Europäer machen Russland für Nawalnys Tod verantwortlich
15. Februar 2026
Deutschland und vier weitere europäische Staaten machen Russland offiziell für den Tod des Kreml-Kritikers Alexej Nawalny verantwortlich. Am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz veröffentlichten sie eine gemeinsame Erklärung, wonach Wissenschaftler "schlüssig" den hochgiftigen Stoff Epibatidin in Proben des Leichnams nachgewiesen hätten.
Die Erklärung wurde von Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Schweden und den Niederlanden gemeinsam verfasst. Sie stellt einen diplomatisch weitreichenden Vorwurf dar: Erstmals wird auf dieser Grundlage von mehreren EU-Staaten und Großbritannien ein konkreter Giftstoff benannt.
Nawalnys Witwe Julia Nawalnaja sagte in Bayerns Landeshauptstadt, nun gebe es den Beweis, dass Kremlchef Wladimir Putin ein Mörder sei. Bereits vor fast genau zwei Jahren hatte sie in einer Rede auf der Sicherheitskonferenz - damals unmittelbar nach den Berichten über den Tod ihres Mannes - zum Kampf gegen den Machtapparat Putins aufgerufen.
Wirkstoff von südamerikanischen Pfeilgiftfröschen
Der deutsche Außenminister Johann Wadephul erklärte: "Alexej Nawalny wurde in russischer Gefangenschaft vergiftet." Der gefundene Wirkstoff Epibatidin sei etwa 200 Mal so stark wie Morphium. "Es lähmt die Atemmuskulatur, die Opfer ersticken qualvoll", sagte Wadephul.
Epibatidin gilt als hochpotentes Nervengift. Entdeckt wurde die Substanz vor Jahrzehnten im Sekret bestimmter südamerikanischer Pfeilgiftfrösche. Inzwischen lässt sich der Stoff synthetisch im Labor herstellen. Besonders effektiv wirkt er bei Injektion in die Blutbahn, ist jedoch auch bei oraler Aufnahme wirksam. Der Tod tritt durch Atemstillstand ein.
"Niemand außer Putins Schergen wird uns sagen können, wie dieser 16. Februar 2024 in der russischen Strafkolonie im Einzelnen abgelaufen ist", sagte Wadephul. "Klar ist: Die russischen Behörden hatten die Möglichkeit, das Motiv und die Mittel, Nawalny das Gift zu verabreichen."
Nawalny sei nicht nur das mutige Gesicht der russischen Opposition gewesen, sondern bereits zuvor Ziel eines Giftanschlags geworden. Nach seiner Vergiftung im Jahr 2020 war er in der Berliner Charité behandelt worden und kehrte trotz allem nach Russland zurück.
Wadephul: "Russland hat seine hässliche Fratze gezeigt"
Auf die Frage, warum die Analysen so lange gedauert hätten, verwies Wadephul auf die Komplexität des Verfahrens und die notwendige Abstimmung mit europäischen Partnern. Mit Blick auf Stimmen in Deutschland, die weiterhin Gespräche mit Moskau forderten, erklärte er: "Wir sind bereit, mit Russland zu sprechen, aber Russland hat seine hässliche Fratze hier gezeigt."
Der Minister kritisierte zudem, Putin missachte offenkundig seine Verpflichtungen aus dem Chemiewaffenübereinkommen. Die Vergiftung Nawalnys müsse Konsequenzen haben. Man habe daher auch den Generaldirektor der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) über die Erkenntnisse informiert.
Nawalnaja: Putin wie jeden Diktator behandeln
Witwe Nawalnaja betonte, sie sei bereits vor zwei Jahren überzeugt gewesen, dass ihr Mann ermordet wurde. "Was sonst hätte mit einem jungen, charismatischen Oppositionsführer in Putins Gefängnis passieren können?" Es sei keine Neuigkeit, dass der Kremlchef ein Mörder sei. "Aber jetzt haben wir noch einen direkten Beweis dafür. Und ich hoffe sehr, dass er irgendwann auf der Anklagebank landet und sich für alles, was er getan hat, verantworten muss", sagte sie in einer teils auf Russisch gehaltenen Rede in München.
In einem Interview des Nachrichtenportals "Politico" forderte Nawalnaja, Putin wie einen "ganz normalen Diktator" zu behandeln. Er habe damit begonnen, Geld vom eigenen Volk zu stehlen, die Medien zu zensieren und politische Gegner zu unterdrücken. Später habe er den Krieg gegen die Ukraine begonnen und schließlich damit angefangen, seine Gegner zu töten. "Er macht also, was jeder Diktator macht. Deshalb müssen wir uns ihm gegenüber auch so verhalten."
Tod in Strafkolonie nördlich des Polarkreises
Alexej Nawalny galt als prominentester Gegner Putins in Russland. Bekannt wurde er vor allem durch Enthüllungen über Korruption im Umfeld des Kremls. 2020 wurde er Opfer eines Giftanschlags und im Koma nach Deutschland ausgeflogen, wo er in der Berliner Charité behandelt wurde. Im Januar 2021 nahmen ihn die russischen Behörden unmittelbar nach seiner Rückkehr am Flughafen fest, offiziell wegen angeblicher Verstöße gegen frühere Bewährungsauflagen.
In den folgenden Jahren verurteilten russische Gerichte ihn zu langen Haftstrafen, unter anderem wegen "Extremismus". Im Gefängnis war er weitgehend isoliert. Am 16. Februar 2024 starb er in einer Strafkolonie nördlich des Polarkreises im Alter von 47 Jahren. Die russischen Behörden sprachen von einer natürlichen Todesursache.
Die britische Außenministerin Yvette Cooper zitierte Nawalnys Worte: "Wir müssen das tun, was sie fürchten. Sagt die Wahrheit, verbreitet die Wahrheit. Das ist die mächtigste Waffe." Auch aus Schweden und den Niederlanden kamen deutliche Worte.
Die schwedische Außenministerin Maria Stenergard sprach von einem Schritt von größter Wichtigkeit, um Russland zur Rechenschaft zu ziehen und dessen "fortwährende Lügen" aufzudecken. Der niederländische Außenminister David van Weel sagte, die Wahrheit komme letztlich immer ans Licht. Die Mühlen der Gerechtigkeit mahlten zwar langsam, aber entschlossen - auch im Fall Nawalny.
pgr/se (dpa, rtr, afp)