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Griechenland: Tourismusbranche weiter unter Druck

Marianthi Milona (Thessaloniki)2. September 2016

Im krisengeschüttelten Griechenland gingen der Reisesaison 2016 große Erwartungen voraus. Mehr ausländische Urlauber sollten Geld ins Land bringen. Doch die Tourismuswirtschaft leidet weiter. Marianthi Milona berichtet.

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Griechenland Tourismus - Kreta
Bild: picture-alliance/zb/A. Lander

Es ist wieder ein merkwürdiges Jahr für die griechische Tourismusbranche. Einerseits fallen die Touristen auf den Inseln aus, die entlang der kleinasiatischen Küste eine Flut an Flüchtlingen aufnehmen mussten. Und in anderen Regionen, wo es keine Flüchtlinge gibt, werden Geschäftsleute der Reisebranche so stark zur Kasse gebeten wie noch nie zuvor in Griechenland.

Bisher keine Bestätigung der Prognosen

Bis knapp vor Saisonende verlief der Tourismus in Griechenland auch in diesem Jahr anders, als von der Regierung noch im Frühjahr prognostiziert worden war. Allen voran war es die griechische Ministerin für Tourismus, Eleni Kundura, die der Tourismusbranche eine gute und erfolgreiche Saison vorhergesagt hatte. Und noch Mitte August erklärte sie, dass trotz der anhaltenden Finanzkrise im Land, Kapitalverkehrskontrollen und Flüchtlingsströmen, die Reisebranche erneut Wachstum verzeichnen werde. Schließlich sei die Anzahl der Flüge nach Griechenland im Vergleich zum Vorjahr erheblich angestiegen.

Von einem drastischen Anstieg an Gästen und Einnahmen, haben Hotelbetreiber, wie Despina Koratu, in einem nordgriechischen Ferienort dennoch nicht allzuviel gesehen, wie sie erklärt: "Ich sehe keinen Aufschwung im Vergleich zum Vorjahr. Und das, obwohl wir dieses Jahr mehr Angebote hatten. Mit besseren Preisen. Ich habe die Zimmer zehn Prozent günstiger angeboten. Dennoch verhandeln die meisten Gäste aber immer noch mit mir über den Preis“, erklärt die griechische Geschäftsfrau, die in der Krise selbst lernen musste, um ihre Zimmerpreise zu kämpfen.

Griechenland Inseln verlieren Steuernachlass - Mykonos
Griechenlands Inseln haben längst ihren Steuernachlass verloren - MykonosBild: Imago/ANE Edition

Statistik versus Realwirtschaft

Die griechische Statistikbehörde zählte gut neun Prozent mehr Touristen alleine im Juli, was für das letzte halbe Jahr insgesamt einen Anstieg von fast sechseinhalb Prozent ausmacht. Mit dieser Bilanz kann jedoch auch Cafebesitzer Stavros Meletis herzlich wenig anfangen, denn in der Praxis verlief seine Saison ganz anders. "Ich nenne dieses Jahr, das Jahr der halben Eiskugel", erklärt der erfahrene Geschäftsmann, denn die meisten Kunden wollten in seinem Cafe immer nur eine einzige Kugel Eis haben. "Eine Kugel Eis, die aber aus zwei verschiedenen Eissorten kombiniert sein sollte. In früheren Jahren hätte man sich geschämt, so etwas zu bestellen. Das zeigt für mich, dass die Dinge doch nicht so gut laufen, wie ursprünglich gedacht", beschreibt er seine Erfahrungen und kann es eigentlich selbst nicht glauben.

Marketingideen aus Verzweiflung

Im kommenden Jahr will Stavros Meletis, der seit 30 Jahren vom Sommergeschäft mit den Touristen lebt, an seine griechischen Gäste sogar Medaillen verteilen, erzählt er in zynischem Unterton. Wie bei den Olympischen Spielen. Dabei soll es bei ihm nicht um eine Auszeichnung für den besten Gast gehen. Eine Medaille kriegen seine Gäste als Anerkennung dafür, dass sie trotz der vermeintlich hohen Kosten im Land noch viel Geld sparen konnten.

Auch die Gäste aus den angrenzenden Balkanländern gehen inzwischen sehr verhalten mit ihren Urlaubsfinanzen um und kaufen lieber im Supermarkt ein, um im Zimmer zu kochen, anstatt Geld für ein einfaches Essen im Restaurant auszugeben. Fast nahezu alle in der Branche sind sich darüber einig, dass nur die Supermärkte in diesem Tourismusjahr auf ihre Kosten kommen.

Deshalb vertraut Stavros Meletis mehr auf das, was er mit eigenen Augen sieht, als auf das, was alleine die Prognosen voraussagen. "Die Regierung sagt, wir hätten ein Rekordjahr an Flugbuchungen. Das bezweifelt zwar niemand, aber für uns Geschäftsleute ist es genauso ein Rekordjahr an Verlusten“. Stavros Meletis weiß: Wer in diesem Jahr von Gewinnen spricht, der lügt, denn er hat noch nicht ausgerechnet, was er selbst an Steuern zahlen wird.

Die Last der Steuern

Tatsächlich ist das einzige, wofür die meisten Feriengäste noch wirklich Geld ausgeben, eine angemessene Unterkunft. Schließlich sorgt ein guter Schlaf für viel Erholung. Doch auch die Pensionsbesitzerin Irene Fotiou klagt. Nicht über leer stehende Zimmer, sondern über die hohen Steuern, die sie in diesem Jahr entrichten muss. Und erklärt: "Wir müssen zwar jetzt 13 Prozent Mehrwertsteuer zahlen, anstatt wie bisher sechseinhalb Prozent, aber die Zimmerpreise haben wir nicht erhöht. Wie viel mehr könnten wir verlangen? Schließlich muss der Gast das Zimmer ja auch bezahlen können.“

Und das heißt übersetzt für Fotiou, dass sie jetzt schon weiß, sie wird Verluste einfahren, weil die Steuerlast zu hoch ist. "Wir müssen fast 40 Prozent Einkommenssteuer zahlen, dann 16 Prozent Mehrwertsteuer sowie fünf Prozent Regionalsteuer." Außerdem nehmen ihr die digitalen Zimmer-Vermittlungen auch noch 15-20 Prozent des Zimmerpreises ab, wenn sie einen Gast für Irene Fotious' Pension gewinnen.

Der Staat verliert trotz Kontrollen

Ob die Regierung Tsipras 2016 Steuereinnahmen in erhoffter Höhe von der Tourismusbranche einnehmen wird, ist momentan noch unklar. Die Umsätze in der Hotelbranche laufen zwar zufriedenstellend, die Restaurants, Cafes und Souvenirläden klagen jedoch trotz Dumpingpreisen über einen Gästeschwund. Außerdem nerven die häufigen Kontrollen der Steuerfahnder vor Ort.

Stavros Meletis: "Ich bin für Kontrollen. Inzwischen kommen die Prüfer mehrmals in der Saison und ich scherze mit Ihnen. Ich meine nur, sie sollten aber überall kontrollieren. Denn es kommt vor, dass sie dreimal in der Saison zum mir kommen und kein einziges Mal das Cafe nebenan überprüfen."

Die Lage in der griechischen Tourismusbranche bleibt weiterhin kritisch. Doch es gibt auch kleine Lichtblicke: Aus Deutschland reisten in dieser Saison immerhin schon acht Prozent mehr Urlauber an als im vergangenen Jahr.