Nordmazedonien: 26 Frauen in fünf Jahren getötet
11. März 2026
"Entweder bist du meine, oder du bist tot" - das war nur eine von Dutzenden Drohbotschaften, die die 31-jährige Rosica Koceva erhielt, bevor ihr Ex-Partner Ilija Stefanovski sie und ihren Vater in der Nähe ihres Hauses in der zentralmazedonischen Stadt Veles tötete. Dies ist der jüngste Fall von Femizid in Nordmazedonien, der auch von der Polizei dokumentiert wurde.
Rosica hatte die Gewalt und die anhaltenden Drohungen ihres Ex-Partners mehrfach angezeigt - die er nicht nur gegen sie selbst, sondern auch gegen ihre Eltern und Freundinnen gerichtet hat. Doch ihr Fall wurde von den Institutionen nie ernsthaft behandelt.
Vor der Tat wurde der Täter lediglich zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Zudem wurde ein Annäherungsverbot angeordnet, an das er sich jedoch nicht hielt. Nach dem Doppelmord nahm er sich das Leben.
26 getötete Frauen in fünf Jahren
Dies ist einer von vielen Fällen, die Fragen über die institutionelle Reaktion auf Hilferufe von Frauen in Nordmazedonien aufwerfen. Rosica ist nur eine von insgesamt sechs Frauen, die 2025 in dem 1,8-Millionen-Einwohner-Staat getötet wurden. 2024 waren es fünf weibliche Todesopfer, zwei von ihnen hatten sich zuvor wegen häuslicher Gewalt an die Behörden gewandt.
Das Jahr 2023 war das schwerwiegendste Jahr in Bezug auf Morde an Frauen, mit insgesamt neun Opfern. Drei dieser Fälle standen im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt. Im Eurostat-Ranking 2023 gehörte Nordmazedonien mit sechs weiblichen Toten pro eine Million Einwohner zu den Ländern mit der höchsten Mordrate an Frauen in Europa: Das Westbalkanland belegte den dritten Platz nach Litauen und Lettland. Im Jahr 2022 wurden zwei Frauen getötet, während 2021 vier Frauenmorde registriert wurden.
Geschlechtsspezifische Gewalt seit 2023 unter Strafe
Die Tötung einer Frau bedeutet nicht zwangsläufig, dass ein Femizid verübt wurde. Damit ein Fall als solcher eingestuft werden kann, muss nachgewiesen werden, dass die Tat geschlechtsbezogen war - also, dass die Frau getötet wurde, weil sie eine Frau ist.
Obwohl der Begriff "Femizid" im Strafgesetzbuch Nordmazedoniens nicht ausdrücklich verwendet wird, wurde im Jahr 2023 Artikel 123 um Absatz 2-a ergänzt. Darin wird die Tötung einer Frau oder eines Mädchens unter 18 Jahren "als Folge geschlechtsspezifischer Gewalt" unter Strafe gestellt.
Da dies zuvor rechtlich nicht geregelt war, ist nicht genau bekannt, wie viele der vorherigen Frauenmorde tatsächlich als Femizid einzustufen sind. Derzeit analysiert das Nationale Netzwerk gegen häusliche Gewalt alle Urteile und Entscheidungen im Zusammenhang mit der Tötung von Frauen in Nordmazedonien im Zeitraum von 2014 bis 2023.
Geplant ist ein Bericht, der einen klareren Überblick über die Natur der Mordfälle geben soll. Vertreter des Netzwerks erklärten gegenüber der DW, dass in den genannten Jahren in Nordmazedonien 40 versuchte Frauenmorde registriert wurden. 75 Frauen wurden getötet.
Nordmazedonien scheitert an der Femizid-Prävention
Rechtsanwältin Marta Gusar, die häufig Frauen vertritt, die Opfer häuslicher Gewalt geworden sind, betont, dass das Hauptproblem weiterhin in der Prävention liegt.
"Das zentrale Problem in unserem Staat ist, dass Femizid nicht verhindert wird. Wenn ein Femizid geschieht, ist es bereits zu spät. Die Pflicht zu Prävention ergibt sich aus der Istanbul-Konvention. Die Institutionen müssen geschlechtsspezifische Gewalt erkennen, Femizid verstehen und das Problem systematisch angehen", sagt Gusar der DW.
"Die Statistiken zeigen, dass die Zahl der Femizide hoch ist, insbesondere für einen Staat von der Größe Nordmazedoniens. Und die Frage, ob dieses Phänomen in der Praxis ernst genug behandelt wird, erhält leider gerade wegen dieser Zahlen eine negative Antwort", so Gusar.
"Es genügt, auch nur den Mord an Rosica zu betrachten", so die Anwältin weiter. "Dieses tragische Ereignis hat erneut gezeigt, dass das grundlegende Problem in der unzureichenden Prävention und im mangelnden Verständnis geschlechtsspezifischer Gewalt liegt."
Gewalt hat verschiedene Formen
Nach Ansicht von Frauenrechts-Aktivistinnen ist es notwendig, dass alle Fachkräfte, die mit Fällen geschlechtsspezifischer Gewalt und häuslicher Gewalt arbeiten, entsprechend geschult werden, um alle Formen von Gewalt zu erkennen, einschließlich psychischer, sozialer und wirtschaftlicher Gewalt - und nicht nur physischer Gewalt.
Dies ist wichtig, weil Frauen, die Gewalt melden, häufig bereits auf der Polizeiwache entmutigt werden. In einigen Fällen wurde ihnen gesagt, dass sie nicht über genügend Beweise verfügen, selbst dann, wenn ihre Anzeigen Elemente der Straftat "Gefährdung der Sicherheit" enthielten.
Eine weitere Herausforderung sind die Kapazitäten der Schutzunterkünfte für Gewaltopfer, die in Nordmazedonien weiterhin unzureichend sind. Nach offiziellen Angaben erreicht die Zahl der verfügbaren Betten nur 37 Prozent der Kapazität, die der Staat entsprechend der Bevölkerungszahl bereitstellen sollte. Von insgesamt 67 Betten im ganzen Land werden 19 von Nichtregierungsorganisationen betrieben.
Dieser Beitrag wurde im Rahmen eines Projekts zur Stärkung und Professionalisierung von Journalistinnen und Journalisten in Nordmazedonien erstellt, das von der Landesregierung von Nordrhein-Westfalen (NRW) unterstützt wird.