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Politik

Omikron ist ein Wendepunkt

7. Januar 2022

Die Quarantäne wird verkürzt, Geboosterte werden weiter privilegiert. Weitere Corona-Maßnahmen gibt es nicht. Die Virus-Variante Omikron lässt die Politik ein Stück weit kapitulieren, meint Sabine Kinkartz.

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Deutschland | Coronavirus | Mundschutz, Fußgängerzone
Unbeliebt, aber unabdingbar: Die Maske ist der kleinste gemeinsame Nenner im Kampf gegen das VirusBild: Frank Rumpenhorst/dpa/picture alliance

Da sind sie also: die Tage, in denen sich die Corona-Virusvariante Omikron nun auch in Deutschland so richtig breit macht. Die Inzidenz, das ist die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner, steigt mit jedem Tag rasanter an, grafisch dargestellt wird die Kurve nun vertikal in die Höhe schnellen.

Jeder kennt bald jemanden, den das Virus erwischt hat. Energieversorger, Polizei, Feuerwehr, Krankenhäuser, die öffentlichen Verkehrsanbieter und andere Teile der sogenannten kritischen Infrastruktur arbeiten mit Notfallplänen. Die Politik reagiert, indem sie die bislang strengen Quarantäne- und Isolationsregeln lockert, damit weniger Menschen der Arbeit fernbleiben müssen.

Gekommen, um zu bleiben

Wie bitte? Die Politik lockert die Regeln? Wurden zu Beginn einer neuen Pandemiewelle - und nichts anderes erleben wir gerade - nicht immer neue Einschränkungen erlassen und die Maßnahmen verschärft? Diesmal werden nur die Einlassregeln für die Gastronomie strenger und bleiben für komplett Geimpfte erfüllbar. Mehr nicht. Denn diesmal ist vieles anders. Omikron markiert einen Wendepunkt.

Die Virusvariante hat die Aussicht auf ein absehbares Ende der Pandemie zunichte gemacht. Das Corona-Virus zeigt einmal mehr, dass es gekommen ist, um zu bleiben und den menschlichen Abwehrmechanismen dabei stets ein Stück voraus ist. Das Versprechen der Politiker, dass mit der Impfung alles gut wird, gilt nicht mehr. Auch wer geimpft ist, selbst dreimal, kann sich infizieren. Je mehr sich anstecken, um so wahrscheinlicher wird es, dass sich neue Mutationen bilden.

Die Angst kommt und geht

Das macht etwas mit den Menschen. "Wir werden uns doch sowieso alle anstecken", dieser Satz fällt immer häufiger. Resignation macht sich breit. Die Abwehr bröckelt. Zumal sich die Nachricht verbreitet, Omikron sei offenbar weniger gefährlich, als die bisher dominante Delta-Variante und der Booster, also die dritte Impfung, schütze weitgehend vor einer schweren Erkrankung. Da fällt es schwerer, diszipliniert zu bleiben. 

Kinkartz Sabine Kommentarbild App
DW-Redakteurin Sabine Kinkartz

Stattdessen werden Einstellung und Verhalten angepasst. Während Ende November, als Omikron noch recht neu war, viele Bürger nach verschärften Corona-Maßnahmen riefen, hat sich ihre Zahl aktuell halbiert. Die Angst geht zurück und wenn es keine absehbare Aussicht auf ein Ende der Pandemie gibt, dann kann man doch auch lernen, mit dem Virus zu leben.

Für die einen leichter, für die anderen schwerer

Für die meisten heißt das, wieder selbst zu bestimmen, was man für sich verantworten kann und möchte: Größtmögliche Sicherheit, die mit erheblichem Verzicht verbunden ist, oder größtmögliche Freiheit, verbunden mit einem vermeintlich kalkulierbaren Risiko.

Eine Wahl, die bei weitem aber nicht alle haben. Vor allem nicht die, die sich nicht impfen lassen können. Schwer haben es auch Familien mit Kindergarten- oder Grundschulkindern, die noch weitgehend ungeimpft sind. Immer wieder werden sie in Quarantäne geschickt, wenn in der Schule oder im Kindergarten eine Infektion festgestellt wird. Manche Familien haben in diesem Winter wochenlang zuhause gesessen und sind am Ende ihrer Kraft.

Die Durchseuchung beginnt

Für viele dürfte es eine Erleichterung sein, dass die Politik die Quarantäne-Regeln nun lockert. 14 Tage in heimischer Isolation zu verbringen, obwohl man keine Symptome hat und der Corona-Test negativ ist, dafür gibt es nach fast zwei Pandemie-Jahren kaum noch Akzeptanz. 

Allerdings werden die gelockerten Quarantäneregeln zur Folge haben, dass sich das Virus noch schneller verbreiten kann. Schulen und Kindergärten werden faktisch zur Durchseuchung freigegeben. Mehr ungeimpfte Kinder werden schwer erkranken oder Folgeschäden davontragen. Dass der Staat und die Gesellschaft das einfach so hinnehmen, ist mehr als Resignation, das ist Kapitulation.

Der Staat hat vielfach versagt

Bitter ist das, vor allem vor dem Hintergrund, dass der Staat wenig dafür getan hat, um Schulen und Kindergärten besser zu schützen. Es gibt keine Impfpflicht für Lehrer und Erzieher. Luftfilter existieren nur vereinzelt, wobei man wissen muss, dass sie ohnehin nur für Räume beantragt werden können, die nicht zu lüften sind. Wo ein Fenster ist, kann das geöffnet sein. Auch bei winterlichen Temperaturen. Digitaler Unterricht? Weiterhin Fehlanzeige. Die Präsenzpflicht wird nicht ausgesetzt.

Omikron markiert tatsächlich einen Wendepunkt in der Pandemie. Abgesehen vom Geschilderten ist es der Moment, in dem wir erkennen müssen, dass Deutschland es nie geschafft hat "vor die Welle" zu kommen, weil es dazu gar nicht in der Lage ist. Dafür fehlen schlicht die Voraussetzungen. Es gibt zu viele Menschen, die ungeimpft sind, keine Impfpflicht und kein Impfregister. Stattdessen gibt es inzwischen tausende gefälschter Impfausweise.

Analog statt digital

Deutschland ist mangelhaft digitalisiert. Die Gesundheitsämter arbeiten mit Papier und Faxgeräten. An Wochenenden und Feiertagen sind die Infektionszahlen nicht tagesaktuell verfügbar - durch Weihnachten und Silvester wussten wir drei Wochen lang nicht, wie die Lage tatsächlich ist. Die Politik ist sich zu oft uneins, der Föderalismus macht es in Notlagen nicht einfacher.

Das alles ist eigentlich unfassbar und zutiefst frustrierend. Zu ändern ist es kurzfristig nicht. Bleibt nur: Augen zu und durch und die Hoffnung, dass die Virusvariante Omikron tatsächlich verkraftbar ist und vielleicht sogar den Übergang in die Endemie einläutet. Sicher ist das nicht. Es könnten auch Varianten folgen, die wieder gefährlicher sind. Das wäre dann ein erneuter Wendepunkt. Aber einer, an den man gar nicht denken möchte.