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Warum Deutschland mit der Digitalisierung kämpft

2. Januar 2026

Deutschland, das Land der Technologiepioniere, setzt bei öffentlichen Dienstleistungen immer noch auf Fax und Papier. Warum hinkt die digitale Verwaltung hinterher, während Dänemark und Indien rasant voranschreiten?

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Gerichtsakten im Kriminalgericht Moabit
Wozu denn noch digitalisieren? Wir haben doch alles "schwarz auf Weiß"Bild: Monika Skolimowska/dpa/picture alliance

Wer in Deutschland umzieht, muss sich mit seiner neuen Adresse bei den Behörden anmelden. In der Regel bedeutet das, beim Rathaus anzurufen, wochenlang auf einen Termin zu warten und dann persönlich mit Papierformularen zu erscheinen.

Ja, im Jahr 2025! Und was, wenn man die Krankenversicherungskarte beim Arzt vergisst? Manche Apps können helfen - aber nur per Fax. "Rund drei Viertel, genauer 77 Prozent der deutschen Unternehmen nutzen noch Faxgeräte", sagte Felix Lesner von Bitkom, dem deutschen IT-Branchenverband, zur DW. "Und 25 Prozent nutzen sie häufig oder sehr häufig."

Mitarbeiterin bei der Papier-Aktenführung in deutschem Kleinbetrieb: Bürokratie belastet
Kleinbetriebe und Mittelständler beklagen eine ausufernde Bürokratrie - digital wäre deutlich einfacherBild: Countrypixel/picture alliance

Warum? "Die meisten Unternehmen geben an, dass es für die Kommunikation mit den Behörden unerlässlich ist", so Lesner. "Vielleicht liegt hier das Problem." Bei der öffentlichen Hand also.

Abgehängt

Die Europäische Union veröffentlicht regelmäßig Rankings zur digitalen Entwicklung ihrer Mitgliedstaaten. Deutschland liegt dabei bestenfalls im Mittelfeld der 27 Länder. Beim Thema E-Government, also bei digitalen öffentlichen Dienstleistungen, hinkt Deutschland besonders hinterher. Eine Studie des Beratungsunternehmens Capgemini platziert Deutschland auf Platz 24 innerhalb der Europäischen Union.

Deutsche Ingenieure haben den programmierbaren Computer, die SIM-Karte und die MP3-Technologie erfunden. Aber die Zulassung eines Autos oder die Beantragung einer Heiratsurkunde bedeutet immer noch langes Anstehen. Frank Reinartz, Leiter der Digitalagentur in Düsseldorf, sagte uns, Deutschland habe kein Problem mit Strategie oder Zielen: "Unser Problem ist die Umsetzung."

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Düsseldorf, eine Stadt mit rund 650.000 Einwohnern, bietet von 580 Verwaltungsdienstleistungen nur 120 online an - das sind nur etwas mehr als 20 Prozent. Düsseldorf gilt dabei sogar als digital fortschrittlich und belegt im Smart City Index von Bitkom, der digitale Dienstleistungen in deutschen Städten misst, den sechsten Platz. Berlin, die Hauptstadt des Landes, hatte Schwierigkeiten, überhaupt unter die Top 40 zu kommen.

"Institutionelle Inflation"

Die föderale Struktur Deutschlands mit ihren 16 Bundesländern überlässt es oft den einzelnen Kommunen, jeweils eigene Lösungen zu finden. "Es gibt nicht viele Softwarelösungen und Prozesse von der Bundesebene", so Reinartz. "Jede Stadt muss ihre eigene Lösung für einen bundesweiten Prozess finden, zum Beispiel die Kfz-Zulassung."

Hinzu kommt ein Mangel an Koordination und das, was die Forscherin Stefanie Köhl als "institutionelle Inflation" bezeichnet. Köhl und ihre Kollegen am Stein-Hardenberg Institut (SHI) in Berlin untersuchten, warum digitale öffentliche Dienste in Deutschland in den letzten 25 Jahren nicht wirklich Fuß fassen konnten. "Jeder macht etwas, aber nur in seinem eigenen Bereich", sagte Köhl der DW. "Es gibt keine Verbindung zwischen den Lösungen, manchmal auch keine Kompatibilität zwischen den Technologien."

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Reinartz' Digitalagentur wurde gegründet, um genau dies zu vermeiden. Reinartz' Vision für Düsseldorfs digitale Zukunft basiert auf einer Website, die den Bürgern Zugriff auf alle öffentlichen Dienstleistungen online ermöglicht: "Man loggt sich ein und sieht beispielsweise die Grundsteuer (falls man Eigentümer ist), den Kindergarten für die Kinder und die Parkgenehmigung fürs Auto".

Dänemark: Das digitale Wunderland

Während in Deutschland noch debattiert wird, setzt Dänemark seine Vision bereits um. Deutschlands nördlicher Nachbar hat Reinartz' Vision längst verwirklicht. "Die Website Borger.dk ist eine zentrale Anlaufstelle, auf der alle Bürger über 2000 öffentliche Dienstleistungen digital abrufen können", erklärt Jakob Frier vom Digital Hub Denmark in Kopenhagen. Fast alles - von Steuern bis zur Gesundheitsversorgung - ist online verfügbar.

Der Schlüssel dazu ist ein obligatorischer digitaler Personalausweis (eID), wie Adam Lebech, stellvertretender Generaldirektor der dänischen Agentur für digitale Verwaltung, gegenüber der DW sagt. "Rund 97 Prozent der erwachsenen Bevölkerung besitzen einen eID", so Lebech. „Und 83 Prozent nutzen ihn mindestens einmal pro Woche."

Beklebte und beschmierte Briefkasten der dänischen Post vor einem Supermarkt
Digitalisierungsopfer: In Dänemark ist die Briefzustellung ganz eingestellt wordenBild: Steffen Trumpf/dpa/picture alliance

Die digitale Grundlage des dänischen Systems ist eine einheitliche Identifikationsnummer. Das ist das Zentrale Personenregister (ZPR), das Dänemark 1968 einführte. "Da wir für alle Systeme dieselbe Kennung verwenden, ist der Datenaustausch unkompliziert", erklärte Lebech. "Das ermöglicht uns die Schaffung nahtloser Dienste über verschiedene Behörden hinweg. Natürlich muss man der Regierung vertrauen."

Obwohl regelmäßige Umfragen zeigen, dass die Mehrheit der Dänen ihrer Regierung vertraut, stehen die Deutschen der staatlich gelenkten, zentralisierten Datenerfassung aufgrund ihrer nationalsozialistischen und ostdeutschen Vergangenheit deutlich skeptischer gegenüber. Sowohl Hitlers Drittes Reich als auch die ostdeutsche Kommunistische Partei nutzten personenbezogene Daten, um Menschen auszuspionieren und ihr Leben zu kontrollieren.

Indiens Entwicklungssprünge

Indien hat bewiesen, dass große Fortschritte bei der Entwicklung digitaler Dienste möglich sind und innerhalb von nur 15 Jahren sein eigenes elektronisches ID-System namens Aadhaar etabliert hat. Laut offiziellen Regierungsdaten nutzen rund 99,9 Prozent der indischen Bevölkerung Aadhaar.

Aadhaar ist mit einer digitalen Zahlungsplattform namens Unified Payment Interface (UPI) verknüpft, die sogar von Straßenhändlern an ihren Ständen akzeptiert wird. Kunden überweisen das Geld einfach per QR-Code und einer Smartphone-App.

Tej Paul Bhatla von TCS, Indiens größtem IT-Unternehmen, erklärte uns, dass Aadhaar und UPI "Grundlagensysteme" seien, die mit staatlicher Unterstützung, aber auch mit Mitteln aus der Privatwirtschaft entwickelt wurden. Von Anfang an seien Aadhaar und UPI als Open-Source-Systeme für die private und öffentliche Nutzung geplant gewesen, ähnlich wie öffentliche Infrastruktur.

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Im fortschrittlichen Digitalstandort Indien kann man sogar sein Fastfood auf der Straße digital kaufenBild: Pradeep Gaur/SOPA Images/ZUMA Press Wire/picture alliance

"Wenn man Eisenbahnen, Autobahnen oder Häfen baut, stellt man sie allen zur Verfügung", so Bhatla. Das, fügte er hinzu, ermögliche dem Privatsektor, diese Systeme zu nutzen, um "umfangreichere Dienstleistungen für Bürger und Unternehmen zu entwickeln und diese zu nutzen". Laut Bhatla ist die digitale Infrastruktur Indiens Chance, den Fortschritt zu beschleunigen. Heute besäßen "fast 80 Prozent der erwachsenen Bevölkerung ein Bankkonto".

Ohne Aadhaar und UPI, so Bhatla, "hätten wir 48 Jahre gebraucht, um die heutige Bankkonto-Nutzung zu erreichen". Eine bessere digitale Infrastruktur und ein Ökosystem digitaler Dienste könnten auch in Ländern wie Deutschland das Wirtschaftswachstum ankurbeln, sagte Bhatla. "Wer nicht wächst, wird definitiv Bedrohungen aus anderen Volkswirtschaften ausgesetzt sein, und das Leben wird schwieriger."
 

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Andreas Becker
Andreas Becker Wirtschaftsredakteur mit Blick auf Welthandel, Geldpolitik, Globalisierung und Verteilungsfragen.
Nicolas Martin
Nicolas Martin Redakteur mit Blick auf Weltwirtschaft, Globalisierung und Organisierte Kriminalität.