1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen

Cannabis: Wie viel ist zu viel? Das lässt sich jetzt messen

12. Januar 2026

Ab wann wird Kiffen riskant? Eine britische Studie misst Cannabis in THC‑Units, ähnlich wie Alkohol, und zeigt, ab welcher Wochen‑Dosis das Risiko steigt. Das System hat klare Grenzwerte – aber auch Schwächen.

https://p.dw.com/p/56fdD
Mann konsumiert einen Joint
Die vorgeschlagenen THC-Units können bislang vage Aussagen zum Cannabiskonsum präzisieren. Aber sie machen Kiffen nicht ungefährlich. Bild: Henry Romero/REUTERS

Schon wenige Joints pro Woche können den Unterschied machen – zumindest, wenn man es in Milligramm THC misst. Die neue Studie der Forscherin Rachel L. Thorne und ihres Teams liefert erstmals konkrete Schwellenwerte dafür, ab welcher wöchentlichen Dosis die Gefahr einer Cannabiskonsumstörung deutlich wächst. Thorne ist Psychologin und Suchtforscherin an der University of Bath in Großbritannien; ihre Studie erschien am Montag im Fachjournal der Society for the Study of Addiction.

Wieviel THC pro Woche wird kritisch?

Die Forschenden nutzten Daten der CannTeen‑Studie mit 85 Jugendlichen (16–17 Jahre) und 65 Erwachsenen (26–29 Jahre), die im letzten Jahr Cannabis konsumiert hatten. Eine THC‑Unit ist dabei auf 5 Milligramm festgelegt – analog zu Standarddrinks im Alkoholbereich, mit denen sich Bier, Wein und Spirituosen vergleichbar machen lassen.

Aus den wiederholten Erhebungen der Konsummuster und einer klinischen Diagnose am Studienende leiteten die Forschenden Schwellenwerte ab, die zwischen unauffälligem Konsum und Cannabiskonsumstörung unterscheiden.

Eine Cannabiskonsumstörung liegt vor, wenn jemand seinen Cannabiskonsum nicht mehr gut kontrollieren kann und trotz klarer Probleme im Alltag weiterkifft. Typisch ist, dass Pflichten in Schule, Beruf oder Familie vernachlässigt werden und Entzugserscheinungen wie Unruhe oder Schlafstörungen auftreten, wenn man versucht, aufzuhören.

Bei Jugendlichen lag dieser Schwellenwert bei etwa 6 THC‑Units pro Woche – also rund 30 Milligramm THC –, bei Erwachsenen bei gut 8 Units, also gut 40 Milligramm pro Woche; für moderate bis schwere Störungen lagen die Werte noch höher. Vollständig risikofrei sei nur Abstinenz, betont das Forschungsteam.

THC‑Units nach Vorbild aus der Alkohol-Forschung

Der Ansatz knüpft klar an die Alkohol-Forschung an: Auch dort werden Konsummengen in Standarddrinks oder Units gemessen, und es sind Schwellen für "riskanten" Konsum etabliert, etwa für Rauschtrinken.

"Schwellenwerte sind grundsätzlich sehr nützlich, um Gesundheitsrisiken zu kommunizieren", sagt Jakob Manthey vom Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung am Universitätsklinikum Hamburg‑Eppendorf (UKE). Doch es gibt auch Risiken. "Es besteht die Gefahr, dass ein Konsum unterhalb des Schwellenwertes als harmlos oder gar gesundheitsfördernd interpretiert wird", so Manthey, der nicht an der Studie beteiligt war.

Anders als bei Alkohol enthält Cannabis jedoch viele aktive Bestandteile, deren Zusammenspiel Wirkung und Risiko beeinflusst. THC ist zwar der wichtigste Risikofaktor, aber andere Cannabinoide und die Konsumform – ob Joint, Vaporizer oder Edibles – verändern Dosis und Wirkung erheblich.​

Wie zuverlässig sind die THC-Zahlen der Studie?

Eine Stärke der Studie ist, dass die Forschenden dieselben Personen ein ganzes Jahr lang immer wieder zu ihrem Cannabiskonsum befragt haben. Allerdings ist die Stichprobe mit insgesamt 150 Personen klein, und der tatsächliche THC‑Gehalt der konsumierten Produkte musste über externe Quellen geschätzt werden, weil keine Laboranalysen der individuellen Proben vorlagen.

Die Zahlen sind daher eher als erste Richtwerte denn als harte Grenzwerte zu verstehen. Aber sie zeigen wenig überraschend: Je höher die wöchentliche THC‑Aufnahme, desto größer das Risiko einer Cannabiskonsumstörung. 

Nutzen für Diagnose, Therapie und Vorsorge beim Cannabis-Konsum

Für Diagnose und Behandlung ersetzen die neuen Schwellenwerte keine Ärztin und keinen Therapeuten, sie können aber beim Vorsortieren helfen. Fachleute könnten Betroffene gezielt fragen, wie viele THC‑"Units" sie pro Woche konsumieren, um das Risiko besser einzuschätzen und eine beginnende Störung früher zu sehen.

Dabei orientieren sie sich an Leitlinien zur Behandlung cannabisbezogener Störungen, laut der die Häufigkeit, Menge und Stärke des Cannabis wichtige Risikofaktoren sind.

Ein standardisiertes Unit‑System könnte diese Angaben künftig besser vergleichbar machen – ändern wird es den Konsum aber nicht allein, denn neben Wissen spielen auch Verfügbarkeit, Werbung und Schutzmaßnahmen wie Jugendschutz und Werbebeschränkungen eine große Rolle.

Drogen - die Sucht nach dem Rausch

Was THC-Units können – und was nicht

Ein zentrales Problem bleibt die praktische Umsetzbarkeit: Viele Konsumierende kennen den THC‑Gehalt ihrer Produkte nicht, vor allem bei Eigenanbau oder illegalen Quellen.

"Mit der aktuell geltenden Regulierung wird es zu keiner flächendeckenden Kommunikation von THC‑Units kommen, da Konsumierende häufig keine zuverlässige Möglichkeit haben, den THC‑Gehalt der verfügbaren Produkte zu kennen", so Jakob Manthey. ​

Der britische Neuropsychopharmakologe David Nutt sieht in der neuen Analyse dennoch einen wichtigen Schritt: Die Daten böten "eine Schätzung eines Schwellenwerts des wöchentlichen Konsums, um das Abhängigkeitsrisiko zu minimieren", betont er und fordert eine regulierte Cannabis‑Marktordnung mit klar gekennzeichneten THC‑Units – analog zu Alkohol. Nur dann könnten Konsumierende ihr Risiko wirklich steuern.

Die vorgeschlagenen THC‑Units könnten also die bislang vage Rede von "viel" oder "riskant" beim Cannabiskonsum zu präzisieren. Aber wer seine Gesundheit schützen will, braucht mehr als nur eine Zahl pro Woche: Ehrliche Information über die Stärke, eine wirksame Prävention und im Zweifel die Bereitschaft, den Konsum zu begrenzen oder ganz zu lassen.

DW Mitarbeiterportrait | Alexander Freund
Alexander Freund Wissenschaftsredakteur mit Fokus auf Archäologie, Geschichte und Gesundheit