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Heftige Niederlage und viele Fragezeichen

Jonathan Crane
12. Februar 2022

Chinas Eishockey-Team besteht zu zwei Dritteln aus Profis aus dem Ausland. Zu deren Einbürgerung und Spielberechtigung gibt es offene Fragen. Auch nach zwei Niederlagen zum Auftakt gegen die USA und Deutschland.

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Chinas Eishockey-Torwart Jeremy Smith nimmt mit in den Nacken geschobenen Helm seine Trinkflasche vom Tornetz
Aus Michigan USA ins chinesische Olympia-Team: Torhüter Jeremy SmithBild: Elsa/Getty Images

Der Torhüter von Chinas Olympia-Eishockey-Team, Jeremy Smith, wollte sich seinen Stolz nicht nehmen lassen. Auch wenn er im ersten Spiel gegen die USA deutlich häufiger den Puck aus dem eigenen Netz holen musste, als er es normalerweise gewöhnt ist. "Ich bin hier, um junge chinesische Eishockey-Spieler zu inspirieren", sagte der im US- Bundesstaat Michigan geborene 32-Jährige der DW nach der 0:8-Niederlage der Auftaktpartie gegen die USA - Chinas erstem olympischen Eishockey-Spiel überhaupt. "Es war wirklich eine Ehre. Ich bin stolz, das Trikot mit der Aufschrift China zu tragen und dankbar für die Möglichkeit, die ich als Spieler dieses Teams erhalten habe", sagte Smith. Im zweiten Turnierspiel gegen die deutsche Mannschaft gab es bei der knappen 2:3-Niederlage immerhin die ersten beiden Tore zu bejubeln.

Wie Smith sind eine ganze Reihe von Eishockey-Spielern - vornehmlich aus den USA und Kanada - im Hauruckverfahren für das chinesische Team rekrutiert worden. Der Grund: Eigene Spieler, die auch nur ansatzweise das Niveau der Profis aus Nordamerika und Europa haben, gibt es im Reich der Mitte so gut wie gar nicht. Zwei Drittel des 25er-Kaders sind nicht in China geboren, neben Smith spielten gegen die USA zwei weitere Spieler gegen die Auswahl ihres Geburtslandes. Dazu kommen mit elf Kanadiern und einem Russen zahlreiche weitere Spieler aus traditionellen Eishockey-Nationen. 

Und sie alle eint eins: die einmalige Chance, mit dem chinesischen Team bei Olympischen Spielen anzutreten - etwas, was angesichts des Niveaus und der Konkurrenz in den eigenen Ländern für sie unerreichbar wäre. Und es ist ein weiterer Beweis dafür, wie weit zu gehen China für den sportlichen Erfolg bereit ist. "Es war früh klar, dass die heimischen Spieler bei Olympia völlig chancenlos wären", sagt Mark Dreyer. Der in Peking lebende Sportexperte und Autor des Buches "Sporting Superpower" gilt als Insider im chinesischen Sport. "Es sah also sehr schlecht aus. Es drohten haushohe Pleiten auf dem Eis und damit die Blamage von China als Sportnation vor den Augen der Weltöffentlichkeit." 

Die Sache mit der Staatsbürgerschaft

Wenn es um Einbürgerungen geht, gehören die in China zu erfüllenden Kriterien zu den strengsten der Welt. Dass man es nicht so genau nimmt, zum Beispiel um Sportler für das Land zu gewinnen, war lange unvorstellbar. Doch außergewöhnliche Herausforderungen erfordern außergewöhnliche Maßnahmen. Welche China genau ergriff, ist im Fall von Smith und vielen seiner Teamkollegen bis heute allerdings unklar. 

Die Spieler des chinesischen Eishockeyteams klatschen sich nach dem Spiel gegen die USA ab
Chinas Oympia-Team nach der 0:8-Auftaktpleite gegen die USABild: VCG/imago images

Abgesehen von äußerst seltenen Ausnahmen ist die doppelte Staatsbürgerschaft in China nicht erlaubt. Aber ohne chinesischen Pass geht es auch nicht. Paragraph 41 der Charta des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) besagt nämlich: "Jeder Teilnehmer an den Olympischen Spielen muss die Staatsangehörigkeit des Landes des NOC [Nationales Olympisches Komitee] besitzen, das den Teilnehmer anmeldet." IOC-Pressesprecher Mark Adams sagte in der täglichen Olympia-Pressekonferenz am Freitag, ihm sei keine Änderung der bestehenden Regelungen bekannt. "Im Normalfall müssten sie im Besitz eines Passes sein", so Adams auf die Nachfrage nach Chinas Eishockey-Spielern mit ausländischen Wurzeln. 

"Ich glaube zuerst hat man es versucht, indem man den Spielern sagte: 'Gebt euren Pass ab, hier ist ein chinesischer.' Und die Spieler werden 'nein' gesagt haben, denn in Anbetracht der Situation hatten sie eine gute Verhandlungsposition, weil China sie unbedingt brauchte, um der Blamage zu entgehen", vermutet Dreyer. "Möglicherweise hat China dann klein beigegeben und gesagt: 'Okay, wie können wir das hier regeln?'" Für den Insider ist klar: "So oder so wurden Schlupflöcher genutzt. Doch diese dürfen nicht öffentlich werden, weil dann für alle sichtbar wird, dass hier spezielle Privilegien erteilt wurden." 

In China Chinese, in den USA Amerikaner

Die Suche nach der Antwort dürfte sich schwierig gestalten, denn chinesische Eishockey-Funktionäre versuchen, den Medien den Zugang zu den Spielern zu verhindern. So wurden sie vor den Spielen angewiesen, keine Interviews zu geben. Nach der Auftaktpleite gegen die USA verschwand ein Großteil der Spieler wortlos in der Kabine. Die wenigen, die in der "Mixed Zone" Reportern redeten, hielten sich an vorgegeben Statements.

Jeremy Smith wich auf Nachfrage der DW, ob er seiner US-Staatsbürgerschaft aufgegeben habe, aus: "Das ist Sport, das ist Eishockey. Ich bin hier, um China zu vertreten." Der Torhüter, der in China unter dem Namen Jieruimi Shimisi geführt wird ist laut eigener Aussagen in China "ein Chinese" und in den USA "ein Amerikaner". Nachfragen der DW zur Staatsbürgerschaftsfrage hat der chinesische Eishockey-Verband bis dato nicht beantwortet.

Der Artikel wurde aus dem Englischen Original übersetzt