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GesellschaftGlobal

Faktencheck: Die Macht recycelter Videos

29. Januar 2026

Alte Bilder, aktuelle Krisen: Die DW zeigt, wie Info-Recycling funktioniert und wie man bereits mit einfachen Mitteln Desinformation erkennt und Medienkompetenz aufbaut.

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Protestbewegung "Bloquons tout" blockiert Cadix-Viadukt - Menschen stehen vor brennenden Gegenständen
Besonders in Krisen und Konflikten werden alte Bilder oder Videos oft fälschlich als aktuell verbreitet (Symbolbild) Bild: Lou Benoist/AFP/dpa/picture alliance

Info-Recycling ist ein Erfolgsrezept für Reichweite und politische Propaganda – unabhängig von der politischen Ausrichtung.

"Besonders in Krisen- und Konfliktsituationen tauchen alte Videos und Fotos in den sozialen Medien fälschlicherweise in einem aktuellen Kontext auf", beobachtet Brittani Kollar, verantwortlich für Medienkompetenz beim Poynter Institute .

Die US-Nichtregierungsorganisation fördert Fact Checking, Weiterbildung und medienkritische Publikationen. "In Kriegen und Konflikten ist es besonders schwer, an Videomaterial zu kommen", erklärt sie im DW-Gespräch.

"Deshalb füllen häufig manipulierte oder falsche Videos diese Lücke, auch wenn sie bereits in anderen Kontexten verwendet oder zuvor als falsch erkannt wurden."

Beispiel: Politischer Kampf um Narrative zu ICE

DW Fact Check / Verdict DEUTSCH Misleading Video Minneapolis Teenager festgenommen. Screenshot eines Tiktok Videos, in dem Jugendliche und Polizisten gezeigt werden.
Zwei Videos, eine Botschaft: In diesem Post auf Tiktok werden zwei ältere Beiträge zu einem Video zusammengeschnitten, um aktuelle Polizeigewalt zu zeigen. Das ist irreführend. (Screenshot)

Ein auf Tiktok veröffentlichtes Videozeigt, wie ein Jugendlicher auf einem Fahrrad von einem Polizeiwagen angefahren und gestoppt wird. Der Jugendliche wird auf den Boden gedrückt und gefesselt. Kurz darauf wird er abgeführt.

In Wirklichkeit ist der Junge, der vom Fahrrad fällt, nicht der derselbe, der verhaftet wird. Denn das Video besteht aus zwei Teilen. Im ersten Teil trägt der Junge eine dunkle Hose, spricht Englisch, und die Sonne scheint. Im zweiten Teil trägt der Junge eine beige, gefleckte Hose, spricht Spanisch, und die Straßen sind mit Schnee und Eis bedeckt.  

Der erste Teil stammt von einer Aufnahme, die am 2. April 2025 in dem Ort Deerfield Beach in Florida gemacht wurde. In diesem Video stoppen Polizisten mehrere Jugendliche, die mit ihren Rädern durch die Straßen fahren. Auch lokale Medien berichtetenüber den Vorfall. Dieser Vorfall taucht auch in anderen Filmen über Verhaftungen von Kindern und Jugendlichen durch die Abschiebebehörde ICE oder die Behörde für Grenzschutz und Zoll (CBP) immer wieder auf. 

Der zweite Teilzeigt eine Szene aus Minneapolis vom 13. Januar dieses Jahres. Maskierte Beamte der Einwanderungspolizei ICE fordern einen Jugendlichen auf Spanisch dazu auf, seine Papiere zu zeigen und nötigen ihn, in die Streife einzusteigen. Die beiden Abschnitte sind zeitlich und örtlich unabhängig und zeigen nicht dieselbe Situation.

Tipp: Eine genaue Analyse eines Videos lohnt sich. Welche Sprache wird gesprochen? Lassen sich Orte, Personen oder Gegenstände eindeutig identifizieren? Ist über den vermeintlichen Vorfall in anderen Medien berichtet worden? Dies lässt sich durch eine Stichwortsuche im Netz abklären. Ergänzend hilft eine Bilderrückwärtssuche dabei, Szenen des Videos möglichen Originalquellen oder früheren Veröffentlichungen zuzuordnen. 

Beispiel: Geopolitische Spannungen rund um Grönland

Verdict FALSCH DEU Factchecking | USA Alaska 2022 | F-22 Kampfjets der US-Luftwaffe auf Joint Base Elmendorf-Richardson
Recycelte Aufnahmen von der US-Airbase: Diese Kampfjets sind nicht vor kurzem in Grönland gelandet, sondern bereits vor Jahren in Alaska. Die Behauptung im X-Post ist falsch. Bild: X

Es gibt aber auch Fälle, in denen alte Videos gänzlich aus dem Kontext gerissen werden. So wurde in einem Post auf X vom 19. Januar 2026 behauptet, dass Dutzende F22- und F16-Kampfflugzeuge der US-Luftwaffe in Grönland eingetroffen seien. Auf dem angehängten Video ist ein Kampfjet zu sehen, der auf einer Piste, umgeben von eingeschneiten Bergen, abhebt.

Gepostet wurde das Video kurz nachdem US-Präsident Donald Trump zum wiederholten Mal bekräftigt hatte, dass die USA Grönland übernehmen wollten. Auch hier wird das alte Video also wieder in einem aktuellen Kontext geteilt und mit einer Falschaussage verbunden. 

Kommentare unter dem Post können bereits erste Hinweise auf die Falschbehauptung geben. Eine Bilderrückwärtssuche liefert den Beweis. In Wahrheit zeigen die Aufnahmen nämlich nicht Grönland, sondern den US-Luftwaffenstützpunkt Joint Base Elmendorf-Richardson in Alaska. Das Video tauchte bereits im Jahr 2022 auf und hat nichts mit Truppenbewegungen der USA nach Grönland zu tun. Das Video wurde zusätzlich gespiegelt, sodass eine Nachverfolgung erschwert wird.

Das Profil des Nutzerskann ebenfalls etwas verraten: Mit dem Zitat "Donald Trump ist back on X. Das Endspiel“ über seinem Profilbild positioniert der Nutzer sich als Unterstützer des US-Präsidenten. Das Profilbild, ein stilisierter Löwenkopf, umrandet von einem schwarzen gefettetem Buchstaben Q, stellt zudem Verbindungen zu der rechtsextremen QAnon-Verschwörungsbewegung her.

Faktenchecking | Google Bildersuche Screenshot für Faktenchecking und Herkunftsrecherche
Einfaches Tool: Eine Bilderrückwärtssuche kann in Sekunden herausfiltern, ob Aufnahmen bereits in anderen Zusammenhängen im Netz auftauchenBild: Google

Tipp: Neben den Kommentaren kann auch hier eine einfache Bilderrückwärtssuche dabei helfen, den Ursprungsort zu ermitteln. Das Profil des Nutzers kann zudem Hinweise darauf geben, warum ein altes Video erneut geteilt wird und welchen Zweck es dabei verfolgt. Ein Abgleich mit Medienberichten zur aktuellen Lage hilft bei der Einordnung eines Posts. 

Beispiel: Demonstrationen im Iran, den USA oder Deutschland?

Ein Videomit brennenden Autos und vermummten Gestalten in Thessaloniki tauchte gleich in mehreren unterschiedlichen Kontexten auf. Ursprünglich wurde es im November 2025 auf einem griechischen Instagram-Account veröffentlicht und zeigt Proteste nach einem systemkritischen Konzert des Rappers Alexis Lanaras. 

UGC screenshot von einem angeblichen Protest im Iran
Ein X-Nutzer behauptet, dass das dazugehörige Video von Protesten im Iran stammt. Das ist falsch. Es stammt aus Griechenland und tauchte in mehreren Kontexten falsch auf.Bild: X

Im Januar 2026 recycelte ein X-User das Video , behauptete aber, es zeige Proteste im Iran. In einem anderen  Post auf X vom 11. Januarheißt es wiederum, es zeige Millionen Menschen in den USA, die gegen Trumps Politik demonstrierten.  Das gleiche Video wurde auch genutzt, um angebliche Ausschreitungen in der Silvesternacht in Deutschlandzu zeigen.

Tipp: Ein Abgleich des Bild- und Videomaterials hilft, recycelte Inhalte zu identifizieren. Dies ist unter anderem auf der Plattform Newsflare möglich. Die in London basierte Online-Plattform verifiziert und lizensiert User Generated Videos. Auch die Ereignisse in Thessalonikisind dort registriert. Eine Suche beim Factcheck-Explorer von Google, bei dem auch DW-Faktenchecks erscheinen, kann ebenfalls weiterführen. 

Alte Videos, neue Wirkung: Die Rolle von Medienkompetenz

Szenen immer wieder zu verwenden, kann einem Zweck dienen: "Politische Akteure (Parteien, Regierungen, politische Gruppen, Bewegungen usw.), wollen den Konsens für ihre Positionen stärken", sagt Tommaso Canetta, Experte für Fake News beim European Digital Media Observatory (EDMO), in einem Interview mit der DW.

Laut Canetta können falsche Bilder und Videos in solchen Kontexten Debatten stark beeinflussen. "Durch die Nutzung falscher Inhalte wird bei den Betrachtern eine starke emotionale Reaktion ausgelöst, die sie zu extremen Positionen treibt und eine rationale Diskussion mit differenzierten Positionen erschwert."

 Medienkompetenz wird  angesichts der steigenden Nutzung von Social Media daher immer wichtiger. "Weil Social-Media-Algorithmen darauf ausgelegt sind, die meistgesehenen Videos hervorzuheben, gehen gefälschte Videos viral", so Brittani Kollar. Falsche oder recycelte Videos im falschen Kontext können laut Kollar dazu führen, dass Menschen generell vorsichtiger und skeptischer gegenüber allem werden, was sie online sehen. 

Einen Königsweg, um Desinformation zu erkennen, gebe es nicht. Wer aber Medienkompetenz und ein Auge für Quellen und Kontext entwickelt, kann Manipulationen oft leichter durchschauen. 

Redaktion: Silja Thoms

Kommentarbild Astrid Prange
Astrid Prange de Oliveira DW-Redakteurin mit Expertise für Brasilien, Lateinamerika, Globalisierung und Wirtschaft@aposylt