Westjordanland: Wie Siedler Palästinenser vertreiben
25. Januar 2026
Viele Jahre lang war das palästinensische Beduinendorf Ras Ein el-Audscha im südlichen Jordantal Heimat für Jamila Rashid und ihre Familie. Anfang Januar jedoch musste sie diese Heimat verlassen.
"Die Schikanen durch die israelischen Siedler sind unerträglich geworden", klagt die junge Mutter. Sie lehnt sich an den metallenen Türrahmen in ihrem Zuhause in Ras Ein el-Audscha im besetzten Westjordanland.
In einer Ecke stehen einige Koffer und andere sorgfältig gepackte Habseligkeiten. "Es gibt keine Sicherheit mehr. Seit drei Jahren leiden wir, aber die Provokationen sind schlimmer geworden", sagt sie.
Sie erzählt der DW davon, wie die Siedler in ihr Haus eindrangen. "Gestern kamen sie schließlich in unsere Küche. Die Kinder hatten solche Angst!"
Immer mehr Übergriffe im Westjordanland
Im vergangenen Jahr stieg die Gewalt der Siedler gegen Palästinenser und ihren Besitz im von Israel besetzten Westjordanland an. Nach Angaben der israelischen Verteidigungsstreitkräfte IDF und des Inlandsgeheimdiensts Shin Bet wuchs die Zahl der Angriffe seit dem Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und dem darauffolgenden Krieg im Gazastreifen allein im Jahr 2025 um 27 Prozent. Dies beinhalte auch Übergriffe auf das israelische Militär im Westjordanland.
Seit Januar 2023 hat das Amt der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) über 700 palästinensische Familien dokumentiert, deren Vertreibung auf Siedlergewalt im Westjordanland zurückzuführen war. Unter ihnen befanden sich überwiegend palästinensische Beduinen-Gemeinden im sogenannten C-Gebiet, das bis zu 60 Prozent des Westjordanlands ausmacht und sich vollständig unter israelischer Zivil- und Militärverwaltung befindet.
Der israelischen Menschenrechtsgruppe B'Tselem zufolge wurden seit Oktober 2023 mindestens 44 Beduinengemeinden vollständig vertrieben.
Wie die Vertreibung funktioniert
In Ras Ein el-Audscha begann die Lage sich Ende Dezember 2025 zu verschlechtern, als israelische Siedler einen illegalen Außenposten im Dorf errichteten. Felder wurden umgepflügt und eine Zugangsstraße zeitweise abgesperrt, die zu einem Teil des Dorfes führte.
Immer wieder erlebte Salameh Qa'abna in den vergangenen Jahren wie sein Dorf Ziel von Siedlerangriffen wurde. Ende Dezember errichteten Siedler dann einen kleinen Außenposten nur wenige Dutzend Meter von seinem Haus und seiner Familie entfernt. Damit verschwand auch das letzte Gefühl von Sicherheit.
"Sie hinderten uns daran, die Straße zu nutzen und blockierten die Wasserlieferung", berichtet Qa'abna und schaut auf den nahegelegenen Außenposten, an dem zwei Siedler mit ihren Eseln stehen. "Nachts näherten sich mehrere von ihnen unserem Zuhause. Die Kinder hatten große Angst."
Etwa 130 Angehörige mehrerer Großfamilien haben ihre Häuser Anfang des Monats aufgrund der anhaltenden Angriffe durch die Siedler abgebaut und das Dorf verlassen. "Es ist demütigend, es ist schmerzhaft", sagt Jamila Rashid.
"Kann es etwas Schwereres geben, als das eigene Heim mit den eigenen Händen niederzureißen? Und wir wissen noch nicht einmal, wo wir hingehen sollen."
Sie sind nicht die Einzigen, die an diesem kalten, sonnigen Wintertag im Jordangraben ihre Sachen packen, begleitet vom Meckern und Blöken der Ziegen, Schafen und ein paar Eseln. Für viele hier im Dorf sind die Tiere die Haupteinkommensquelle, doch die meisten von ihnen mussten in den vergangenen Wochen in ihren Ställen bleiben, weil es zu gefährlich geworden war, sie auf die Weide zu lassen.
Nun werden einige von ihnen auf Kleinlastwagen geladen. Zusammen mit anderen Habseligkeiten fahren sie davon. Junge Männer aus dem nahegelegenen Ramallah helfen währenddessen den Dorfbewohnern, die Ställe und ihre Häuser abzubauen.
Dorfbewohner Mohammed Abu Fadi verfolgt das Geschehen ungläubig. Er selbst ist sich nicht sicher, ob er gehen oder bleiben soll. "
Jeden Tag und jede Nacht kommen sie mit Pferden und schikanieren uns. Das alles hat Auswirkungen auf die Kinder, die Kleinen, die Tiere, selbst die Vögel. Das ist kein menschliches Verhalten", betont er.
Schikanen folgen einem Muster
Ras Ein el-Audscha ist nicht der einzige Ort, der unter so einer Situation leidet. Es ist von mehreren illegalen Siedlungen und Außenposten umgeben.
Das gleiche Muster wiederholt sich in vielen anderen palästinensischen Gemeinden, zum Beispiel den nahegelegenen Ortschaften Muarradschat and Mughayyir al-Deir. Auch dort hatten Siedler Außenposten im Zentrum der Dörfer errichtet. Kurze Zeit danach sahen die Dorfbewohner keine andere Möglichkeit, als den Ort zu verlassen.
Laut der Friedensbewegung Peace Now, die die israelische Besatzung verurteilt, gibt es im gesamten Westjordanland mehr als 149 Siedlungen; dazu kommen 224 kleinere nicht autorisierte Außenposten und sogenannte Bauernhöfe. Die Siedlungen auf besetztem Gebiet sind nach internationalem Völkerrecht illegal.
Israel bestreitet dies. Seit der Eroberung und Besetzung des Westjordanlands im Krieg von 1967 wurde der Bau und die Ausdehnung der Siedlungen von den verschiedenen israelischen Regierungen vorangetrieben.
Unter der derzeitigen Regierung, die eine harte Linie verfolgt, wurden Siedler in hohe Regierungsämter berufen. Erst kürzlich kündigte die Regierung den Bau oder Legalisierung 19 neuer Siedlungen an.
Außerdem soll das umstrittene Siedlungsprojekt Plan E1 umgesetzt werden, der das Westjordanland in zwei Abschnitte teilen würde. Der größte Teil der internationalen Gemeinschaft, darunter auch Deutschland, betrachtet die israelische Siedlungen im besetzten Westjordanland als wesentliches Hindernis für die Gründung eines unabhängigen palästinensischen Staates.
"Schützende Präsenz"
In Ras Ein el-Audscha führt ein junger israelischer Siedler seine Herde Schafe durch das Dorf, dicht gefolgt von internationalen und israelischen Aktivisten, die versuchen, die Dorfbewohner durch ihre Präsenz zu schützen. Sie bleiben derzeit rund um die Uhr im Dorf. Manche von ihnen leben gemeinsam mit Familien in der Nähe ihrer Häuser.
Von ihrer Basis auf einem kleinen Hügel in der Nähe des Dorfes beobachten sie die Bewegungen der Siedler. Viel Handlungsspielraum haben sie nicht.
"Im Moment können wir sie [die Palästinenser] nur schützen, während sie ihre Sachen packen und ihnen helfen, diesen Ort sicher zu verlassen", sagt Neta Ben Porat, eine Aktivistin der regierungsunabhängigen Anti-Besatzungsorganisation 'Looking the Occupation in the Eye' zur DW.
"Es sind ständig Dutzende Siedler hier, jede Minute. Sie schikanieren, stehlen, schlagen, schüchtern ein, filmen die Häuser, reiten mit ihren Pferden in die Hinterhöfe. Die Anwohner können nicht schlafen, sich nicht ausruhen, sie müssen immer auf der Hut sein. Viele haben beschlossen, dass sie so nicht leben können und gehen", fährt sie fort.
Was unternimmt die israelische Regierung?
Die Palästinenser und die Aktivisten, die sie unterstützen, behaupten, die israelische Regierung lasse diese Angriffe ungehindert zu, die Täter würden kaum zur Rechenschaft gezogen. Der israelische Aktivist Amir Pansky beschreibt die Lage in Ras Ein el-Audscha als "herzzerreißend".
Er und die anderen Aktivisten kennen die Familien im Dorf schon seit Jahren. Sie haben beobachtet, wie in den vergangenen Tagen junge israelische Hirten aus benachbarten Siedlungsaußenposten Schaf- und Ziegenherden in das Dorf getrieben haben.
"Der Staat Israel, die Kommunalverwaltung, sie nutzen sie als Stellvertreter für die Besatzung. Diese Hirten, oft sind sie sogar noch minderjährig, schikanieren den Ort hier jeden Tag, jede Nacht. Die Armee, die Polizei, der Staat und die [israelische] Verwaltung im Westjordanland stehen alle hinter ihnen", meint Pansky.
Im März 2025 stahlen israelische Siedler die Schaf- und Ziegenherden mehrerer Landwirte im Dorf. Dabei verletzten und töteten sie einige der Tiere, bevor sie sie zu einem illegalen landwirtschaftlichen Außenposten brachten. Obwohl Beweise für den Aufenthaltsort der Tiere erbracht werden konnten, griffen Armee und Polizei nicht ein, die Tiere wurden nicht an ihre Eigentümer zurückgegeben.
Das israelische Militär erklärte in einer Stellungnahme auf Anfrage der DW, was sie zum Schutz der Dorfbewohner in Ras Ein el-Audscha unternehme, dass es über die Vorfälle informiert sei und kürzlich die Präsenz von Soldaten verstärkt habe.
"Soldaten der IDF betreten das Gebiet entsprechend der Anforderungen und operativen Erfordernisse, um Konflikte zwischen Bevölkerungsgruppen zu verhindern und Ordnung und Sicherheit im Gebiet aufrechtzuerhalten", teilt die IDF mit.
"Soldaten, die Gesetzesverstöße durch israelische Bürger oder gegen Palästinenser oder deren Eigentum gerichtete Aktionen beobachten, sind verpflichtet, einzugreifen und Verdächtige ggf. bis zum Eintreffen der Polizei festzuhalten oder zu verhaften", führt sie weiter aus.
In Ras Ein el-Audscha haben Rashid, Qa'abna und andere sich schließlich dazu durchgerungen, das Dorf zu verlassen und ihre Familien in Sicherheit zu bringen. Innerhalb eines Tages sind sie mit ihren Tieren aus ihrem Teil des Dorfes verschwunden. Wie Gerippe stehen die Überreste ihrer Behausungen noch hier und erinnern daran, dass hier jahrelang Menschen gelebt haben.
Adaptiert aus dem Englischen von Phoenix Hanzo.