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WM in Katar: Einschalten oder boykottieren?

Jochem Pascal Kommentarbild App
Pascal Jochem
19. November 2022

In Katar läuft die kontroverseste Fußball-WM der Geschichte. Ein Dilemma für viele Fans, besonders in Deutschland: einschalten oder boykottieren? DW-Redakteur Pascal Jochem sucht nach einer Antwort.

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Ein Deutschland-Fan kann nicht mehr hinsehen und hält sich die Augen zu
Begeisterung oder Boykott? Viele Fans sind noch unentschlossenBild: Jens Schlueter/APN/picture alliance

Es ist die Gretchenfrage unserer Zeit. Nur statt Religion muss der Fußball herhalten. "Nun sag, wie hast du's mit der Fußball-WM in Katar?" Einschalten oder ignorieren? Sich hingeben oder protestieren? Ein Riss geht durch Familien, der Stammtisch ist sich uneins, selbst im Kollegenkreis gehen die Meinungen auseinander.

Darf man die Fußball-WM trotz all der politischen Kontroversen rund um das Turnier trotzdem schauen - und sogar mitfiebern? Oder ist das moralisch fragwürdig? Überhaupt, die Moral.

Heftige Kritik in Bundesliga-Stadien

In deutschen Stadien schien die Meinung zuvor einhellig zu sein: Die WM in Katar wurd abgelehnt, mit Spruchbändern und Plakaten machten viele Fans in den letzten Wochen bundesweit auf sich aufmerksam. Die Todesfälle unter den Arbeitsmigranten und die homophobe Gesetzgebung im Gastgeberland wurden angeprangert. Zurecht.

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Pascal Jochem, DW-Sportredaktion

Aber Katar symbolisiert für viele Kritiker noch viel mehr: Den gefährlichen Weg, den der moderne Fußball eingeschlagen hat. Scheichs und "Sportswashing", windige Investoren, Korruption und der große Ausverkauf der Seele des Spiels - für all das steht sinnbildlich Katar. All das kann man ablehnen. Das kann ich nachvollziehen.

Aber den Fußball einfach ignorieren, so als fände das größte Sport-Ereignis der Welt gar nicht statt? Vor der WM 2018 in Russland gab es auch ein mediales Grummeln, aber Boykottaufrufe waren nicht zu vernehmen. Dabei warf die russische Luftwaffe Bomben über Syrien ab und nordkoreanische Gastarbeiter wurden beim Bau von Stadien systematisch ausgebeutet. "Die Sklaven von St. Petersburg", lautete eine Schlagzeile.

War nicht da schon längst eine rote Linie überschritten? Kann ein TV-Boykott tatsächlich etwas bewirken? Jede Kneipe, jeder einzelne Fan kann das für sich entscheiden und schlechte Einschaltquoten treffen auch den Weltverband FIFA. Aber wenn Deutschland und vielleicht Nordeuropa schlechtere Quoten einbringen, dann gleichen andere Regionen das wieder aus. Die FIFA ist längst dabei, neue Märkte zu erschließen - und das kann man ihr nur bedingt vorwerfen.

Die arabische Welt hat eine WM verdient - nur wo?

Denn es ist längst überfällig, dass eine WM in der arabischen Welt stattfindet. Die FIFA hat mehr als 90 Jahre dafür gebraucht. Die Kritik an der "Winter-WM" und fehlender Fußball-Tradition in Katar ist eurozentristisch, manch andere sagen westliche Hybris. Die Region hat eine WM verdient.

Musste es denn ausgerechnet Katar sein? Auch ich bin nicht glücklich darüber. Aber ich werde den Fernseher einschalten und die WM verfolgen. Und ich weiß schon jetzt: Es wird wehtun. Die Vorfreude tendiert gegen null. Erste Berichte von vermeintlich eingekauften "fake fans", die in Doha eine Party feiern, lassen mich sprachlos zurück. Ebenso die Aussicht, weitere Friedensbotschaften von FIFA-Präsident Gianni Infantino in den nächsten Wochen ertragen zu müssen.

Ich klammere mich an Erinnerungen aus der Kindheit. 1994, als kleiner Junge, saß ich im dunklen Zimmer gespannt vor dem leuchtenden Röhrenfernseher. Als die Nigerianer famos aufspielten und der Brasilianer Bebeto seine Tore mit schaukelnden Armen als Baby-Gruß zelebrierte.

Fußball-WM 94 Finale Brasilien - Italien, Bebeto in Aktion
Der Brasilianer Bebeto gewann mit Brasilien die WM 1994 in den USABild: Oliver Multhaup/dpa/picture-alliance

Es sind diese Bilder, die sich eingebrannt haben. Jeder Fan hat seine eigene Geschichte, durch solche Erlebnisse wird sie geboren, die Faszination Fußball-WM. Und am Ende schalten wir doch ein, aus Liebe zum Spiel. Oder zumindest aus beruflichen Gründen.

Hinschauen und hinterfragen

Dieses Mal wird es ein besonderer Balanceakt: Wie weit kommt Afrikameister Senegal, nutzt Messi seine letzte Chance, wie schlagen sich Hansi Flick und das DFB-Team? All diese sportlichen Geschichten sind es wert, erzählt zu werden, aber mich interessiert eigentlich viel mehr, was abseits des Platzes passiert.

Wo bröckelt die Inszenierung der FIFA, die das Turnier schon jetzt zur "besten WM aller Zeiten" gekürt hat. Gibt es auf internationalen Druck hin einen Entschädigungsfonds für Gastarbeiter? Wie halten es die Kataris mit der Pressefreiheit? (Erste Anzeichen sind nicht gerade vielversprechend.) Wie sehen südamerikanische und asiatische Fans diese WM und das im Westen so präsente Thema Menschenrechte? Wird sich das DFB-Team noch eine Aktion überlegen, um "unsere Werte zu vertreten", wie Manuel Neuer es verkündet hat? Macht das Emirat wirklich etwas aus dieser "Chance", wie es Bastian Schweinsteiger im DW-Interview einschätzte? Und wie reagieren all die üppig honorierten PR-Figuren auf Kritik, wie etwa Katar-Botschafter David Beckham? 

All das will ich wissen, hinterfragen und diskutieren. Am Esstisch, in der Kantine oder in der Kneipe. All diese Dinge verdienen unsere Aufmerksamkeit. Und deshalb ist Wegschauen für mich keine Option.