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Berlins junge Juden: Nur nicht auffallen

26. Januar 2026

Jüdinnen und Juden in Berlin erleben verstärkt Antisemitismus und sind im Alltag vorsichtig geworden. Nicht wenige von ihnen schauen auch durchaus skeptisch auf die offiziellen Rituale des Holocaust-Gedenkens.

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Eine Solidaritätsdemo für Israel vor dem Brandenburger Tor in Berlin im Oktober 2023. Im  Zentrum des Bildes steht eine Kippa auf dem Kopf eines Mannes.
Ein Mann mit Kippa bei einer Demonstration in Berlin 2023Bild: Stefan Boness/IPON/picture alliance

Er sei, sagt Tim Kurockin, "nicht religiös". Und das sei in dieser Situation vielleicht "ein Privileg". Er trage keine Kippa, die jüdische Kopfbedeckung, einen Davidstern trage er auch nicht. "Ich bin nicht sichtbar jüdisch."

Der 21-jährige Jude kam kurz vor dem 7. Oktober 2023, dem Terrorangriff der Hamas auf Israel, aus seiner bayerischen Heimat nach Berlin. Das mit dem "Privileg" erläutert er im DW-Gespräch. Er habe Freunde, die religiös seien und "körperlich angegriffen wurden, weil erkannt wurde, dass sie jüdisch sind".

In der deutschen Hauptstadt studiert Kurockin an der Hochschule für Wirtschaft und Recht. Er engagiert sich in einer Reihe jüdischer Organisationen, so in der Hillel-Bewegung, die weltweit jüdische Studierende vernetzen will, und bei der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD).

"Sehr vorsichtig unterwegs"

Kurockin ist nach eigenem Bekunden in Berlin "sehr vorsichtig unterwegs" und erzählt auch "nicht vielen Leuten", dass er jüdisch ist. Aber es sei nicht so, dass er "den ganzen Tag mit Angst durch Berlin" laufe. Bei bestimmten Kundgebungen entscheide er sich schon für einen Umweg. Dort würden sehr oft antisemitische Transparente gezeigt und antisemitische Parolen gebrüllt. Wer da zur Intifada aufrufe, rufe zum Mord an Jüdinnen und Juden auf, sagt er.

Juden in Deutschland- zwischen Vorsicht und Zugehörigkeit

Jüdisches Leben in Berlin, sichtbares Judentum, findet seit Jahrzehnten meist unter Polizeischutz statt. Seit dem Herbst 2023 hat sich das Bild in der deutschen Hauptstadt noch verschärft. So glich der Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor im Dezember bei der Feier des Lichterfestes "Chanukka" mit Gästen aus dem Bundestag einer Festung. Noch vor einigen Jahren konnten Passanten das Lichterfest aus der Nähe verfolgen. Jetzt weiträumige Absperrungen, mehrfache Einlasskontrollen, Polizisten auf Hausdächern.   

Sichtbares Zeichen war zuletzt auch der Austausch der Absperrungen vor jüdischen Einrichtungen im verschiedenen Bezirken der Stadt. Statt der provisorischen Sperrgitter, die leicht zu entfernen waren und keinem Auto standgehalten hätten, sieht man dort seit einigen Wochen massive Absperrpoller, eng aneinandergereiht.

Das Fotos zeigt dasJüdisches Gymnasium Moses Mendelssohn in der Großen Hamburger Straße in Berlin-Mitte. Der Gebäudekomplex ist übermannshoch mit einem massiven Metallzaun umgeben. Man sieht einen Mast der Videoüberwachung mit Kameras.  Vorne links sieht man zwei uniformierte Wachleute der Berliner Polizei. Schwach zu erkennen ist in der rechten Bildhälfte, dass es einige Meter nach dem ersten Zaun hinter dem Hof, in dem Abfallcontainer und Parkplätze sind, eine weitere Umzäunung gibt.
Videoüberwachung und Polizeischutz: das Jüdische Gymnasium Moses Mendelssohn in Berlin-MitteBild: Joko/picture alliance

Den Polizeischutz gab es schon vor dem 7. Oktober 2023, dem Hamas-Terror mit über 1200 ermordeten und rund 250 als Geiseln verschleppten Israelis. Mit dem folgenden Gaza-Krieg, bei dem nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza, das von den Vereinten Nationen und vielen Menschenrechtsorganisationen als zuverlässig eingestuft wird, mindestens 70.000 Palästinenser infolge des militärischen Vorgehens Israels getötet wurden, nahmen die Bedrohungen zu und wurde der Polizeischutz verstärkt. 

Einige, wie Tim Kurockin, äußern sich zu ihrem Leben in Berlin, andere nicht. Es gibt auch junge Juden, die sagen, sie persönlich hätten keinen Hass erlebt.

Den 27. Januar, das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus, bewertet Kurockin als "Tag ehrlicher Trauer". Aber mit manchen Formen des Holocaust-Gedenkens in Deutschland kann er nicht viel anfangen. Ganz häufig sei es "derselbe Social-Media-Post, wo die Leute entweder mit 'Nie wieder' stehen oder so ein Schwarz-Weiß-Bild von Auschwitz posten", meint er. "Das ist nicht genug. Macht doch dann auch ehrlich was gegen Antisemitismus! Wir haben in Teilen Deutschlands die Situation, dass eine rechtsextreme Partei bei Bundestagswahlumfragen auf dem zweiten Platz liegt, teilweise auf dem ersten Platz. Wir sehen, wie der Linksextremismus wächst, der israelbezogene Antisemitismus. Wir sehen dieses konstante Anwachsen des Antisemitismus. Da passiert aus der Politik nicht genug." So bröckele aus "rechtskonservativen Kreisen" heraus die Brandmauer zu Rechtsextremen "immer weiter". Das Erstarken der in Teilen rechtsextremen Partei AfD bereite ihm Sorgen.

Das Bild wird bestimmt von der Straßenfront des Gebäudes der Synagogengemeinde Kahal Adass Jisroel. Im Vordergrund stehen an den Bildrändern zwei Fahrzeuge der Polizei.  Links ein Transporter mit Absperrgittern, rechts ein einfacher PKW. Beamte laden Sperrgitter vom Transporter ab. Kurz vorher hatte es am 18. Oktober 2023 einen versuchten Brandanschlag auf den Bau gegeben.
Absperrungen vor der jüdischen Gemeinde Kahal Adass Jisroel in Berlin-Mitte im Oktober 2023Bild: Rolf Zöllner/picture alliance

Wie viele Juden in Berlin leben, ist schwer zu sagen. Die offizielle Jüdische Gemeinde zu Berlin hat rund 10.000 Mitglieder. Die Zahl der Jüdinnen und Juden in der Stadt ist natürlich weit höher und auch durch die Flucht ukrainischer Juden vor Putins Angriffskrieg noch einmal gestiegen. Die Zahl der in Berlin lebenden Israelis wird auf 15.000 bis 30.000 geschätzt. Ob sie eher säkular oder religiös sind, ist nicht bekannt.

"Ganz schnell beleidigend"

Lilach Sofer ist 20 Jahre alt, studiert in Potsdam, lebt in Berlin. Ob sie Hass oder Bedrohung erlebt hat? In den sozialen Medien äußere sie sich seit einiger Zeit kaum mehr politisch und antworte nicht kritisch. "Da wurde es ganz schnell beleidigend, unsachlich", sagt sie der DW. 

Die junge Jüdin, Tochter einer israelischen Mutter und eines deutschen Vaters, betont, dass man in Berlin weithin "ganz normal" leben könne. Angst, in die Uni zu gehen, habe sie nicht: "Das geht noch". Sie selbst sei gelegentlich auch in den Stadtteilen Kreuzberg oder Neukölln unterwegs, aber sie achte zum Beispiel darauf, nicht laut Hebräisch zu sprechen. Ziemlich unaufgeregt erzählt sie von Freunden, die auf der Straße deswegen mal mit dem Messer bedroht worden seien. Mit einiger Mühe hätten sie die Situation deeskalieren können.

Und wie Tim Kurocki kommt Sofer auf ein Detail. "Früher trug ich gelegentlich einen Davidstern an einer Kette. Zur Zeit nicht. Man muss verrückt sein, derzeit, egal wo in Berlin, eine Davidsternkette zu tragen", meint sie.

Die Alltäglichkeit von Gefährdungen kehrt in Gesprächen mit jungen Juden immer wieder. Die Möglichkeit einer Bedrohung, sagt auch David Gorelik, sei ein "tagtäglicher Gedanke".

Deutschland Berlin | Porträt des jungen jüdischen Studenten David Gorelik
David Gorelik, Student aus Berlin Bild: Privat

Sein Leben habe sich nach dem 7. Oktober 2023 "sehr, sehr verändert". Der 21-jährige Jude berichtet von seinem Engagement bei "Meet a Jew", einem Projekt des Zentralrats der Juden, das persönliche Begegnungen von Juden und Nichtjuden zum Ziel hat. "Die Sicherheitsaspekte, die wir zu beachten haben, sind viel schärfer als früher", sagt er.

Der gebürtige Berliner, der zur Jüdischen Gemeinde Chabad Berlin in Wilmersdorf gehört, studiert derzeit jüdische soziale Arbeit. Einen Teil des Studiums absolviert er im thüringischen Erfurt, einen anderen Teil an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg. Vielleicht habe er sich auch für diese Hochschule entschieden, "weil ich da in einer bubble, einer Blase bin, in der ich geschützt bin". Da sei es kein Problem, die Kippa im Hörsaal zu tragen.

"Gemeinsam zusammenstehen"

Nach dem Oktober 2023 hätten angesichts mehrerer Attacken auch hier in Deutschland nicht wenige darüber nachgedacht, ob das jüdische Leben in Deutschland noch Sinn mache, berichtet er. Er sei da anderer Meinung. "Es macht Sinn. Man kann die Dunkelheit mit Licht verdrängen. Dafür stehen wir. Und wir wollen gemeinsam zusammenstehen."

Julia Klöckner und Yehuda Teichtal beim Kerzenanzünden
Das Chanukka-Kerzenanzünden im Dezember am Brandenburger Tor mit Bundestagspräsidentin Julia Klöckner und Rabbiner Yehuda Teichmann war stark gesichertBild: Sean Gallup/Getty Images

Gorelik betont, gerade innerhalb der vergangenen fünf Jahre sei das jüdische Leben in Deutschland "enorm gewachsen" und habe heute "eine richtig gute Infrastruktur". Beispiele dafür sind bekannt: Mittlerweile hat jede Landeshauptstadt eine Synagoge, bei der Bundeswehr wurde die jüdische Militärseelsorge etabliert, in Berlin eröffnete die Chabad-Gemeinde einen Jüdischen Campus, der bewusst für die Stadtgesellschaft offen sein soll.

Auch wenn er einräumt, dass er in manchen Gesprächen vorsichtiger sei, von Israel oder der Lage im Nahen Osten zu sprechen, nennt Gorelik ein konkretes Beispiel dafür, dass er Präsenz zeigen will: Nach dem 7. Oktober habe er sich persönlich entschieden, seine Schaufäden (die religiöse jüdische Männer an den vier Ecken eines Kleidungstücks tragen) "offen zu tragen, ganz offen. Weil die Antisemiten uns unter Druck setzen wollen, uns zu verstecken."

Man sieht über die Köpfe von vielen Demonstrierenden hinweg. Im Zentrum des Bildes steht links ein handgemaltes Schild "Nie wieder". Rechts sieht man eine Israel-Fahne.
Eine Demonstration aus Solidarität mit Israel im November 2023 in BerlinBild: Florian Gaul/greatif/picture alliance

Mit dem "Nie wieder" des offiziellen Gedenkens hat Gorelik auch seine Schwierigkeiten. Er glaube, "dass das Kind schon lange in den Brunnen gefallen ist". Er selbst hoffe einfach darauf, dass es noch viel mehr Dialogmöglichkeiten geben könne, damit Menschen, die überhaupt nichts vom Judentum wüssten, Juden und ihrem Alltag und ihren Sorgen konkret begegnen könnten, "gegen alle Vorurteile".

Der 21-jährige nennt einen Aspekt, weswegen er Deutschland vielleicht verlassen und nach Israel gehen würde: "Nicht wegen Antisemitismus, sondern aus einem politischen Grund", nämlich wenn die AfD den Bundeskanzler stellen würde.

Der Umgang mit Hass und Sorgen verändert sich, er verändert auch die Menschen. Diese Beobachtung teilt auch Andrea von Treuenfeld. Die Berliner Journalistin schrieb eine Reihe von Büchern über jüdisches Leben, unter anderem die Gesprächssammlung "Israelis in Berlin nach dem 7. Oktober".

"Der Schock ist nicht vergessen"

Die Autorin sieht verschiedene Phasen. "Der Schock der ersten Monate, als einige ihrer Häuser mit dem Davidstern markiert und sie in den Universitäten angegriffen wurden, als sie bei Uber nicht ihren wahren Namen nannten oder als Betreiber israelischer Restaurants mit Hassparolen überzogen wurden, dieser Schock ist nicht vergessen, aber abgeebbt", so von Treuenfeld zur DW.

Nun steige zwar noch die Zahl der antisemitischen Übergriffe, die Reaktionen sieht die Autorin aber unterschiedlich: Viele Jüdinnen und Juden fühlten sich wieder "relativ sicher" und bewegten sich angstfrei in der Stadt. Andere hingegen "meiden, anders als vor dem 7. Oktober, sehr bewusst die Öffentlichkeit".