedengeben, dass sich ein kurzfristiger Trend zu einem langfristigen Phänomen entwickelt", sagte sie. "Wir brauchen große Verbesserungen, um wirklich gleiche Wettbewerbsbedingungen zu schaffen."