Pakistan: Sicherheit in Belutschistan auf neuem Tiefpunkt
4. Februar 2026
Eine Gewaltserie hat die westpakistanische Provinz Belutschistan erschüttert. Am Wochenende wurden bewaffnete Attentate und Selbstmordanschläge mit mindestens 50 Toten gemeldet. Unter den Opfern waren überwiegend Zivilisten, darunter Frauen und Kinder.
Belutschistan hat etwa 15 Millionen Einwohner, mehrheitlich Belutschen, und eine Fläche, die ungefähr derer der beiden EU-Ländern Luxemburg und Belgien zusammengenommen entspricht. Allerdings wird die bergreiche Provinz, die direkt an Afghanistan und den Iran grenzt, immer wieder von Unruhen heimgesucht.
"Die Sicherheitsrisiken in der Region sind groß", sagt Michael Kugelman, Senior Fellow für Südasien beim Atlantic Council. Die Anschläge seien gut koordiniert, "extrem schwer und signifikant". Es seien die blutigsten Tage in Belutschistan seit langer Zeit gewesen.
Das seien keine sporadischen Vorfälle von geringer Bedeutung gewesen, sagt Sahar Baloch, eine in Berlin ansässige Forscherin, die sich auf Belutschistan spezialisiert hat. "Es handelt sich um weitverbreitete, koordinierte Angriffe in der gesamten Provinz, die auf einen Zuwachs von operativen Kapazitäten der Widerstandskämpfer in den letzten Jahren hindeuten."
Terrorgruppe BLA als Drahtzieher?
Die pakistanischen Sicherheitskräfte haben seit dem Wochenende in mehreren Gebieten Razzien gegen Mitglieder der verbotenen separatistischen Belutschischen Befreiungsarmee (BLA) durchgeführt. 177 BLA-Kämpfer seien dabei getötet worden, hieß es am Montag. Die BLA behauptet, sich für die Rechte der Belutschen einzusetzen. Pakistan, England und die USA stufen sie aber als Terrororganisation ein.
Die Provinzregierung hat außerdem Beschränkungen für öffentliche Versammlungen verhängt und das Verbergen der Gesichter durch Schleier verboten. Pakistan hat behauptet, die BLA werde von Indien unterstützt, ohne jedoch Beweise dafür vorzulegen. Neu-Delhi wies diese Vorwürfe zurück.
Die Anschuldigungen könnten dennoch zu einer Eskalation der Spannungen zwischen den beiden rivalisierenden Atommächten führen, die noch im letzten Mai den schlimmsten bewaffneten Konflikt seit Jahrzehnten ausgetragen hatten.
Gewalt ohne Ende
Belutschistan ist die ärmste Provinz in Pakistan. Die ressourcenreiche Region hat ein trockenes Wüstenklima und ist dünn besiedelt. Die Belutschen sehen die Region als ihr Zentrum an, in dem sie aber nach eigenen Angaben von der Zentralregierung in Islamabad diskriminiert und ausgebeutet würden. Dies hat einen separatistischen Aufstand angeheizt, der auf mehr Autonomie oder sogar Unabhängigkeit und einen größeren Anteil an den natürlichen Ressourcen abzielt.
Die Behörden gehen seit Jahrzehnten gewaltsam gegen solche Forderungen vor. Neben der BLA sind noch weitere belutschische Separatistengruppen aktiv. Die BLA-Kämpfer greifen regelmäßig pakistanische Sicherheitskräfte und den China-Pakistan Economic Corridor (CPEC) an. Das letztere ist ein milliardenschweres Projekt, das Teil der chinesischen weltumspannenden Seidenstraßeninitiative (BRI) ist.
Statistiken eines Online-Projekts über bewaffnete Konflikte, das Armed Conflict Location & Event Data Project (ACLED), zeigen eine starke Eskalation der Gewalt durch belutschische Separatisten in den letzten fünf Jahren. Die Zahl der Zwischenfälle und Todesopfer ist allein 2025 um 60 Prozent gestiegen. Das war das blutigste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen.
Versagten pakistanische Geheimdienste?
Die Region sei bereits stark militarisiert worden, sagt Experte Kugelman. "Das pakistanische Militär ist dort sehr stark vertreten. Aber das Ausmaß, der Umfang und die Raffinesse dieser Angriffe deuten klar auf ein erhebliches Versagen der pakistanischen Geheimdienste hin."
Die BLA stelle lokal eine ernsthafte militante Bedrohung dar, sagt Expertin Baloch. Die Gruppe habe gezeigt, dass sie in der Lage sei, koordinierte Anschläge zeitgleich in der gesamten Provinz zu verüben, die sowohl militärische als auch zivile Opfer fordern. "Die wirkliche Gefahr liegt in ihrer Fähigkeit, sich zu behaupten, Missstände auszunutzen und eine Gewaltspirale aufrechtzuerhalten, die Ressourcen verschlingt und Stabilität zerstört, wenn der Regierung der Kampf gegen die militanten Gruppen nicht gelingt."
Gespräche statt Gewalt?
Pakistan habe sich bisher dafür entschieden, den Aufstand in Belutschistan mit militärischen Mitteln zu beenden. Aber das habe nicht funktioniert, sagt Kugelman. Islamabad solle stattdessen einen Dialog aufnehmen und die zugrunde liegenden Missstände beseitigen.
"Die tief sitzenden Missstände, die diesen Aufstand befeuern, haben in den letzten Jahren dazu beigetragen, dass immer mehr Menschen den Weg zu den Aufständischen fanden", sagt der Experte. "Ich denke, das Problem könnte durch einen Dialog gelöst werden, bei dem sich die Vertreter der pakistanischen Regierung die Missstände anhören, nicht unbedingt von den Militanten, sondern von den lokalen Gemeinschaften, und versuchen, eine Art Dialog und eine politische Lösung zu entwickeln." In den dünn besiedelten Gebieten sind die Belutschen in Stämmen organisiert und fühlen sich bisher keinem Staat zugehörig.
Aus dem Englischen adaptiert von Dang Yuan