Gisèle Pelicot: "Ich will nicht Opfer sein, niemals"
17. Februar 2026
Ein letztes Frühstück in ihrem Häuschen im südfranzösischen Mazan. Gisèle Pelicot ahnt an diesem Novembertag im Jahr 2020 noch nicht, dass ihr bisheriges Leben bald vorbei ist. Ein Termin steht an, Vorladung auf der Polizeiwache, Dominique Pelicot ist vor zwei Monaten verhaftet worden, als man ihn im Supermarkt dabei erwischte, wie er Frauen unter den Rock filmte. Ein einmaliger Vorfall, schwört der Rentner, er verspricht eine Therapie. Seine Frau will ihn dabei unterstützen.
Als Gisèle Pelicot von einem Polizisten in einen separaten Raum geführt wird, weiß sie nicht, dass sie ihren Mann erst wieder vor Gericht sehen wird. Auf den Fotos, die ihr ein Beamter zeigt, sieht sie eine Frau in Strapsen beim Sex. Dass sie das ist, die da gerade vergewaltigt wird, begreift sie zunächst gar nicht. Denn der Sex, der auf über 20.000 Fotos dokumentiert ist, war kein einvernehmlicher. Dominique Pelicot hat seine Frau Gisèle zehn Jahre lang regelmäßig betäubt und übers Darknet Männer aus der Nachbarschaft gefunden, die die Bewusstlose gemeinsam mit ihm vergewaltigten. Mindestens 200 Mal ist das passiert.
"Die Scham muss die Seite wechseln"
Der Prozess gegen Dominique Pelicot und 50 seiner Mittäter – nicht alle Vergewaltiger konnten identifiziert werden – fand im Herbst 2024 statt, und er hat Gisèle Pelicot zur weltweiten feministischen Ikone werden lassen. Denn wenige Wochen zuvor entschied sie, dass dieser Prozess öffentlich sein sollte, ein Gesicht – nämlich ihres – bekommen sollte, und das hieß: Auch die fürchterlichen Videos würden der Öffentlichkeit gezeigt werden. "Die Scham muss die Seite wechseln", mit diesem Satz wollte Gisèle Pelicot die Schuldumkehr durchbrechen, die viele Vergewaltigungsopfer erleben, und die Schande zu den Tätern und den Mitwissenden verlagern.
Jeden Tag des Prozesses, der dreieinhalb Monate dauerte, wurde Gisèle Pelicot, die sich mittlerweile hat scheiden lassen und ihren Geburtsnamen wieder angenommen hat, von immer mehr werdenden Frauen begrüßt, bejubelt. Weltweit berichteten Medien über ihren Mut, über die Demütigungen durch die gegnerischen Anwälte, über die fürchterlichen Details, die ihr angetan wurden. Auch, dass der Haupttäter, Dominique Pelicot, seine beiden Schwiegertöchter heimlich unter der Dusche gefilmt hat, und dass er Nacktfotos seiner Tochter aufbewahrt hat, auf denen sie schlafend fremde Unterwäsche trägt. Ob auch sie vergewaltigt wurde, ist bis heute nicht geklärt. Mittlerweile wird gegen ihn auch wegen Mordverdachts ermittelt.
Jetzt spricht Gisèle Pelicot selbst
Dominique Pelicot wurde zu 20 Jahren Haft verurteilt – die Höchststrafe für Vergewaltigungen in Frankreich, auch alle 50 Mittäter werden viele Jahre im Gefängnis sitzen.
Was geht in der Frau vor, der all das Schreckliche angetan wurde, von der Intimstes an die Öffentlichkeit gezerrt wurde, und die mittlerweile ein neues Leben führt, an einem anderen Ort?
Gisèle Guillou, wie sie heute heißt, hat soeben ihre Memoiren vorgelegt: "Eine Hymne an das Leben. Die Scham muss die Seite wechseln." Das Buch erscheint zeitgleich in 22 Ländern. In all dem, was bisher über sie geschrieben wurde, hat sich die mittlerweile 73-Jährige nie wiedergefunden.
Nun spricht sie also selbst und beschreibt ihre Kindheit, den frühen Verlust der Mutter, die Begegnung mit ihrem späteren Ehemann, dem sie bis zuletzt vertraut hatte. Sie erzählt vom Leben mit drei Kindern, sie beruflich immer deutlich erfolgreicher als Dominique, aber das schien nie eine Rolle zu spielen. Und dann der Schock, dass dieser Mann seine perversesten Fantasien an ihr ausgelebt hatte, sie dafür regelmäßig mit schweren Medikamenten sedierte und dafür schlimme Nebenwirkungen akzeptierte: Vergesslichkeit, Erschöpfung, Unterleibsentzüngen. Das alles nahm er in Kauf. Vor Gericht wollte er sich die Videos und Fotos nicht noch einmal anschauen, weil ihn das erregte.
"Ich bin immer noch in der Lage, anderen zu vertrauen"
Im Buch, das Gisèle Pelicot gemeinsam mit der Journalistin Judith Perrignon geschrieben hat, erklärt sie auch, warum sie so lange an den Erinnerungen einer glücklichen Ehe festhielt, ihm sogar noch warme Wäsche ins Gefängnis geschickt hat. Da war auch viel Gewohnheit, Fürsorge. Aber vor allem, schreibt sie, wollte sie verstehen, und das haben ihre Kinder nicht verstanden, ihr übelgenommen. Der Prozess, die große öffentliche Aufmerksamkeit, die Familiengeheimnisse, die dabei zutage traten, haben das Verhältnis von Gisèle Pelicot zu ihren Kindern und auch der Geschwister untereinander schwer belastet. Das Buch liest sich auch wie der Versuch einer Erklärung, der Bitte um Verständnis für ihren Umgang mit dem Geschehenen.
Letztlich sieht sich Gisèle Pelicot als Siegerin über ihren teuflischen Mann. Sie hat sogar eine neue Liebe gefunden: "Ich bin nicht gestorben. Ich bin immer noch in der Lage, anderen zu vertrauen." Mehr als fünf Jahre sind vergangen, seit die Verbrechen von Dominique Pelicot bekannt wurden. Seine Ex-Frau hat sich ihr Leben zurückerobert und auch die Freude daran wiedergefunden.