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Jane Austen: Von der Regency-Ära zu TikTok-Reels

Brenda Haas
15. Dezember 2025

Die Werke der englischen Autorin leben weiter in Bridgerton, Bridget Jones und TikTok-Memes: Auch 250 Jahre nach ihrer Geburt ist Jane Austen noch populär.

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Digital bearbeitetes Porträt der englischen Romanautorin Jane Austen
In Großbritannien gehören Jane Austens Romane noch heute zur SchullektüreBild: Heinz-Dieter Falkenstein/imageBROKER/picture alliance

"Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, dass ein Junggeselle im Besitz eines schönen Vermögens nichts dringender braucht als eine Frau."

Diese Eröffnungszeile aus Jane Austens Roman "Stolz und Vorurteil" war nicht nur eine eindeutige Anspielung auf den Heiratsmarkt im England des frühen 19. Jahrhunderts, sie ist auch vielleicht einer der bekanntesten Sätze der englischen Literatur überhaupt.

Austens Markenzeichen, mit dem sie ihre Leserinnen und Leser zu fesseln versteht, ist die Sozialsatire. Ihr berühmter Einstieg impliziert, dass die beste Chance einer Frau auf Sicherheit darin bestand, einen reichen Mann zu heiraten.

Heute liefern Austens Worte Stoff für Memes und TikTok-Reels; ihre sechs Romane wurden unzählige Male auf unzählige Arten adaptiert, von der klassischen BBC-Miniserie über eine Zombie-Parodie bis hin zu einer Bollywood-Version. Auch die erfolgreiche Netflix-Serie "Bridgerton" hat sie inspiriert.

Doch warum finden Jane Austens Romane, die im England der Regency-Ära spielen und sich auf Frauen aus der Mittel- und Oberschicht konzentrieren, auch heute noch so regen Anklang?

Ein aufgeschlagenes Buch mit dem Titel "Pride and Prejudice"
Die Erstausgabe von "Pride and Prejudice" ("Stolz und Vorurteil") ist im ehemaligen Wohnhaus Jane Austens zu sehenBild: Li Ying/XinHua/dpa/picture alliance

Vertraute Themen bieten Identifikationspotenzial

"Ihr Humor kommt immer noch gut an, was man von dem ihrer Zeitgenossen nicht behaupten kann", sagt Juliette Wells, Professorin für Literaturwissenschaft am Goucher College im US-Bundesstaat Maryland. Wells, Autorin von "Everybody's Jane: Austen in the Popular Imagination" (2011), führt Austens anhaltende Beliebtheit auf ihre Menschenkenntnis zurück - ihre Figuren verkörpern Eigenschaften, die auch heute noch in verschiedenen kulturellen Mustern wiederzuerkennen sind.

Jane Austen wurde am 16. Dezember 1775 in dem Dörfchen Steventon in der englischen Graftschaft Hampshire als siebtes von acht Kindern geboren. Aufgewachsen in einem lebhaften Haushalt, in dem Literatur eine große Rolle spielte, begann sie bereits als junges Mädchen, spielerische Parodien zu schreiben. Ihre ersten Romane entwarf sie in ihren Zwanzigern.

Sie veröffentlichte sie unter dem Pseudonym "By a Lady", schickte es sich doch damals für Frauen nicht, Bücher zu veröffentlichen. Auf "Verstand und Gefühl" (1811) folgten "Stolz und Vorurteil" (1813), "Mansfield Park” (1814) und "Emma” (1815). "Die Abtei von Northanger" und "Überredung" wurden 1817 posthum veröffentlicht - in dem Jahr, in dem sie im Alter von gerade einmal 41 Jahren starb.

Ihre Bücher befassten sich mit familiären Spannungen, langsam wachsenden Liebesbeziehungen, der Beziehung von Schwestern untereinander und der Kunst, gute Gesellschaft von schlechter zu unterscheiden - Themen, die auch heute noch allzu vertraut klingen.

Bestehen in der Männerwelt - damals wie heute

"Austens Heldinnen leben in einer klassenbewussten patriarchalischen Gesellschaft mit strengen Verhaltensregeln und einer ausgeprägten geschlechtsspezifischen Doppelmoral. In gewisser Weise unterscheidet sich unsere Welt im 21. Jahrhundert nicht so sehr davon", so Juliette Wells gegenüber der DW.

Austen habe ihren Heldinnen durch Witz, Intelligenz und innere Stärke Handlungsfähigkeit verliehen. "Wir alle können Mut aus Austens weiblichen Protagonistinnen schöpfen. Da ist Elizabeth Bennet (in "Stolz und Vorurteil"; Anm. d. Red.), der ihr persönliches Glück zu wichtig ist, um Heiratsanträge von Männern anzunehmen, die sie nicht respektiert. Oder Anne Elliot in 'Überredung', die dem Snobismus ihrer Familie eine Absage erteilt und die bewundernswerten Eigenschaften weniger privilegierter Menschen zu schätzen weiß", fügt Wells hinzu.

Subtil angeprangert: das Patriarchat 

Obwohl Austen manchmal als Vorläuferin des modernen Feminismus bezeichnet wird, weisen Wissenschaftler darauf hin, dass das "Happy End" ihrer Heldinnen patriarchalischen Normen entspricht. Denn ihre weiblichen Protagonistinnen finden in der Regel ihr Glück in der Ehe - auch wenn der Weg dorthin nicht immer glatt verläuft. 

Szene aus "Stolz und Vorurteil": Zwei Hochzeitspaare stehen in der Kirche nebeneinander
Colin Firth (zweiter von links) verkörperte in der Serie "Stolz und Vorurteil" Mr. Darcy - seine Figur erscheint in den Sozialen Medien immer wieder als MemeBild: Everett Collection/picture alliance

"Natürlich erfüllt die Heirat am Ende nicht die heutigen Standards einer starken weiblichen Figur", sagt Shelley Galpin, Dozentin für Kultur, Medien und Kreativwirtschaft am King's College London. "Allerdings entspricht Austens Darstellung junger Frauen, die wissen, was sie wollen, und sich nicht scheuen, ihre Meinung zu sagen, durchaus modernen Vorstellungen von weiblicher Selbstbestimmung."

Galpin zitiert Anne Elliots Beobachtung in "Überredung", dass "die Feder in ihren Händen lag" - eine spitze Bemerkung zur männlichen Dominanz.

"Für mich zeigt das, dass Austen ein gewisses Bewusstsein für die Ungleichheit der Geschlechter hatte und sich nicht scheute, das auch anzusprechen. Ich würde daher sagen, dass ihre Werke durchaus feministische Elemente enthalten, auch wenn es nicht ganz zutreffend wäre, sie als Feministin zu bezeichnen."

Jane Austen fans mark 250 years since writer's birth

Die Erfindung des grüblerischen Helden

Neben scharfsinnigen Heldinnen schuf Austen auch ikonische männliche Hauptfiguren; der bekannteste unter ihnen ist wohl Mr. Fitzwilliam Darcy, der männliche Protagonist in "Stolz und Vorurteil". "Austens Männerfiguren können definitiv als weibliche Fantasie gelesen werden, wie ein heterosexueller Mann sein sollte", erklärt Galpin.

Diese Fantasie reicht von der Zeit, als Austen die Figur schuf, bis in die Gegenwart: Darcys Wandlung vom distanzierten Aristokraten zum hingebungsvollen Partner hat ihn zu einer der beständigsten romantischen Figuren der Literatur gemacht - und dank der Darstellungen der englischen Schauspieler Colin Firth und Matthew Macfadyen auf der Leinwand zu einem Sexsymbol der Popkultur.

Eine Einzelgängerin, die die Romantik analysierte

Für eine Frau, die nie geheiratet hat - obwohl sie Berichten zufolge Verehrer hatte und kurzzeitig verlobt war -, analysierte Jane Austen sehr gekonnt die zeitlosen Rituale der Balz zwischen Männern und Frauen. "Ich glaube definitiv, dass ihre romantischen Beschreibungen universell nachvollziehbar und sehr einnehmend sind", so Galpin. "Die Darstellung der frühen Phasen der Liebe wirkt so zeitlos, die Emotionen werden so einfühlsam beschrieben, dass sie bei Menschen unterschiedlicher Zeiten und Orte Anklang finden." 

Eine ältere Frau im Sari steht mit erhobenem Zeigefinger vor vier jungen Frauen im Sari
"Liebe lieber indisch" war die Bollywood-Antwort auf die immer noch aktuelle Frage nach Ehe und HeiratsfähigkeitBild: United Archives/picture alliance

Es überrascht nicht, dass Austens Geschichten die perfekte Vorlage für moderne, sich langsam entwickelnde Romantikkomödien waren. Zu den Hollywood-Verfilmungen gehören "Clueless" aus dem Jahr 1995 (basierend auf "Emma") und die äußerst erfolgreiche "Bridget Jones"-Reihe (basierend auf "Stolz und Vorurteil"). Letztere wurde sogar in Bollywood als "Liebe lieber indisch" (2004) mit Starschauspielerin Aishwarya Rai neu verfilmt. Auch die Netflix-Erfolgsserie "Bridgerton" ist eine Hommage an Austens Welt des Regency-Hoflebens. (Die Regency Epoche ist eine kurze, aber prägende Zeitspanne zwischen 1811 und 1820 in Großbritannien und Irland.)

Szene aus der Serie "Bridgerton": Ein Mann und eine Frau geben sich beim Tanzen die Hände und schauen sich in die Augen
Die Netflix-Serie "Bridgerton" wurde von Jane Austens Romanen inspiriertBild: Liam Daniel/Netflix/dpa/picture alliance

Von den Ballsälen der Regency-Zeit zu TikTok-Memes

Bilder aus Verfilmungen von Austens Romanen sind für die Generation Z zu einem beliebten Meme-Material geworden, das zu viralen Inhalten auf TikTok, Instagram und X remixed wird. Die Liebesgeschichten ihrer Protagonisten werden nun mit modernen Ängsten in Bezug auf Dating, soziale Unbeholfenheit oder feministische Selbstbehauptung untertitelt.

Auch Wissenschaftler weisen auf die Meme-Tauglichkeit von Austens Romanen hin, die sich durch witzige, wiederholbare Zeilen und archetypische Charaktere auszeichnen. Gleichzeitig findet ihre Kritik an Geschlechterrollen in der Post-#MeToo-Ära bei einem neuen Publikum Anklang.

Zwei Frauen mit Sonnenschirmen und ein Mann, der einen Kinderwagen schiebt, alle in Kleidung  aus der Regency-Ära, vor einem klassizistischen Gebäude
Fans reisen alljährlich zum Jane Austen Festival in Bath anBild: Simon Chapman/London News Pictures/ZUMA/picture alliance

"Austen war sich sehr bewusst, wie männliche Macht zu Arroganz führen kann. Daher ist es nicht verwunderlich, dass ihre mächtigsten männlichen Charaktere heute Anlass zu Kritik und Ablehnung geben", erklärt Juliette Wells. Dass sie aber auch die Fähigkeit von Männern betone, sich zu verändern, "findet ebenfalls starken Anklang bei uns".

Eine allgemein anerkannte Wahrheit könnte sein, dass Austens Vermächtnis nicht nur in ihrem literarischen Ruhm liegt, sondern auch in ihrer anhaltenden Relevanz - denn die Schriftstellerin schafft es, auch das Publikum der heutigen Zeit in ihren Bann zu ziehen.

Adaption aus dem Englischen: Suzanne Cords