Nadav Lapids Film "Yes" will Israels "Wahnsinn" zeigen
13. November 2025
Der israelische Filmemacher Nadav Lapid erlangte internationale Bekanntheit, weil er mit seinen Werken die Missstände seines Heimatlandes thematisiert. Etwa in "Synonymes", der 2019 bei der Berlinale den Goldenen Bären gewann, und in "Aheds Knie", der zwei Jahre später den Preis der Jury in Cannes erhielt. Lapid hatte sich geschworen, dass sein nächster Film nicht von Israel handeln würde.
Sein Drehbuch mit dem Titel "Yes" war bereit für die Vorproduktion; er dachte bereits über mögliche Hollywood-Schauspieler für die Verkörperung zweier Künstler nach, die ihre Kunst, ihre Seelen und ihre Körper an die Reichen und Mächtigen verkaufen. Doch dann kam der 7. Oktober 2023.
Der in Paris lebende israelische Filmemacher kehrte kurz nach den Terroranschlägen der Hamas in sein Heimatland zurück. Er empfand tiefes Mitgefühl für die Verzweiflung seiner Familie und Freunde. Doch er konnte aufgrund der damaligen Äußerungen von Politikern auch vorhersagen, dass die Rache des Staates "biblische Ausmaße" annehmen würde, wie er bei der Premiere seines Films in Berlin sagte.
Lapid änderte sein Drehbuch innerhalb weniger Wochen, um den aktuellen Ereignissen Rechnung zu tragen. "Der Film spielte sich direkt um mich herum ab", sagte er.
"Auf Wahnsinn mit Wahnsinn reagieren"
Das entstandene Werk zeuge von einem bestimmten Moment in der Geschichte, sagt der Filmemacher. Gleichzeitig sei es ein "Spielfilm auf Steroiden", ein Werk, das "auf Wahnsinn mit Wahnsinn reagiert", wie Lapid es beschreibt.
Aber selbst die am stärksten satirischen und experimentellen Szenen - wie beispielsweise die, in der sich der Kopf eines hochrangigen Beamten in einen Bildschirm verwandelt, der die Schrecken des Krieges zeigt - wirkten auf Israelis wie "ein neorealistischer Film", sagt der Filmemacher.
Um zu veranschaulichen, was in Gaza geschieht, waren keine computergenerierten Bilder erforderlich: Im Hintergrund wird eine Reihe realer Bilder der bombardierten palästinensischen Enklave gezeigt, während sich ein israelisches Paar auf einem Hügel vor der Grenze küsst. Solche Szenen wurden ohne Genehmigung gedreht und die gesamte Produktion heimlich gefilmt, sagt Lapid. Es sei schwierig für ihn gewesen, Darsteller und eine Crew zu finden, die bereit waren, an dem Film mitzuwirken.
Hauptdarsteller Ariel Bronz ist ein provokativer Performancekünstler, der vor einigen Jahren Schlagzeilen machte, weil er sich bei einer Show zum Thema Meinungsfreiheit eine israelische Flagge in den Hintern gesteckt hatte.
Obwohl "Yes" teilweise vom israelischen Staat finanziert wurde, weigerten sich die wichtigsten Verleiher des Landes, den Film zu übernehmen, darunter auch jener, der Lapids vorherige Filme vertrieben hatte. "Sie wollten sich diesen Film nicht einmal ansehen", sagt Lapid. Bislang wurde er auf dem Jerusalem Film Festival gezeigt, für Israel ist eine Independent-Veröffentlichung geplant.
Wenn eine selbstsüchtige Elite nationalistische Ideologie unterstützt
Y. und Jasmine, die Hauptfiguren von "Yes", sind tagsüber erfolglose Künstler und nachts exzessive Entertainer. Ihre Darbietung ist ein Geheimtipp unter den Superreichen von Tel Aviv: Wer das Paar für einen Auftritt vor ausgewählten Gästen, zwischen Cocktails und Kunstwerken engagiert, kann sicher sein, dass die Party zu einem orgiastischen Event zu wummernden Eurotrash-Beats ausartet.
Eines der Kunstwerke, die auf der Party in der Eröffnungssequenz zu sehen sind, ist George Grosz' "Stützen der Gesellschaft" von 1926, ein Gemälde, das die deutsche Elite als groteske und egoistische Anhänger des Nationalismus darstellt.
Mit seiner Satire fällte Grosz ein frühes Urteil über den damaligen Zustand der deutschen Institutionen. Es war eine Prophezeiung darüber, wie die Unterstützung durch korrupte und heuchlerische Institutionen den Weg für den Aufstieg des Nationalsozialismus und eine Zukunft beispielloser Zerstörung ebnen würde. "Das Gemälde war der Ausgangspunkt für den Film", so der israelische Regisseur gegenüber der DW. Lapid erinnert sich, dass er als Kind von diesem Kunstwerk fasziniert war, und erklärt, dass der Stil des Gemäldes seine Vision des Kinos prägt, die er als "modernen Expressionismus" bezeichnet.
Seines Erachtens nach brauche man "keinen Nobelpreis", um die Parallelen zwischen den Säulen der deutschen Gesellschaft im Jahr 1926 und der Elite Tel Avivs fast ein Jahrhundert später zu erkennen. Diese Aussage spiegelt sich in vielen Szenen des Films wider. Lapid integriert eindeutige Symbole und Bilder in "Yes" als Ausdruck dafür, dass Nuancen aus dem israelischen Diskurs verschwunden sind.
Der übersteigerte Nationalismus ist durch die allgegenwärtigen israelischen Flaggen bei jeder öffentlichen Veranstaltung sichtbar. Und der unterwürfige Y. leckt buchstäblich die Stiefel seines wohlhabenden Gönners: ein Oligarch, der den Musiker beauftragt, eine neue, kraftvolle Hymne für das Nachkriegsisrael zu schreiben.
Ein provokantes Video als Herzstück des Films
Die von Y. komponierte Hymne wird in einem Video präsentiert, in dem israelische Kinder beiläufig Textzeilen singen, die einen Völkermord in Gaza innerhalb eines Jahres prophezeien: "In einem weiteren Jahr wird dort nichts mehr sein" und "Wir werden sie alle vernichten."
Die Hymne hat eine beunruhigende reale Hintergrundgeschichte. Das Video wurde im November 2023 von einer PR-Firma veröffentlicht, die von Ofer Rosenbaum, dem Gründer der "The Civilian Front Movement" (auf Deutsch "Bürgerfrontbewegung"), geleitet wird. Die Bewegung behauptet auf ihrer Website, "unpolitisch" zu sein, und hat sich zum Ziel gesetzt, die Unterstützung für die israelische Armee zu stärken. Unter dem Titel "Friendship Song 2023" (auf Deutsch "Freundschaftslied 2023") hat sie ein berühmtes Lied des israelischen Dichters Haim Gouri, "Hareut" (1949), mit einem neuen Text versehen. Dieses Lied wird oft bei Gedenkfeiern in Israel gespielt, da es an gefallene Soldaten und Freunde erinnert.
Das PR-Video, das in "Yes" zu sehen ist, wurde in den sozialen Medien vielfach geteilt und sogar vom staatlichen israelischen Fernsehsender Kan gepostet (und später wieder entfernt). Lapid gibt offen zu, dass seine These in "Yes" radikaler ist als jede Petition pro-palästinensischer Organisationen.
Der Filmemacher weist darauf hin, dass er, lange bevor internationale Experten Israel des Völkermords bezichtigten, bereits im November 2023 in sein Drehbuch geschrieben hatte, dass die "Nationalhymne Israels Völkermord ist" - als Symbol für die "musikalische Essenz des Volkes", wie er gegenüber der DW erklärt. Er ist sich bewusst, dass nur ein Israeli ein solch radikales Argument glaubwürdig vorbringen kann: "Ich grabe mich in diese kollektive Seele, die auch meine ist."
Adaption aus dem Englischen: Katharina Abel