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FilmEuropa

Cannes 2022 vom Ukraine-Krieg gezeichnet

Julia Hitz
17. Mai 2022

Das Filmfestival von Cannes ist zurück. Eröffnet wurde es von Wolodymyr Selenskyj. In einer Videoansprache erinnerte er an die politische Verantwortung des Kinos. Schwierige Themen an der Croisette.

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Auf einer Großbildleinwand ist per Video Wolodymyr Selenskyi auf der Bühne von Cannes zu sehen.
Per Video in Cannes zu Gast: Wolodymyr SelenskyiBild: Serge Arnal/Starface/IMAGO

Für Glamour sorgen und trotzdem politisch sein, das war immer schon der Anspruch des wichtigsten europäischen Filmfestivals in Cannes. Doch in Zeiten eines Krieges in Europa sorgt der Zusammenhang für Konfliktpotential. Der künstlerische Leiter Thierry Frémaux hatte schon früh angekündigt, bei der 75. Jubiläumsausgabe keine offiziellen russischen Delegationen empfangen zu wollen. Russische Filmemacher ins Programm zu nehmen, hatte sich Frémaux allerdings vorbehalten.

Der russische Filmemacher Kirill Serebrennikov ist nun mit seinem Film "Tschaikowskis Frau" zum Wettbewerb eingeladen worden. Er habe keine staatliche russische Förderung erhalten, argumentierte Frémaux. Serebrennikov ist zum dritten Mal in Cannes. Der Russe, der in seinem Heimatland zwei Jahre lang unter Hausarrest stand, lebt mittlerweile in Deutschland. Der Film erzählt eine biografische Episode aus dem Leben des weltberühmten russischen Komponisten Peter Tschaikowski, der aus Angst, sich als homosexuell zu outen, eine in ihn verliebte junge Frau heiratete - und sie mit in eine Tragödie riss.

Schauspieler Forest Whitaker hebt eine Hand zum Winken
Oscar-Preisträger Forest Whitaker erhält in Cannes die Goldene EhrenpalmeBild: Eric Gaillard/REUTERS

Videobotschaft vom ukrainischen Präsidenten Selenskyj

Bei der Eröffnungsfeier am Dienstagabend wurde die Videoansprache des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj mit stehenden Ovationen begrüßt. Seine Botschaft war eindrücklich: "Am Ende wird der Hass verschwinden und die Diktatoren werden sterben", sagte er darin. Zudem erinnerte er an die Macht des Kinos während des Zweiten Weltkriegs, indem er auf den Film "Der große Diktator" verwies, in dem Charlie Chaplin Adolf Hitler verspottete. "Wir brauchen einen neuen Chaplin, um heute zu beweisen, dass das Kino nicht stumm ist", sagte Selenskyj. "Wird das Kino schweigen, oder wird es sich zu Wort melden? Kann sich das Kino aus der Sache heraushalten?", fragte er, und erhielt für seinen Auftritt am Ende stehenden Applaus.

Wolodymyr Selenskyj auf großer Leinwand in einem Kinosaal in Cannes.
Wolodymyr Selenskyj richtete sich bei der Eröffnungsfeier per Video an das PublikumBild: Christophe Simon/AFP/Getty Images

Nur wenige Frauen in der Regie

Im Wettbewerb der 75. Filmfestspiele konkurriert "Tschaikowskis Frau" mit 20 weiteren Filmen, nur vier davon unter der Regie von Frauen. Sie sehe noch keine Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern und Minderheiten in der Filmindustrie, sagte die Schauspielerin und Regisseurin Rebecca Hall, die in diesem Jahr als Mitglied der Jury über die Vergabe der Goldenen Palme mitentscheidet.

Oscar-Preisträger Forest Whitaker, der in Cannes den von ihm produzierten Film "For the Sake of Peace" vorstellt, sagte, für mehr Diversität müsse für die Umsetzung entsprechender Themen Geld eingesammelt werden. In seinem Film versucht eine junge Frau im Südsudan, Frieden zwischen verfeindeten Gruppen herzustellen. Whitaker erhält in Cannes die Goldene Ehrenpalme.

"Ich glaube, wir haben Fortschritte gemacht, aber es ist noch nicht geschafft", sagte Rebecca Hall weiter. Ihr Jury-Kollege Jeff Nichols rechnete damit, dass Themen wie die Perspektive von Minderheiten in den Diskussionen der Jury eine Rolle spielen könnten.

Ebenfalls in der Jury sitzt der iranische Filmemacher Asghar Farhadi, der sich in seiner Heimat bald einem Urheberrechtsprozess stellen muss. Eine frühere Studentin wirft ihm vor, für seinen Film "A Hero" - im Vorjahr in Cannes mit einem Preis gewürdigt - ihre Idee geklaut zu haben, die sie in einem Dokumentarfilm umgesetzt hatte.

Der zweifache Oscar-Preisträger widersprach dieser Darstellung am Eröffnungstag in Cannes. Die Geschichte beruhe auf einer wahren Begebenheit, über die zahlreiche Medien berichtet hätten - und daher nicht unter das Urheberrecht falle: "Wenn ein Ereignis bereits stattgefunden hat, gehört es in den öffentlichen Bereich."

Die Jury der Filmfestspiele von Cannes sitzt bei einer Pressekonferenz vor Mikrofonen.
Die Jury um Rebecca Hall und den Vorsitzenden Vincent Lindon will Minderheiten-Themen diskutierenBild: Petros Giannakouris/AP/dpa/picture alliance

Cronenberg, die Brüder Dardenne, Östlund - die Ausgezeichneten kehren zurück nach Cannes

Ins Rennen gehen einige Wiedergänger, die bereits eine Goldene Palme im Trophäenschrank haben: Der kanadische Altmeister David Cronenberg etwa gibt mit "Crimes of the Future" sein mit Spannung erwartetes Comeback.

In den Hauptrollen sind Léa Seydoux, Viggo Mortensen und Kristen Stewart zu sehen. Der Science-Fiction-Horrorfilm "Crimes of the Future" spielt in einer zukünftigen Welt, in der die biologische Beschaffenheit der Menschen durch fortschrittliche Technologien verändert werden kann. 

Weitere frühere Preisträger sind das belgische Bruderpaar Jean-Pierre und Luc Dardenne, der schwedische Regisseur Ruben Östlund, der Japaner Hirokazu Kore-Eda, der 2018 die Goldenen Palme für "Shoplifters" bekam, und der Rumäne Cristian Mungiu. Auch der südkoreanische Regisseur Park Chan-wook wurde schon zweimal in Cannes mit dem Preis der Jury geehrt. Sein im Wettbewerb laufendes Werk heißt "Decision to Leave" und ist ein Mysterythriller.

Mit Starbesetzung kann "Armageddon Time" aufwarten: Der Film des US-Amerikaners James Gray spielt in der Wahlperiode von Ronald Reagan, in der auch die Familie Trump ihre Finger im Spiel hat. Anne Hathaway und Anthony Hopkins spielen die Hauptrollen. Der Regisseur wurde bereits fünf Mal nach Cannes eingeladen, ging aber im Wettbewerb bisher stets leer aus.

Ein Mann rollt einen roten Teppich in Cannes aus.
Der rote Teppich ist in Cannes mindestens so wichtig wie die PalmenBild: Vianney Le Caer/Invision/AP/dpa/picture alliance

Grusel und Glamour in Cannes

Es gibt allerlei Gruseliges zu sehen dieses Jahr: Bereits der (außer Konkurrenz laufende) Eröffnungsfilm "Coupez!" von "The Artist"-Regisseur Michel Hazanavicius ist eine Zombie-Komödie. "Schnitt!" heißt der Titel übersetzt, ein Wortspiel mit Filmhandwerk und Vampirismus. Eigentlich sollte der Film "Z (comme Z)" heißen. Da dieser Name allerdings an das von Russland im Ukraine-Krieg verwendete Z-Symbol erinnert, wurde der Film umbenannt. 

Unheimlich wird es auch beim Thriller "Holy Spider", dem Wettbewerbsbeitrag des iranischen Regisseurs Ali Abbasi: Ein als "Spinnenmörder" bezeichneter Mann treibt in der heiligen iranischen Stadt Maschhad sein Unwesen, er selbst sieht seine Morde an Straßenprostituierten als göttliche Mission.
Für den Glamour sorgen einige Premierenfilme, die außer Konkurrenz laufen, allen voran die Fortsetzung des Action-Films "Top Gun", eines Kultfilms aus dem Jahr 1986. Tom Cruise spielt - auch 36 Jahre später - die Hauptrolle und wird an der Côte d'Azur erwartet. Ebenfalls außer Konkurrenz läuft der Film "Elvis" des australischen Regisseurs Baz Luhrmann. Die Vorfreude auf das Biopic des Kings of Rock'n'Roll ist groß. Darin mimt US-Schauspieler Austin Butler den jungen Elvis, sein ebenfalls legendärer Manager wird dargestellt von Tom Hanks.

Filmszene aus Top Gun: Soldaten und Soldatinnen stehen im Sonnenlicht neben einem Kampfjet. Ganz vorn steht Tom Cruise.
Stargast in Cannes: US-Schauspieler Tom Cruise im "Top Gun"-SequelBild: Picturelux/IMAGO

Europa und seine Migrationsgeschichte

Man kommt nicht umhin, festzustellen: Mit genau null Wettbewerbsbeiträgen ist der afrikanische Kontinent nicht repräsentiert. Immerhin widmen sich einige Regisseure Themen rund um Kolonialismus, Migration und Rassismus. Die belgischen Dardenne-Brüder zeigen mit "Tori und Lokita" ein Drama um zwei junge Migranten vom afrikanischen Kontinent. Die Hauptrollen übernahmen Joely Mbundu und Pablo Schils.

Die französische Regisseurin Lèonor Serraille erzählt in "Mother and Son" die Geschichte von Rose und ihren beiden Söhnen Ernest und Jean, die 1986 von der Elfenbeinküste nach Paris emigrieren. Der Film folgt der Familie bis ins Jahr 2010. Er zeigt, wie sie zusammenwächst, aber auch droht, auseinanderzubrechen. Das Werk des katalanischen Videokünstlers Albert Serra "Pacification - Tourment sur les iles" spielt in Französisch-Polynesien und nimmt die Konflikte zwischen französischem Etablissement und lokaler Bevölkerung in den Fokus.

Aufschlussreich für das Verständnis von Rassismus könnte der Wettbewerbsbeitrag von Christian Mungiu sein: Sein Drama "RMN" entfaltet sich in einer Dorfgemeinschaft in Siebenbürgen. Nach dem Zuzug ausländischer Fabrikarbeiter wird sie von rassistischen Vorurteilen eingenommen. Eine verstörende Mélange aus Ängsten, Frustrationen, Konflikten und Leidenschaften brechen sich Bahn.

Filmstill aus "The Stars At Noon": Nahaufnahme einer Frau, die in die Augen eines Mannes blickt, der ihren Kopf mit den Händen hält.
Filmstill aus "The Stars At Noon" von Claire DenisBild: Arte France Cinéma/Barnstormer Productions/Curiosa Films

Ukrainische Filme und Russland-Boykott

Anfang März hatten die Filmfestspiele verkündet, russische Delegationen von der Teilnahme auszuschließen, solange der Angriff Russlands nicht unter Bedingungen eingestellt werde, die das ukrainische Volk zufrieden stellten. Und tatsächlich sind in diesem Jahr keine offiziellen russischen Vertreter, keine russischen Filmschaffenden und auch keine russischen Filmkritiker oder Journalisten eingeladen worden. Dass der in Deutschland lebende Kirill Serebrennikov jetzt im Wettbewerb vertreten ist, weicht diese harte Position nur unmerklich auf.

Zum Opfer fiel ihr etwa der berühmteste russische Filmkritiker, der aus Lwiw stammende Andrej Plakhov. Er reagierte allerdings souverän: "Vielleicht müssen wir tatsächlich begreifen, was es ist, Bürger eines Aggressor-Landes zu sein", schrieb er in einem öffentlichen Statement auf seiner Facebook-Seite.

Die "Null Toleranz"-Politik gegenüber allem Russischen teilen allerdings nicht alle in der Ukraine: So äußerte sich etwa Sergei Loznitsa, der wohl renommierteste Filmemacher der Ukraine, noch im März gegen den pauschalen Boykott russischer Filme: "Das, was sich abspielt, ist schrecklich", sagte er in einem Interview für die Branchenzeitschrift Variety. "Aber ich appelliere an alle, nicht in einen Wahnsinn zu verfallen. Wir müssen über die Menschen nicht nach ihren Pässen urteilen, sondern nach ihren Handlungen." Diese Position bescherte Loznitsa einen Ausschluss aus der 2017 gegründeten nationalen Filmakademie der Ukraine. In Cannes läuft sein Film "The Natural History of Destruction" als Special-Screening außerhalb des Wettbewerbs.

Porträt Regisseur Mantas Kvedaravicius (schwarz/weiß-Foto)
Der Regisseur Mantas Kvedaravičius drehte 2014 eine Doku über Mariupol, die Fortsetzung der Dokumentation konnte er nicht zu Ende bringen. Er wurde 2022 von der russischen Arme in der Ukraine getötet.Bild: imago stock&people

Filmen an der Front

Auch der Film "Mariupolis 2" von Mantas Kvedaravičius wird in Cannes zu sehen sein. Der litauische Regisseur war im April in Mariupol von der russischen Armee ermordet worden. Seine Verlobte Hanna Bilobrova, die mit ihm vor Ort war, konnte das bereits gedrehte Material sichern. Zusammen mit Mantas Kvedaravičius' Cutterin Dounia Sichov entstand so ein erschütterndes hochaktuelles Zeitzeugnis. Es sei absolut unverzichtbar, "Mariupolis 2" in Cannes zu präsentieren, teilte das Festival mit. Deshalb sei der Film dem Programm nachträglich hinzugefügt worden. Seine Premiere ist am 19. Mai.

In einem der Nebenprogramme des Festivals, "Un Certain Regard" ("Ein besonderer Blick"), sorgt ein weiterer Film für Aufmerksamkeit: "Schmetterlingsvisionen" des jungen ukrainischen Regisseurs Maksim Nakonechnyi. Der noch vor dem Krieg fertiggestellte Film erzählt eine "harte surrealistische Geschichte einer Kämpferin, der Pilotin Lilja, die nach der Erfahrung der Gefangenschaft verzweifelt versucht, in ihr normales Leben zurückzukehren", so der Regisseur. "Leider war mein Film wohl eine Vorahnung des Krieges", so Maksim Nakonechnyi. Seit Beginn der russischen Invasion ist er nun an der Front - mit Waffe und Kamera. "Daraus soll ein Dokumentarfilm entstehen", sagt er.