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Politik

Das Erbe des "Islamischen Staats"

12. Januar 2018

Die Terrororganisation IS ist militärisch weitgehend besiegt. Doch ideologisch lebt sie weiter. Zum Beispiel bei vielen Kindern, die unter dem IS-Regime aufwuchsen. Auch andere Herausforderungen bleiben.

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IS trainiert Kinder an Waffen
Bild: picture-alliance/dpa/G. Habibi

Die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) ist in Syrien und im Irak weitgehend vernichtet. Nach Angaben des US-Militärs haben die Dschihadisten 98 Prozent des von ihnen beherrschten Gebiets in den beiden Ländern verloren. Nach dem Willen der syrischen, irakischen und amerikanischen Militärs sollen ihnen auch die verbleibenden zwei Prozent entrissen werden. Um dies zu erreichen, flog das US-Militär nach Angaben des amerikanischen Verteidigungsministeriums allein in der Woche vom 29. Dezember bis zum 5. Januar viele Luftschläge. Mit dabei: Kampfflugzeuge, Hubschrauber, Drohnen, Raketen, schwere Artillerie.

Der IS sei zwar "gebrochen und zerschlagen", erklärt die Pentagon-Sprecherin Dana W. White. Allerdings sei die Arbeit damit noch nicht getan. Nun komme es darauf an, das Terrain so zu sichern, "dass der IS nie wieder auferstehen kann".

Irak Rettungssanitäter versorgen ein verletztes Mädchen in Mossul, dessen Eltern mutmaßlich IS-Kämpfer waren
Verletzte Waise in Mossul, deren Eltern mutmaßlich IS-Kämpfer warenBild: picture-alliance/dpa/Zumapress/C. Guzy

Doch dieses Ziel dürfte sich nur schwerlich erreichen lassen. Und zwar aus einem Grund: Der IS mag im Irak und in Syrien physisch weitestgehend vernichtet sein. Doch seine Ideologie lebt weiter. Der IS sei eine auf Dauer angelegte Organisation, heißt es auf der Website des Pentagon. Durch ein "Franchise-System" sichere er sich Kontinuität. "Obwohl der IS mit seinem Kalifat gescheitert ist, beobachten wir weltweit Ereignisse, die mit dem IS in Zusammenhang stehen."

Kampf gegen das Image des IS

Deshalb müsse es jetzt darum gehen, das "Image" des IS zu bekämpfen. Nach Einschätzung des Pentagons stehen die Aussichten, auch diesen Kampf zu gewinnen, nicht schlecht: "Die weltweit bekannte Marke "IS" verliert mit dem physischen Untergang des Kalifats an Glanz. Auch Geschichten über das grauenhafte Leben unter der Herrschaft des IS tragen zu dieser Entwicklung bei."

Dennoch ist der IS lange nicht besiegt. Die Dschihad-Organisation kehre vielmehr zu ihrer alten Form des verdeckten Guerilla-Kampfes zurück, schreibt der Nachrichtensender Al-Jazeera. Weiterhin versuchten sich Freiwillige seinen Reihen anzuschließen, hätten bei der Anreise über die Türkei aber Schwierigkeiten, die gut gesicherte Grenze zu Syrien zu überwinden.

Ruinen in den Köpfen

Neben den Freiwilligen, die dem IS aus dem Ausland zuströmen, sehen sich die Sicherheitsbehörden in Syrien und im Irak einem weiteren Problem gegenüber: den ideologischen und psychologischen Hinterlassenschaften des IS in seinem ehemaligen Herrschaftsgebiet. Zwar hat der IS in den meisten Gebieten kaum länger als drei Jahre geherrscht. Doch gerade für junge Menschen sind drei Jahre eine lange Zeit, insbesondere für ganz kleine Kinder, die in frühestem Alter die Gewalt der Dschihadisten erleben mussten: etwa die öffentlichen Strafen und Hinrichtungen, ausgeführt mit größtmöglicher Brutalität.

Mossul Irak Zerstörung Aufbau
Ein Leben in Ruinen: Mädchen im irakischen Mossul Bild: picture-alliance/dpa/F. Dana

"Selbst wenn sie nicht eigens ausgebildet  wurden, dürften sie Erinnerung an das Leben in einer Kriegszone mit sich tragen", sagt Daan Weggemans vom Institue of Security and Global Affairs an der Universität Leiden, gegenüber dem Internetmagazin Al-Monitor.

Eine verlorene Generation

Die jungen Menschen wurden in jener Zeit um ihre Ausbildung gebracht, lernten statt Lesen und schreiben den Umgang mit Waffen. "Es ist gut möglich, dass da eine verlorene Generation heranwächst", sagt Nadim Houry, Direktor der Forschungsgruppe Terror und Terrorbekämpfung bei Human Rights Watch, gegenüber Al-Jazeera. Doch auch viele Erwachsene hätten Schwierigkeiten, die Herrschaftszeit des IS hinter sich zu lassen. "Es fällt ihnen schwer, das Vergangene zu verarbeiten."

Das Problem einer vom IS produzierten "verlorenen Generation" dürfte in anderer Form bald auch Europa erreichen - nämlich Hunderten von Kindern, die von ihren Eltern nach Syrien und in den Irak mitgenommen wurden oder dort, in den Reihen des IS, geboren wurden.

Noch ist offen, wie die europäischen Staaten mit diesen Kindern verfahren werden. Die Situation unterscheidet sich von Land zu Land. Belgien etwa will Kinder unter zehn Jahren automatisch einreisen lassen. Voraussetzung ist eine DNA-Probe, anhand der sich belegen lässt, dass sie tatsächlich Kinder belgischer IS-Kämpfer sind. Im vergangenen Dezember wurden drei Kinder mutmaßlicher IS-Kämpfer mit französischem Pass per Flugzeug zurück nach Paris geholt. Bis dahin hatten sich die drei in Gewahrsam der irakischen Behörden befunden. Auch in den Niederlanden können Kinder von IS-Kämpfern grundsätzlich aus dem Ausland zurückgeholt werden. Derzeit aber plant die Regierung nicht, ihnen die niederländische Staatsangehörigkeit zu verleihen.

Maßnahmen in Deutschland

Auch Deutschland will die Kinder deutscher IS-Kämpfer zurückholen. Bereits jetzt warnen Verfassungsschützer vor den möglichen Gefahren, die insbesondere von älteren Kindern ausgehen können. "Wir sehen die Gefahr, dass Kinder von Dschihadisten islamistisch sozialisiert und entsprechend indoktriniert aus den Kampfgebieten nach Deutschland zurückkehren", erklärte Verfassungsschutz-Präsident Hans-Georg Maaßen. "Damit könnte auch hier eine neue Dschihadisten-Generation herangezogen werden." Das Problem, ergänzt Torsten Voß, Leiter des Hamburger Landesamtes für Verfassungsschutz, müsse gelöst werden, bevor die Sicherheitsbehörden aktiv werden. Was konkret geschehen soll, ist noch offen. Über Lösungsvorschläge denken Außenpolitiker aller Parteien derzeit intensiv nach. Aber erst nach der Regierungsbildung wird es zu konkreten Maßnahmen kommen können.

DW Kommentarbild | Autor Kersten Knipp
Kersten Knipp Politikredakteur mit Schwerpunkt Naher Osten und Nordafrika