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Dürre in der Türkei: Droht eine Nahrungskrise?

Pelin Ünker | Alican Uludag | Burak Ünveren
27. Januar 2026

Wegen anhaltender Dürren sinken in der Türkei die Ernten. Experten warnen vor einer Nahrungskrise und massenhafter Abwanderung aus ländlichen Regionen.

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Ein Feld in der Türkei
Experten warnen: Die dürrebedingte Nahrungskrise könnte zu einer Landflucht führenBild: DHA/DW

Die Türkei hat in den vergangene Jahren schon mehrfach unter Dürren gelitten. Die Dürre 2025 war sogar einer der schwersten seit Jahrzehnten. In dem Jahr lagen die Niederschläge im landesweiten Durchschnitt auf dem niedrigsten Stand seit 52 Jahren. Besonders betroffen waren die Regionen am Schwarzen Meer und am Mittelmeer.

Die Trockenheit wirkte sich direkt auf die Landwirtschaft aus. Laut dem türkischen Landwirtschaftsministerium wurden in vielen Regionen "Auswirkungen landwirtschaftlicher Dürre" gemeldet. Mit anderen Worten: Ernteausfälle.

Frost verschärfte die Lage zusätzlich, bei einigen Obstsorten waren bis zu 70 Prozent der Pflanzen betroffen.

Insgesamt wurden laut türkischem Statistikamt TÜİK rund 30 Prozent weniger Obst und 12 Prozent weniger Getreide geerntet.

Klimawissenschaftlerin Ezgi Kovanci von der Adiyaman-Universität beschreibt die Situation als "vielschichtige Krise, die den Alltag, die Lebensgrundlagen und die Städte direkt beeinflusst".

Sinkende Wasserstände von Stauseen, abnehmende Grundwasserspiegel und plötzliche Frostereignisse machen die Produktion zunehmend anfällig. "Wenn der Regen ausbleibt, verkleinert der Produzent seine Herde. Die Dürre betrifft dann gleichzeitig den Esstisch, die Herde und das Haushaltsbudget", warnt Kovanci.

Die Produktion von rotem Fleisch ging ebenso zurück wie die Milchproduktion. Sinkende Erträge, steigende Futtermittelpreise und die Einschränkung bewirtschafteter Flächen - all das erhöhte den Druck auf Erzeuger und Verbraucher.

Kostenexplosion und Inflation

Die Preise sind stark gestiegen. Laut Statistikamt haben sie die Kosten für einige landwirtschaftliche Betriebsmittel in den vergangenen Jahren verdoppelt. Auch Lebensmittel und alkoholfreie Getränke wurden in den letzten Jahren immer teurer, allein 2025 um fast 40 Prozent.

Agrarjournalist Ali Ekber Yildirim betont, dass die Krise nicht nur klimabedingt sei. Fehlgeleitete Agrarpolitik, ineffiziente Subventionen und mangelnde Unterstützung der Landwirte verschärften die Situation.

"Die Türkei erlebt nicht nur Dürre, sondern eine Kombination aus klimatischen Risiken und politisch verschärften wirtschaftlichen Herausforderungen", sagt Yildirim.

Ein türkischer Haselnussbauer bei der Ernte
Die Türkei produziert rund zwei Drittel der weltweiten Haselnüsse und ist damit der mit Abstand wichtigste Lieferant für die EUBild: imago stock&people/IMAGO

Eine neue Migrationswelle?

Die Dürre zeigt, wie Klimawandel, Wirtschaft und Gesellschaft zusammenhängen: Steigende Produktionskosten, sinkende Kaufkraft und geringe Niederschläge machen die türkische Landwirtschaft zunehmend fragil.

Experten zufolge könnte die Kettenreaktion aus sinkenden Erträgen, steigenden Kosten und anhaltender Inflation in einigen Regionen eine tiefgreifende Nahrungsmittelkrise auslösen.

In der Folge könnten sich viele Menschen auf dem Land gezwungen sehen, ihre Heimat zu verlassen und in die Städte ziehen, so Klimawissenschaftlerin Kovanci. Dort würde der Migrationsdruck bestehende Probleme noch weiter verschärfen.

In den Famlien liege die Last des Krisenmanagements dabei vor allem auf den Schultern der Frauen. Hinzu komme, dass die Folgen der Dürre die Ernährung und Lernfähigkeit von Kindern negativ beeinflusst, so die Wissenschaftlerin.

Während Brände und Überschwemmungen sofort Aufmerksamkeit erhalten, wirkt die Dürre still, aber langfristig: Sie bedroht Ernten, Einkommen, Preise und die Ernährungssicherheit gleichermaßen.

Kovanci warnt: "Die Dürre ist nicht so spektakulär wie ein Feuer, nicht so plötzlich wie Überschwemmungen - gerade deshalb ist sie so gefährlich."

Begrenzte Relevanz für die EU

Für die EU ist die Türkei als Agrarlieferant von begrenzter Bedeutung. 2024 stammten rund 4,3 Prozent der gesamten EU-Agrarimporte aus der Türkei, vor allem Obst, Nüsse sowie verarbeitete Gemüse- und Obstprodukte.

Deutschland importierte im selben Jahr landwirtschaftliche Erzeugnisse im Wert von rund 2,2 Milliarden Euro aus der Türkei, überwiegend Nüsse und Dörrobst.

Diese Lieferungen ergänzen das europäische Angebot, sind jedoch für die Grundversorgung der Europäer nicht entscheidend. Eine Ausnahme bilden Haselnüsse: Die Türkei produziert rund zwei Drittel der weltweiten Haselnüsse und ist damit der mit Abstand wichtigste Lieferant für den EU-Markt.

DW Mitarbeiter l Burak Ünveren, DW-Journalist
Burak Ünveren Redakteur. Themenschwerpunkte: Türkische Außenpolitik, Deutsch-Türkische Beziehungen.