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Gewalt gegen Lehrer nimmt zu

24. Oktober 2020

Sie werden beschimpft, im Internet beleidigt, im Unterricht bedroht: Auch in Deutschland ist das Alltag für viele Lehrer. Nach dem Mord von Paris wird hierzulande wieder über Gewalt gegen Lehrkräfte diskutiert.

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Deutschland Gewalt gegen Lehrer Symbolbild
Bild: Ute Grabowsky/photothek/Imago Images

Der Schultag für Günther Ferber war fast vorbei, da eskalierte in der Deutschstunde ein Streit zwischen zwei Schülern. Einer von ihnen griff zu einem Cutter-Messer, das zuvor im Kunstunterricht verwendet wurde.

"Er ist dann mit dem Cutter-Messer auf den anderen Schüler zugestürmt und schrie laut, er würde ihn umbringen." Ferber folgte einem Reflex und stellte sich zwischen die Schüler. "Daraufhin hat er mich mit dem Cutter-Messer attackiert, weil er so sehr in Rage war, dass er auf irgendjemanden einstechen musste."

Gewalt an jeder dritten Schule

Ferber, der Mitte Dreißig ist und aus Sicherheitsgründen hier anders genannt wird, kommt mit einer leichten Verletzung davon. Nach einigen Minuten hat er den Angreifer an seiner Gesamtschule im Rheinland im Westen Deutschlands beruhigt. "Das war auch kein ganz kleiner Schüler mehr, wir sind ja an einer weiterführenden Schule. Das war eine krasse Situation."

Deutschland Udo Beckmann
Udo Beckmann von der Lehrergewerkschaft VBE sieht die Politik in der PflichtBild: picture alliance/dpa/F. Gambarini

Ein Einzelfall? Nein, sagt Udo Beckmann, Vorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), Deutschlands zweitgrößter Lehrergewerkschaft. Er hat eine Umfrage bei mehr als 1300 Schulen in Auftrag gegeben. "Es zeigt sich ein sehr eindeutiges Bild", sagt Beckmann der DW. "An deutlich mehr Schulen wurden Lehrkräfte in den letzten fünf Jahren direkt beschimpft, bedroht, beleidigt, gemobbt oder belästigt." An jeder dritten Schule seien Lehrkräfte sogar körperlich angegriffen worden.

Schock nach Angriff in Paris

"Dieses Phänomen der Gewalt gegen Lehrkräfte kann nicht kleingeredet werden", sagt Beckmann. Er fordert mehr Aufmerksamkeit von der Politik: "Die Ministerien müssen Statistiken über Gewaltvorfälle führen und veröffentlichen. Und vor allen Dingen erwarten wir, dass die Dienstherrn sich vor die Lehrkräfte stellen und sie sowohl psychologisch als auch juristisch in solchen Fällen unterstützen und nicht versuchen, das zum Privatproblem des Betroffenen zu machen", so Beckmann. Es müsse außerdem mehr Fort- und Weiterbildung zum Umgang mit Mobbing und Gewalt geben. Mehr Unterstützung durch weitere Professionen, wie Psychologen und Sozialarbeiter an den Schulen. 

Frankreich | Paris | Macron bei der Gedenkzeremonie für den Lehrer Samuel Paty 21.10.2020
Der Staat in Trauer: Präsident Emmanuel Macron neben dem Sarg von Geschichtslehrer Samuel PatyBild: Francois Mori/Pool/Reuters

Für viel Aufmerksamkeit auf das Thema Gewalt gegen Lehrer sorgt zur Zeit der Anschlag auf Samuel Paty in Frankreich. Der Geschichtslehrer wurde von einem mutmaßlichen Islamisten auf offener Straße enthauptet. Paty hatte im Unterricht Mohammed-Karikaturen gezeigt, um mit seinen Schülern über Meinungsfreiheit zu diskutieren.

Schere im Kopf der Lehrer?

"Das ist eine unglaubliche Tat", sagt die Psychologin und ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Lale Akgün. Ob sie solch eine Tat auch in Deutschland für möglich hält? "Man kann das nie ausschließen", sagt Akgün der DW. "Aber muss es erst zu einem Mord an einem Lehrer kommen, bevor man das thematisiert? Ich denke nicht." Man müsse darüber reden, was Aufgabe der Schule sei. "Und da sehe ich vor allem die Vermittlung von Werten und die Erziehung zum mündigen Menschen." Akgün sagt, dass Jugendliche mit patriarchalem, oft religiösem, Weltbild dies verhindern und Meinungsvielfalt im Klassenraum unterdrücken wollten.

Deutschland Lale Akgün
Psychologin, Publizistin, ehemalige SPD-Politikerin: Lale AkgünBild: picture alliance/dpa/D. Reinhardt

"Es ist ja so, dass Lehrer zum Teil hanebüchene Dinge erleben, Mobbing und Drohungen. So entwickelt sich ein Klima der Angst." Das führe dazu, dass einige Lehrer von vornherein eine "Schere im Kopf haben und sagen: bestimmte Themen behandle ich erst gar nicht. Warum würde ich mich in Gefahr bringen?"

Die Verfassung auf dem Lehrplan

Gesamtschullehrer Günther Ferber erlebt das anders. "Dass Lehrer bewusst solche Inhalte nicht behandeln, weil sie sich von irgendwelchen Kräften bedroht fühlen, spiegelt nicht den Alltag an den Schulen wider." Er selbst unterrichtet auch Philosophie. "Da gehört es zu meinem Tagwerk, Einstellungen kollidieren zu lassen, damit man sich darüber austauschen kann." Dabei sei wichtig, dass Lehrer für Meinungs- und Religionsfreiheit eintreten. "Das ist Basis unserer Verfassung und darüber zu sprechen ist Teil des Lehrplans", so Ferber.

Dennoch: Auch er möchte einen Anschlag wie in Paris für Deutschland nicht ausschließen. "Wir hatten in Deutschland auch schon Schulschießereien. Und ich denke, es gibt eine gewisse Entwicklung, dass solche Gewaltfälle in einer krasseren Form auftreten." Ferber ist wichtig, dass an Schulen ein Klima geschaffen wird, in dem Hass und Gewalt nicht gedeihen.

Gewalt bei 35 Grad Celsius

"Es ist ja generell viel Druck auf dem Kessel, wenn sie mit 30 Schülern im Raum sind und draußen sind es vielleicht 35 Grad Celsius – da ist ja klar, dass jemand irgendwann durchdreht." Deshalb setzten er und seine Kollegen sich für kleinere Klassen ein, für mehr Lehrer, speziell mehr Sonderpädagogen, die sich um Schüler mit Problemen kümmern. "So kann man den Druck raus nehmen kann, denn sonst kommt Gewalt zustande."

Der Schüler, der Ferber mit dem Cutter-Messer angegriffen hatte, wurde zeitweise der Schule verwiesen, musste Anti-Gewalt-Trainings machen. Doch Ferber hat keine Anzeige bei der Polizei gestellt. "Wir Lehrer sind ja über Jahre mit den Schülern zusammen. Man möchte ihnen nichts Böses, man möchte etwas für sie erreichen", sagt er. Deshalb, so fügt er hinzu, sei er schließlich Lehrer geworden.