Marina Abramović: Eine lebenslange Performance
Sie hat mehrere Dekaden der Performance-Kunst geprägt und sie in die großen Kunstmuseen gebracht. Der Berliner Gropiusbau widmet Marina Abramović nun eine Retrospektive.

Körper als radikales Ausdrucksmittel
Sie legte sich nackt auf Eisblöcke, ritzte sich die Haut auf und schrie, bis ihre Stimme versagte: Wohl kaum ein Künstler setzt den Körper so radikal als Ausdrucksmittel ein wie Marina Abramović. Die Ausstellung "Balkan Erotic Epic" wirft einen Blick auf ihr Leben und Werk, das geprägt ist von ihrem fortwährenden Interesse an Ritualen, Erotik, Tod und dem Körper als Ort politischen Widerstands.
Publikumsmagnet
Es ist die erste große Einzelausstellung der Künstlerin in Berlin seit den 1990er-Jahren. Entsprechend groß das Interesse am Eröffnungsabend: Die Schlange am Einlass war zeitweise bis zu 400 Meter lang. Ausgehend von der Folklore des Balkans - der Region, in der Abramović aufgewachsen ist - verbindet die Ausstellung filmische und skulpturale Installationen mit Live-Performances.
Mythen aus dem Balkan
Seit 2005 arbeitet die Künstlerin an dem umfangreichen Werk "Balkan Erotic Epic", inspiriert von Volksliedern, Märchen und Mythen aus dem Balkan. 2025 griff sie die Idee erneut auf. Dazu zeigt die Berliner Ausstellung weitere Werke aus Abramovics Œuvre, die bis in die 1970er-Jahre zurückgehen, und verbindet sie mit moderner Performance und neuen Videoinstallationen.
1973: Grenzüberschreitung
Abramovićs Erweckungserlebnis war 1973 eine Performance mit zehn Messern und zwei Tonbandgeräten, eine Art slawisches Trinkspiel. "Ich hatte gespürt, dass mein Körper grenzenlos war, dass Schmerz keine Rolle spielte, dass nichts eine Rolle spielte - und es war berauschend", schreibt Marina Abramović in ihrer Autobiografie. "In dem Augenblick wusste ich, dass ich mein Medium gefunden hatte."
1974: Jugend im Kommunismus
Marina Abramović wuchs in Belgrad als Kind zweier Partisanen auf, privilegiert zwar mit früher Kunsterziehung, doch einsam und von der Mutter regelmäßig geschlagen. Die Unterdrückung im kommunistischen Jugoslawien unter Tito macht sie immer wieder zum Thema ihrer Arbeiten, die oft sehr riskant sind: Bei dieser Performance in Belgrad mussten Besucher sie vor den Flammen retten.
1975: Radikale Selbstinszenierung
Verletzungen durch Selbst- und Fremdeinwirken, Nacktheit oder Bewusstlosigkeit sind in ihrem frühen Werk eher die Regel als die Ausnahme. Mit ihren radikalen Performances begehrte die 1946 geborene Künstlerin gegen die dekorative Ästhetik auf, die ihre Jugend prägte: "Ich war zu der Überzeugung gelangt, dass Kunst verstörend sein muss, dass Kunst Fragen stellen und zukunftsweisend sein muss."
1976: Kunst und Liebe
Die Begegnung mit dem deutschen Künstler Ulay (Frank Uwe Laysiepen) läutete eine neue Periode in Marinas Werk ein. Nicht nur, dass die beiden sich Hals über Kopf ineinander verliebten, sie arbeiteten fortan im Team. Den Auftakt machte eine Performance bei der Biennale in Venedig: Beide Künstler begegneten sich 58 Minuten lang immer wieder mit ihren nackten Körpern - Fleisch gegen Fleisch.
1978: Kreative Verschmelzung
Zwölf Jahre lang lebten und arbeiteten die beiden Künstler zusammen. Zeitweise wohnten sie in einem kleinen Autobus, völlig vogelfrei, und reisten zu den Orten, an die sie für ihre gemeinsamen Performances eingeladen wurden. In "AAA-AAA" schreien sie sich 15 Minuten lang an.
1980: Schleichender Liebesverlust
Es war nur folgerichtig, dass auch ihre Trennung 1988 mit einer Performance besiegelt wurde. Die Wanderung aufeinander zu, entlang der Chinesische Mauer, war eigentlich als romantisches Manifest gedacht. Beim Zusammentreffen wollten die beiden heiraten. Doch war die Liebe in den Jahren zuvor auf der Strecke geblieben: Sie trennten sich - privat wie künstlerisch.
1997: Rinderknochen und Kunstpreis
Die Trennung bedeutete für Marina Abramović Kunst keinen Rückschritt, im Gegenteil: 1997 wurde sie zur Biennale nach Venedig eingeladen, in die internationale Sektion des italienischen Pavillons. Mit ihrer Arbeit zu den Balkan-Kriegen, in der sie sieben Stunden am Tag Rinderknochen putzte, gewann die Serbin den Goldenen Löwen.
1997: Kunst für die Nachwelt
Die Knochen erinnerten auch an ihre frühere Video-Performance-Reihe "Cleaning the Mirror". Performances leben in dem Moment, doch sind Videos eine Möglichkeit, die flüchtige Kunst für die Nachwelt zu konservieren. Seit den 1990er Jahren bildet Marina Abramović auch Nachwuchskünstler aus.
2002: Karriere in New York
Zur Jahrtausendwende zog Marina Abramović nach New York um und arbeitete weiterhin viel: Theaterstücke, Performances, Begegnungen mit anderen Künstlern. Langsam wurde auch das amerikanische Publikum auf ihre Kunst aufmerksam. In "House with an Ocean View" lebte die Künstlerin zwölf Tage in drei komplett einsehbaren Räumen. Die Idee: das Energiefeld zwischen sich und den Besuchern verändern.
2010: Aug in Aug mit der Künstlerin
Das Museum of Modern Art in New York widmete Marina Abramović 2010 eine umfassende Retrospektive, in der die Künstlerin erstmals Re-Performances ihrer bekanntesten Arbeiten zeigte. Sie selbst war drei Monate präsent. Besucher konnten ihr ins Auge schauen - ein Riesenerfolg. Der Medienrummel erweiterte ihr Publikum weit über das Bildungsbürgertum hinaus.
Die Kraft der sexuellen Energie
In Berlin kann die Künstlerin aufgrund gesundheitlicher Probleme nicht selbst dabei sein. Doch per Videointerview erklärt sie den Hintergrund ihrer Inspiration: "Die Welt wird bewegt von sexueller Energie. Wir können sie nutzen und in etwas Wunderschönes verwandeln. Doch wenn wir sie unterdrücken, wird sie zu Aggression, Wut und Krieg." Die Schau ist bis zum 23. August 2026 im Gropiusbau zu sehen.