Wie eine junge deutsche Hijabträgerin gegen die AfD kämpft
8. Mai 2026
Das Sprichwort "Wenn dir das Leben Zitronen gibt, mach Limonade draus" hat sich Büsra Sayed offenbar zu Herzen genommen. Denn sie hat es geschafft, aus einer Situation, die man als beleidigend oder traurig, in jedem Fall aber diskriminierend bezeichnen kann, einen großen Gewinn zu ziehen - wirtschaftlich, aber vor allem menschlich.
Was ist passiert?
Büsra Sayed hat im vergangenen März an der Wahl zur Miss Germanyteilgenommen und es bis in die Finalrunde geschafft. In diesem Wettbewerb geht es seit einigen Jahren nicht mehr nur ums Äußere, sondern um Empowerment - erfolgreiche Frauen stellen sich zur Wahl und sollen vor allem für ihre Persönlichkeit und ihre Leistungen ausgezeichnet werden. Büsra Sayed, 27 Jahre alt, ist Unternehmerin: Sie verkauft und trägt Hijabs.
Auch auf der Bühne der Miss-Germany-Wahl trug sie einen Hijab aus ihrer eigenen Kollektion. Das erregte in den deutschen Medien viel Aufmerksamkeit, denn Sayed war (gemeinsam mit einer zweiten Kandidatin) die erste Trägerin einer muslimischen Kopfbedeckung in der Geschichte des Wettbewerbs.
Wenige Tage später erreichte ihr Auftritt auch den Bundestag. In ihrer Rede zum Internationalen Tag der Frau empörte sich Beatrix von Storch, Abgeordnete der in Teilen rechtsextremen AfD: "Hijab im Miss-Germany-Finale. Und die eine hat nicht nur Hijab getragen, sie ist eine echte Hijab-Aktivistin. Sie vermarktet das."
Gemeint war Sayed. Von Storchs Fazit: "Wenn die Teilnahme so einer Islam-Aktivistin im Miss-Germany-Finale ein Fortschritt sein soll, dann leben wir in Absurdistan - und zwar in einem sehr gefährlichen Absurdistan."
Ein paar Wochen später erinnert sich Büsra Sayed im DW-Gespräch daran, was sie fühlte, als sie die Rede sah: "Tatsächlich war ich nicht schockiert. Ich habe mich sogar ein bisschen gefreut, weil ich mir dachte, noch mehr Sichtbarkeit für meine Mission, mit der ich bei Miss Germany angetreten bin, geht eigentlich gar nicht, als im Bundestag erwähnt zu werden."
Ihre Mission, die hatte sie vor dem Wettbewerb so formuliert: "Ich möchte bei Miss Germany eine Zukunft mitgestalten, in der Vielfalt sichtbar ist und jede Frau das Gefühl hat dazuzugehören. Auch mit Hijab. Nicht als Trend, sondern als Realität."
Virale Reaktion mit "AfD-Rabattcode"
Auf Beatrix von Storchs Rede reagierte Sayed in den Sozialen Medien - in ihrem bei ihren Followern schon bekannten Stil: mit Humor. Auf Instagram und TikTok erklärte sie, ihre "Freundin" von der AfD mache das erste Mal Werbung für sie und ihre Marke im Bundestag, "deswegen seid gefälligst nett zu ihr.” Nach einem Redeausschnitt endet Sayed mit dem Hinweis: "Das war ihre erste Kooperation, deshalb hat sie den Rabattcode vergessen: ‘AfD10', damit spart ihr zehn Prozent auf alle Hijabs."
Das Echo war enorm, das Reel hat inzwischen allein auf Instagram sechs Millionen Views. "Die Menschen haben nicht nur in den Kommentaren ihre Solidarität gezeigt, sondern auch bei uns im Shop, obwohl sie nicht muslimisch sind", erzählt Sayed. "Nicht-muslimische Frauen und Männer haben auf einmal Hijabs bestellt. Wir hatten Kommentare von christlichen Pfarrerinnen, die gesagt haben, wir bestellen jetzt auch Hijabs, einfach aus Solidarität. Das war total überwältigend."
Riesige Community
Sayeds Account hat mittlerweile mehr als 160.000 Follower. "Es sind viele tolle neue Menschen dazugekommen in meine Community, darauf bin ich sehr, sehr stolz. Und unser Hijab "AfD Blue" (den sie spontan ins Sortiment genommen hatte, Anm. d. Red.) ist mittlerweile fast ausverkauft."
Dabei ging es der Unternehmerin, das betont sie, mit diesen Reels gar nicht um Umsatzsteigerung. Sie nutzt die neu gewonnene Aufmerksamkeit für ihren Kampf gegen Diskriminierung. "Je näher Menschen in einer vielfältigen Gesellschaft zusammenrücken und je mehr Gleichberechtigung entsteht, desto mehr wird auch um diese neue Gleichheit gestritten,” schreibt sie auf Instagram und fordert einen ehrlichen Dialog.
Hass mit Liebe begegnen
Natürlich gab es nicht ausschließlich positives Feedback. Auch AfD-Anhänger finden sich in den Kommentaren. Für Büsra Sayed nichts Neues: "Ich habe ganz früh schon Hass-Kommentare bekommen, Diskriminierungserfahrungen gemacht. Und ich wusste damals als junge Büsra nicht, wie ich damit umgehen soll", erzählt sie. "Ich bin förmlich in eine Schockstarre verfallen, war nicht schlagfertig, war ängstlich. Aber für mich war klar, ich muss eine Art und Weise finden, damit umzugehen, denn es wird nicht von heute auf morgen aufhören, leider." Auf Hass reagiere sie mit Liebe - "aber die Grenze ziehe ich bei Gewaltandrohungen. Die bringe ich zur Anzeige, das ist ganz klar."
Auf Einladung der SPD-Abgeordneten Rasha Nasr hat sie kürzlich den Bundestag besucht. Natürlich gibt es auch darüber ein Reel.
Es waren aufregende Wochen für Büsra Sayed. Mit etwas Abstand blickt sie positiv auf die Erfahrung: "Es hat mir - und vielen anderen Menschen auch - Hoffnung gegeben zu sehen, wie viele Menschen laut waren und Zusammenhalt gezeigt haben. Sonst hört man nur die negativen Stimmen, weil die normalerweise lauter sind", sagt Büsra Sayed. "Von diesem Zusammenhalt brauchen wir definitiv mehr. Wir müssen sichtbar sein und gemeinsam gegen rechts wirken."