Schuldlos betrunken: Darmbakterien erzeugen Alkohol im Blut
15. Januar 2026
Betrunken ohne Alkohol – was lange wie eine kuriose Anekdote klang, entpuppt sich als ernstzunehmende Stoffwechselstörung: Das Eigenbrauer-Syndrom, bei dem der Darm selbst Ethanol produziert, wird nun mithilfe des Mikrobioms besser verstanden.
Für das Auto-Brewery-Syndrom gibt es bislang keine belastbare Schätzung, wie viele Menschen weltweit betroffen sind. In der Fachliteratur wird die Erkrankung durchweg als "sehr selten" beschrieben, gleichzeitig gehen Ärztinnen und Ärzte von einer hohen Dunkelziffer aus, weil viele Fälle vermutlich als Alkoholmissbrauch oder andere Erkrankungen fehlgedeutet werden.
Wenn der Darm zur Brauerei wird
Beim Eigenbrauer-Syndrom werden Betroffene alkoholisiert, obwohl sie keinen Tropfen getrunken haben. Lange galten überschießende Hefepilze im Darm als Hauptverdächtige, doch neuere Arbeiten rücken bestimmte Bakterienarten ins Zentrum. Die aktuelle Studie in "Nature Microbiology" ist die bislang umfangreichste Untersuchung dieser extrem seltenen Erkrankung.
Die Studie stammt von einem Team um Bernd Schnabl und Cynthia Hsu an der University of California San Diego, einer großen US-Universitätsklinik mit Schwerpunkt Leber- und Mikrobiomforschung. Schnabl und Hsu werteten Stuhlproben von 22 Patientinnen und Patienten mit Eigenbrauer-Syndrom, 21 Haushaltsmitgliedern und 22 gesunden Kontrollen aus. Damit konnten sie die Rolle von Ernährung und Umfeld von derjenigen des Mikrobioms klarer trennen.
Bakterien als versteckte Alkoholproduzenten
Im Labor produzierten die Stuhlproben der Erkrankten deutlich mehr Alkohol als die der Kontrollgruppen. Verantwortlich dafür sind vor allem Darmbakterien wie Escherichia coli und Klebsiella pneumoniae, die Kohlenhydrate übermäßig zu Ethanol vergären.
"Diese Mikroben nutzen verschiedene ethanolbildende Stoffwechselwege", erklärt Schnabl, "sie können den Alkoholspiegel im Blut so weit ansteigen lassen, dass die Betroffenen nicht mehr fahrtüchtig sind."
Wenn "nur ein Bier" der Darm war
Das Eigenbrauer-Syndrom zeigt, wie radikal das Mikrobiom Verhalten und Gesundheit beeinflussen kann – bis hin zu Promillewerten, die vor Gericht oder bei Verkehrskontrollen über Schuld und Unschuld entscheiden.
Die eigentliche Zumutung dieser Krankheit ist damit nicht nur der Alkohol im Blut, sondern auch der Zweifel: Wer glaubt einem Menschen noch, der schwört, nichts getrunken zu haben, wenn sein eigener Darm als heimliche Brauerei arbeitet?
Fehldiagnose Alkoholismus und neue Diagnosewege
Viele Erkrankte werden zunächst als heimliche Alkoholiker abgestempelt – mit dramatischen Folgen für Alltag, Partnerschaften und vor allem ihre Glaubwürdigkeit.
Zugleich sind die bisherigen Diagnoseverfahren aufwendig, weil Patientinnen und Patienten unter strenger Aufsicht kohlenhydratreich essen müssen, während der Blutalkohol gemessen wird. Schnabl und Hsu schlagen vor, die Erkrankung künftig über Stuhlproben zu diagnostizieren und gezielt in den bakteriellen Stoffwechsel einzugreifen.
Therapie: Stuhltransplantation als Hoffnung
Eine standardisierte Therapie gibt es bisher nicht. Bei einem Patienten der Studie besserten sich die Beschwerden nach zwei Stuhltransplantationen deutlich. Eine Stuhltransplantation (fäkale Mikrobiota-Transplantation, FMT) klingt fies, ist aber sehr effektiv. Dabei werden Darmbakterien eines gesunden Spenders in den Darm eines Patienten übertragen, um dessen gestörtes Mikrobiom zu "resetten". Diesen vielversprechenden Ansatz wird das Team nun in einer Gruppe von acht Betroffenen systematisch weiter untersuchen.
Fachleute sehen in den neuen Erkenntnissen einen wichtigen Schritt zu personalisierter Mikrobiom-Medizin, warnen aber vor verfrühtem Optimismus: Bis zu einer etablierten Behandlung seien größere Studien und Langzeitdaten nötig.