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Die Geschichte des Parfüms: Von der Antike bis zu TikTok

Brenda Haas
20. Dezember 2025

Schon vor 4000 Jahren wurden in Mesopotamien die ersten Parfüms kreiert. Heute haben sie auch die Sozialen Medien erobert und brillieren als Hauptdarsteller auf PerfumeTok.

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Ein ägyptisches Wandrelief zeigt einen Mann, der eine Parfümflasche an seine Nase hält.
Aromatische Düfte sind schon seit Jahrtausenden beliebt Bild: Herve Champollion/akg-images/picture alliance

Bei Parfüm denken viele zuerst an duftende Flüssigkeiten in edlen Flakons. Doch der Name, abgeleitet vom lateinischen "per fumum" ("durch Rauch"), deutet auf einen ganz anderen Ursprung hin: Was wir heute als "Parfüm" definieren, unterscheidet sich stark von dem, was unsere Vorfahren darunter verstanden - und wofür sie es nutzten.

Seine Verbreitung über die Jahrhunderte ist auch eine Geschichte über wissenschaftliche Durchbrüche, Wissenstransfer, neue Handelswege, Kolonialismus und Rohstoffgewinnung sowie das Marketing der Neuzeit.

Ein Duft so alt wie die Zeit selbst

Laut der Britannica-Enzyklopädie waren Chinesen, Hindus, Ägypter, Israeliten, Karthager, Araber, Griechen und Römer schon in der Antike mit der Parfümherstellung vertraut. Hinweise auf Parfüm und dessen Verwendung finden sich auch in der Bibel sowie in den Hadithen - Berichten und Erzählungen über die Taten und Aussagen des Propheten Mohammed.

Ein Gemälde zeigt zwei Frauen in fließenden Gewändern. Eine sitzt vor einem Krug und zupft Rosenblätter, die andere kommt mit einem Korb mit Rosenblättern auf der Schulter zur Tür herein
Parfümherstellerinnen bei der ArbeitBild: Fine Art Images/Heritage Images/picture alliance

Die Ursprünge der Parfümherstellung reichen über 4000 Jahre zurück nach Mesopotamien. Damals verbrannte man aromatische Substanzen wie Weihrauch und Myrrhe in dem Glauben, dass der aufsteigende Rauch eine Brücke von der Erde zu den Göttern schlüge.

Die früheste bekannte "Nase" - also eine hochqualifizierte Meisterparfümeurin - war eine Frau namens Tapputi, deren Arbeit in Mesopotamien auf einer Keilschrifttafel aus der Zeit um 1200 v. Chr. dokumentiert wurde. "Tapputi war eine Muraqqitu, das war eine eigene Berufsgruppe von Parfümeurinnen, die an den assyrischen und babylonischen Höfen tätig waren", erklärt der Parfümeur und Historiker Alexandre Helwani gegenüber der DW.  "Das bedeutet, dass Frauen an den Königshöfen eine hochrangige 'parfümistische' Rolle innehatten."

Eine antike Tafel mit Keilschrift
Die Keilschrifttafel, auf der Tapputi erwähnt wird Bild: public domain

Laut der Archäochemikerin (eine Wissenschaftlerin, die chemische Methoden anwendet, um archäologische Materialien zu analysieren, Anm. d. Red.) Barbara Huber, deren Forschungsschwerpunkt auf den Beziehungen zwischen Mensch und Pflanze im Laufe der Geschichte liegt, umfasste der Begriff "Parfüm" eine Vielzahl von Duftstoffen und -praktiken: das Verbrennen von Weihrauch und aromatischen Hölzern, duftende Öle, Balsame, Salben und sogar Kosmetika.

"Viele davon wurden nicht nur zur persönlichen Verschönerung verwendet, sondern auch für rituelle Zwecke, als Opfergaben für Gottheiten, zur Reinigung oder Heilung. Die Grenzen zwischen Parfüm, Medizin und Kosmetik waren oft verschwommen", erklärt Huber gegenüber der DW.

Im alten Ägypten spielten aromatische Öle und Harze eine zentrale Rolle bei Ritualen und der Mumifizierung, während in Indien Sandelholzpaste auf die Haut aufgetragen, Jasmin in das Haar geflochten und Safran in die Kleidung eingewebt wurde - eine vielschichtige sensorische Praxis, die den Körper selbst heiligte.

Jüngste Forschungen haben sogar ergeben, dass griechisch-römische Skulpturen von Göttern und Göttinnen mit duftenden Substanzen "parfümiert" wurden, um sie lebensechter wirken zu lassen.

Antike gepunktete Terrakotta-Flasche in Form eines Hasen.
Etruskische Terrakotta-Parfümflasche in Form eines Hasen, datiert um 550 v. Chr.Bild: Liszt Collection/picture alliance

Vom Rauch zur Destillation

Weihrauch und Balsame wurden in der arabischen Welt während des Goldenen Zeitalters des Islam zu flüssigen Destillaten weiterentwickelt. Im Bagdad des 9. Jahrhunderts verfasste der Universalgelehrte Al-Kindi "Das Buch der Chemie der Parfümerie und Destillation", das erste umfassende Handbuch über Parfümherstellung.

Ein Jahrhundert später verfeinerte der persische Universalgelehrte Ibn Sina (im Westen als "Avicenna" bekannt) die Wasserdampfdestillation, um "Attars" (ätherische Öle) aus Blumen, insbesondere Rosen, zu extrahieren. Diese Methode diente späteren Parfümeuren als Vorlage.

Gemeinsam begründeten Al-Kindi und Ibn Sina viele der grundlegenden Techniken und Methoden, auf denen die moderne Parfümindustrie basiert.

Wie der Westen von den alten Praktiken profitierte

Über Umwege gelangten sie nach Europa. In Al-Andalus (oder Andalusien), dem vom 8. bis zum 15. Jahrhundert von Muslimen beherrschten Teil Spaniens und Portugals, übersetzten Gelehrte in Toledo arabische Texte ins Lateinische. Gleichzeitig blühte der Handel im Mittelmeerraum; in Häfen wie Venedig und Genua wurden Rosenwasser und Gewürze ausgeladen. Außerdem lernten die Europäer während der Kreuzzüge arabische Medizin- und Aromapraktiken aus erster Hand kennen.

Sie waren allerdings auch keine Neulinge bei der Parfümherstellung. Die Römer genossen duftende Bäder und Öle, mittelalterliche Adlige verwendeten Kräuter, Pomander (eine mit Parfüm oder Gewürzen gefüllte Kugel, Anm. d. Red.) und Weihrauch. Im Mittelalter diente Parfüm praktischen und symbolischen Zwecken: Ärzte stopften Kräuter in ihre Vogelschnabelmasken, um das Miasma (krankmachende "schlechte Luft", Anm. d. Red.) herauszufiltern, von dem man glaubte, dass es die Pest verursacht habe.

Ludwig XIV. von Frankreich ließ sein Lieblingswasser aus Orangenblüten aus den Brunnen des Schlosses von Versailles sprudeln, und duftende Handschuhe überdeckten nicht nur Gerüche ungewaschener Körper, sondern waren auch modische Accessoires.

Ein Mann mit Handschuhen, Hut, Vollgesichtsmaske mit vogelähnlichem Schnabel und  einem brennenden Stab in der Hand
Im Mittelalter trugen Ärzte trugen mit Kräutern gefüllte Masken mit Schnäbeln, weil sie glaubten, dass sie so von der Pest verschont bleiben würdenBild: Heinz-Dieter Falkenstein/imageBROKER/picture alliance

Die fortschrittlichen Techniken und reichhaltigen Inhaltsstoffe der arabischen Welt belebten die europäische Parfümerie neu und verwandelten sie in die hochentwickelte Industrie, die sie später werden sollte - indem sie Alkohol als Basis verwendete, um leichtere und länger anhaltende Parfüms herzustellen.

"Eau de Kolonialismus"

Es dauerte nicht lange und die europäische Parfümerie florierte. Die Zutaten für die edlen Düfte holte man sich in den Kolonien; sie hielten die aufstrebende Industrie am Leben.

"Marketingbilder neigen dazu, Rohstoffe als zeitlose Geschenke der Natur darzustellen, oft eingebettet in vager postkolonialer Exotik. Die komplexen Fragen der Landbesitzverhältnisse, der Arbeitsbedingungen, der Preisgestaltung und der Umweltauswirkungen werden dabei in der Regel ausgeklammert", erklärt Alexandre Helwani. 

Schwarz-Weiß-Holzstich, der Dutzende von Frauen an langen Tischen beim Sortieren von Blumen zeigt.
Holzstich aus Grasse, 1891: Der französische Ort gilt als Parfümhauptstadt der Welt. Unzählige Frauen pflücken die Blumenblätter ab, deren Duft später destilliert wirdBild: Granger/IMAGO

Ein eindrucksvolles Beispiel dafür ist Vanille. Im 16. Jahrhundert von den Spaniern nach Europa gebracht, wurde sie zu einer wichtigen Kolonialpflanze im Indischen Ozean. Helwani erzählt die Geschichte von Edmond Albius, einem Sklavenjungen auf der Insel Réunion (ehemals Bourbon), der 1841 im Alter von 12 Jahren die praktische Methode zur Handbestäubung von Vanilleorchideen entdeckte.

"Ohne ihn wäre Vanille eine Seltenheit geblieben. In einer Welt patentierter Technologien habe ich mich oft gefragt, wie reich Edmond Albius geworden wäre, wenn er nicht versklavt worden wäre", bemerkt Helwani und betont, dass "wenn wir über die Geschichte des Parfüms sprechen, wir gleichzeitig über die Geschichte der Imperien, des Handels und des Kolonialismus sprechen".

Schwarz-Weiß-Foto aus dem Jahr 1950 zeigt einen Mann, der Weihrauchharz von einem Baum gewinnt
1950 im ehemaligen Britisch-Somaliland: Der Weihrauch, der hier gesammelt wurde, ging nach EuropaBild: H. Wilson/IMAGO

Ein Hauch von Eurozentrismus?

Im Laufe der Zeit wurden europäische Parfümhäuser zu einer zentralen Größe im Bereich Branding und Marketing und festigten damit die Verbindung von Raffinesse mit europäischer Ästhetik. "Während die Grundzutaten aus verschiedenen Regionen der Welt mit einer reichen historischen Tradition der Verwendung von Aromastoffen stammen, sind die Präsentation und die Marketingbotschaften oft eurozentrisch geprägt", sagt Barbara Huber. 

So haben einige europäische Parfümhersteller, die Düfte als "orientalisch" klassifizieren, erhebliche Kritik auf sich gezogen. In einer Petition auf "change.org", die sich gegen eine solche Kategorisierung ausspricht, heißt es: "Der Begriff 'Orient' versucht, eine riesige Region einzubeziehen, darunter den Nahen Osten, Nordafrika und Südasien, wo viele alte Parfümherstellungspraktiken und Rohstoffe ihren Ursprung haben. Die konsequente Verwendung des Begriffs, um Exotik und Duft zu beschwören, verschleiert den Imperialismus und die Islamfeindlichkeit, die diese Regionen der Welt bis heute destabilisieren."

Seit den 2000er-Jahren hat sich ein Wandel im Marketing vollzogen, so dass zum Beispiel  "Amber" nicht mehr als orientalisch, sondern als intensiv-würzig angepriesen wird.

Schwarz-weißes Plakat, das für ein Parfüm mit orientalischem Duft wirbt
Wie riecht der "Orient" eigentlich?Bild: Gemini/IMAGO

Der Einfluss von PerfumeTok

Heute kann ein globales Publikum durch TikTok-Influencer und ihre Unboxing-Reels (in denen etwas ausgepackt wird) leicht etwas über einstige Nischen- oder regionalspezifische Düfte erfahren.

Zum Hit auf PerfumeTok - dem Hashtag von TikTok, der sich speziell mit Düften befasst - avancierte der Duft "Missing Person" von Phlur. 2022 war er ausverkauft, in den USA standen 200.000 Personen auf der Warteliste. "Missing Person" öffnete sogar (im wahrsten Sinne des Wortes) die Schleusen für emotionale Unboxing-Videos von Menschen, die durch den Duft an ihre Lieben erinnert wurden.

Insgesamt ist die Geschichte des Parfüms - wie seine Kopf-, Herz- und Basisnoten - facettenreich. Und so wie kein einzelnes Parfüm alle Düfte der Welt einfangen kann, kann auch keine einzelne Erzählung die vielfältige Geschichte der Düfte wiedergeben. Für Alexandre Helwani trägt jeder Sprühstoß Parfüm eine Menge Tradition in sich. "Das liebe ich an Parfüm: Es ist eine ganz kleine Geste auf der Haut, hinter der eine enorme, vielschichtige Geschichte steckt."

Die Duftkreationen des Dresdner Parfümeurs Uwe Herrich

Adaption aus dem Englischen: Suzanne Cords

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