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PolitikIran

Iran nach dem Krieg: Eine fragile Stabilität

24. Juni 2026

Die USA haben ihre Sanktionen gegen den iranischen Ölhandel vorübergehend ausgesetzt. Doch um die wachsende soziale Unzufriedenheit zu bewältigen, braucht der Iran mehr als finanzielle Entlastung.

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Iran Teheran 2026 | Wandbild mit Ruhollah Chomeini und Ali Chamenei auf einer Straße
Laut offiziellen Angaben kann die Mehrheit der Gesellschaft die wirtschaftliche Belastung nicht länger ertragen Bild: Majid Asgaripour/WANA/REUTERS

Vor dem Hintergrund laufender Verhandlungen zwischen Washington und Teheran haben die Vereinigten Staaten ihre Sanktionen gegen den iranischen Erdölhandel bis zum 21. August ausgesetzt. Das US-Finanzministerium erteilte eine befristete Lizenz, die Produktion, Lieferung und den Verkauf von iranischem Rohöl erlaubt. Die Aussetzung der Sanktionen ist ein zentraler Bestandteil eines Rahmenabkommens, das beide Seiten in der vergangenen Woche unterzeichnet haben.

Parallel dazu verhandeln die USA und Katar über die Freigabe von rund sechs Milliarden US-Dollar eingefrorener iranischer Öleinnahmen, die für humanitäre Zwecke vorgesehen sind. "Die freigegebenen Gelder werden für den Kauf von Lebensmitteln verwendet. Diese werden ausschließlich in den USA bei unseren Landwirten erworben", sagte der US-Präsident am Montag (22.06.26) im Weißen Haus.

Reeder hoffen auf Öffnung der Straße von Hormus

Der Iran bleibt dringend auf weitere finanzielle Entlastung angewiesen. Nach vorläufigen Schätzungen der iranischen Regierung belaufen sich die Kriegsschäden auf rund 229 Milliarden Euro. Ob und wann der in der vorläufigen Verständigung geplante 300-Milliarden-Dollar-Fonds für den Wiederaufbau der iranischen Wirtschaft kommt, ist nicht bekannt.

Inflation dürfte weiter steigen

Nach Angaben des iranischen Wirtschafts- und Finanzministers Seyed Ali Madanizadeh musste die Regierung zusätzlich zum bestehenden Haushaltsdefizit weitere Milliardenkredite von der Zentralbank aufnehmen, um kriegsbedingte Ausgaben zu decken. Diese Kreditaufnahme dürfte die Inflation in den kommenden Monaten deutlich anheizen.

"Ein Abkommen mit den Vereinigten Staaten wird die iranische Wirtschaft nicht vollständig normalisieren", warnte Madanizadeh, der an der University of Chicago promoviert wurde. "Die erheblichen inflationären Effekte der Neuverschuldung werden sich bald bemerkbar machen."

Auch der Wirtschaftswissenschaftler Ahmad Alavi erwartet kurzfristig keine spürbaren Verbesserungen. Im Gespräch mit der Deutschen Welle verweist er auf die Erfahrungen mit dem Atomabkommen (JCPOA) 2015: Zwar könnten höhere Öleinnahmen und geringerer außenpolitischer Druck der Wirtschaft eine Art "künstliche Beatmung" verschaffen. "Ohne tiefgreifende Strukturreformen blieben solche Effekte jedoch begrenzt und nicht nachhaltig."

Verschärfte strukturelle Probleme

Der Iran steckt seit Jahren durch Sanktionen, Missmanagement und Korruption  in einer schweren Wirtschaftskrise. Der Krieg sowie die Blockade iranischer Häfen durch die USA als Reaktion auf die zeitweise Sperrung der Straße von Hormus haben die Lage zusätzlich verschärft.

Vor allem Lebensmittelpreise sind in kurzer Zeit stark gestiegen. Besonders deutlich zeigt sich dies bei Eiern, einer zentralen Proteinquelle für ärmere Haushalte: Der Preis für eine Packung mit 15 Eiern ist innerhalb eines Jahres von rund 70.000 Toman um fast das Dreifache auf über 200.000 Toman gestiegen. Auch andere Grundnahrungsmittel wie Speiseöl oder importierter Reis haben sich erheblich verteuert.

"Die Preise steigen buchstäblich täglich", berichtet eine 28-jährige Frau aus dem Iran. "Mein Mann und ich sind beide berufstätig und haben ein kleines Kind. Trotzdem müssen wir auf vieles verzichten. Ich glaube nicht, dass die Preise wieder sinken werden."

Zwar ist der Wechselkurs zuletzt leicht gesunken: Laut dem Nachrichtenportal Tabnak fiel der Dollarkurs von rund 1:190.000 auf etwa 1:150.000 Toman. Für Verbraucher hat sich dies jedoch bislang kaum bemerkbar gemacht. Die Preise für Waren und Dienstleistungen bleiben hoch.

Eine Mutter mit einem Schulkind aus Teheran schildert die Sorgen vieler Familien: Steigende Mieten zwängen immer mehr Menschen, ihre Wohnungen aufzugeben und in kleinere Unterkünfte zu ziehen oder bei Verwandten unterzukommen. "Selbst ein kurzer Urlaub am Kaspischen Meer ist für viele unbezahlbar geworden, auch für uns."

"Viele Iraner wollen Veränderung"

Auch offiziell wächst die Sorge vor sozialer Unzufriedenheit. Nach Angaben der Organisation für soziale Angelegenheiten im Innenministerium leiden große Teile der Bevölkerung unter finanziellen Belastungen.

Deren Leiter, Mohammad Bathaei, warnte unter Berufung auf staatliche und wissenschaftliche Umfragen vor einer angespannten Stimmung: Rund 60 Prozent der Befragten gaben an, die wirtschaftliche Belastung nicht länger ertragen zu können. Gleichzeitig haben etwa 80 Prozent das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden.

Bathaei forderte politische Entscheidungsträger auf, diese Entwicklungen ernst zu nehmen. Auch der Indikator der "sozialen Hoffnung" zeige einen klaren Abwärtstrend: Etwa 60 Prozent der Bevölkerung blickten pessimistisch in die Zukunft.

Der iranische Präsident Masoud Pezeshkian äußerte ebenfalls Besorgnis. Er fürchte, dass die wirtschaftlichen Probleme zu Protesten führen könnten. "Wir können so die Bedürfnisse der Bevölkerung nicht ausreichend erfüllen. Unzufriedenheit könnte wieder auf die Straße übertragen werden."

Resilienz der Gesellschaft

Der Soziologe Mehrdad Darvishpour sieht den Iran nach den jüngsten Konflikten in einer fragilen Nachkonfliktphase. Darvishpour ist Professor an der Universität Mälardalen in Schweden und forscht seit Jahren über die Veränderungen in der iranischen Gesellschaft.

Im Gespräch mit der Deutschen Welle beschreibt er die aktuelle Lage im Iran als eine "instabile Ordnung", in der politische Spielräume weiterhin eingeschränkt blieben. Das politische System kämpfe derzeit ums Überleben. Der Krieg habe nicht nur enorme wirtschaftliche Schäden verursacht, sondern auch tiefe soziale und psychologische Spuren hinterlassen. Gesellschaftliche Bewegungen seien geschwächt, Erwartungen gedämpft worden, so Darvishpour.

Iran Teheran 2026 | Junge Iraner versammeln sich bei Straßenmusikern in der Innenstadt
Millionen junge Iraner sind unzufrieden mit dem politischen System Bild: Morteza Nikoubazl/NurPhoto/picture alliance

Dennoch bleibt er vorsichtig optimistisch: "Die zentrale Frage ist, ob sich diese Gesellschaft nach Niederlagen, Repressionen und kollektiven Traumata neu organisieren kann. Meine Antwort ist ja. Die Resilienz der iranischen Gesellschaft sei nicht zu unterschätzen."

Das politische System, so Darvishpour, werde nicht alle Entwicklungen zurückdrehen können, etwa den wachsenden Widerstand gegen den Kopftuchzwang. Die Bewegung "Frauen, Leben, Freiheit" habe beispielsweise die gesellschaftlichen Machtverhältnisse bereits nachhaltig verändert. Selbst unter Bedingungen starker Repression gehen weiterhin Frauen ohne Kopftuch auf die Straße. 

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