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So geht impfen

11. September 2019

Unser Immunsystem hat einiges zu tun, ständig kämpft es gegen Viren, Bakterien, Infektionen und andere Krankheiten. Mit Impfungen greifen wir ihm unter die Arme – und leisten einen Beitrag zur Weltgesundheit. Jawohl!

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Spritzen für Impfung
Bild: picture alliance/PIXSELL/D. Stanin

Bei einer Impfung wird unser Immunsystem bewusst einem Krankheitserreger ausgesetzt. Entweder dienen lebende Erreger als Impfstoff, die durch spezielle Zucht oder Bestrahlung geschwächt sind (Lebendimpfstoff) oder es kommen abgetötete Erreger (Totimpfstoff) zum Einsatz.

Schon ein kleiner Pieks mit einer geringen Dosis reicht aus, um unseren Körper in Alarmbereitschaft zu versetzen.

Er fackelt nicht lange und entwickelt Abwehrstoffe gegen die Erreger, sogenannte Antikörper, und Gedächtniszellen. Wenn wir danach irgendwann einmal mit den echten Viren oder Bakterien in Kontakt kommen, weiß unser Körper genau, was zu tun ist und wie er dagegen vorzugehen hat. 

Welche Impfungen gibt es?

Diese Form der Immunisierung heißt "aktive Impfung". Sie dient dem langfristigen Schutz vor Erkrankungen, also der Prophylaxe. Eine aktive Immunisierung wird etwa gegen Diphtherie, Keuchhusten, Tetanus, Masern, Mumps oder Röteln durchgeführt.

In der Regel sind für den vollständigen Aufbau des Impfschutzes, der sogenannten Grundimmunisierung, mehrere Teilimpfungen nötig. 

Impfkalender der Standardimpfungen
Der Impfkalender wird jährlich von der STIKO aktualisiert und vom Robert Koch-Institut veröffentlicht. Hier kann er vollständig und in 20 Sprachen eingesehen werden.

Neben der aktiven Impfung gibt es auch die "passive Immunisierung". Diese kommt zum Einsatz, wenn Menschen mit einem Krankheitserreger in Kontakt gekommen sind und es keinen ausreichenden Impfstoff gegen die Erkrankung gibt. Diese Form der Immunisierung ist eine Notfallmaßnahme.

Das Immunsystem wird dann unterstützt, indem Konzentrate von Antikörpern gespritzt werden. Diese wurden entweder gentechnologisch auf Basis von Zellkulturen hergestellt oder sie werden aus dem Blut von Menschen, beziehungsweise Tieren gewonnen. 

Eine passive Immunisierung bietet zwar sofortigen Schutz, jedoch nur für eine kurze Zeit, für drei Monate etwa. 

Es gibt auch eine Kombination beider Impfverfahren, das nennt sich dann Simultanimpfung. Wenn ein Patient ungenügenden Immunschutz hat, und im Verdacht steht, sich mit Erregern einer gefährlichen Infektionskrankheit infiziert zu haben, wird zusätzlich zur aktiven Schutzimpfung auch eine passive Immunisierung gegeben.

Hierbei wird der aktive und passive Impfstoff an verschiedenen Körperstellen injiziert, damit die passiv gespritzten Antikörper nicht sofort die Antigene der aktiven Schutzimpfung resorbieren.

Eine Arzthelferin kreuzt mit einem Stift im Impfausweis eine vollbrachte Masernimpfung an
Impfungen nützen auch dem Gemeinwohl. Jeder Masern-Betroffene infiziert durchschnittlich 15 weitere Menschen. Bild: picture-alliance/dpa

Warum ist Impfen wichtig? 

Ganz einfach: Sie profitieren von einer Impfung, denn sie kann Ihr Leben retten. Eine Impfung kann vor einer Infektionskrankheit komplett schützen oder ihren Verlauf deutlich mildern. Gerade bei besonders schweren oder gefährlichen Erkrankungen, wie Tetanus oder Masern, ist das wichtig. 
Masern etwa sind weltweit immer noch eine der häufigsten Infektionskrankheiten mit Tausenden von Todesfällen. Auch wenn Masern zu den Kinderkrankheiten gehören, sind nicht nur die Jüngsten gefährdet.

Die Erreger werden über die Luft übertragen. Infizierte geben die Keime in Form von feinsten Tröpfchen aus Speichel oder Schleim weiter. Diese entstehen beispielsweise beim Husten oder Niesen, werden aber auch schon beim Sprechen freigesetzt. Dazu kommt: Masern sind hochansteckend. Im Schnitt infiziert jeder Betroffene 15 weitere Menschen.

Infografik: Masernfälle weltweit

Und hier kommen wir zum gemeinschaftlichen Nutzen von Impfungen: Je mehr Menschen geimpft werden, umso besser können Epidemien verhindert werden. Stichwort: Herdenimmunität. Aus diesem Grund ist oft von der sogenannten Impfquote die Rede. Liegt sie bei 95 Prozent, heißt es, haben Erreger quasi keine Chance mehr, sich auszubreiten. Infizierte Personen sind dann isoliert.

So können auch diejenigen geschützt werden, die keine Möglichkeit haben, sich impfen zu lassen. Das ist zum Beispiel bei Menschen mit schwerem Defekt der Immunabwehr der Fall oder bei akuten, behandlungsbedürftigen Krankheiten mit hohem Fieber.

Können Krankheiten durch Impfungen ausgerottet werden?

Ja, können sie, vorausgesetzt, es wird eine hohe Durchimpfungsrate erreicht. Dann ist es möglich, einzelne Krankheitserreger erst regional und schließlich weltweit auszurotten.

Bei Pocken ist dies gelungen. Die Infektion tötete in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch Hunderttausende. Nach einer erfolgreichen Impfkampagne erklärte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Welt 1979 als pockenfrei. Seitdem existieren die Erreger nur noch in zwei Laboratorien in Russland und den USA.

Auch im Kampf gegen Kinderlähmung, kurz Polio, stehen die Chancen gut. Bis 1960 war die Infektionskrankheit weit verbreitet, dann wurde die Schluckimpfung eingeführt. Mit Erfolg: Während 1988 noch 350.000 Fälle in über 125 Polio-Endemieländern gemeldet wurden, sanken die Fälle in 2018 auf 33.

Doch das vollständige Ausrotten der Kinderlähmung ist eine Sisyphusaufgabe. In einigen Ländern hält sich das Virus weiter hartnäckig. Hier wäre eine konsequente Durchführung der Impfung nötig. 

Bill de Blasio, Bürgermeister New York City, ruft bei einer Konferenz zum Impfen auf
Impfkampagne gegen Impfskepsis: Bill de Blasio, Bürgermeister von New York City, ruft zum Impfen gegen Masern aufBild: Reuters/S. Stapleton

Darüber hinaus hat sich die WHO zum Ziel gesetzt, das Masernvirus bis zum Jahr 2020 weltweit auszurotten. Doch der jüngste Ausbruch zeigt: Hier sind die Durchimpfungsraten noch viel zu niedrig, um dieses Ziel zu erreichen.

Als Masern-frei gelten in Europa unter anderem Estland, Finnland, Portugal, die Slowakei und Slowenien. Großbritannien, Griechenland, Tschechien und Albanien erlitten kürzlich einen Rückschlag und büßten den Status ein. Deutschland gehörte indes erst gar nicht zu den Ländern, die als frei von Masern eingestuft werden.

Ein Virus gilt als ausgerottet, wenn unter einer Million Menschen maximal einer erkrankt. Das aber hat Deutschland bislang noch nicht erreicht. 

Im ersten Halbjahr 2019 gab es global gesehen sogar die höchste Zahl an gemeldeten Masernfällen seit 2006 im gleichen Zeitraum. Weltweit wurden in den ersten sieben Monaten dieses Jahres rund 365.000 Masern-Fälle registriert, dreimal so viele wie im Vorjahreszeitraum.

Die meisten Fälle gab es in der Demokratischen Republik Kongo, Madagaskar und der Ukraine. Die Zahlen sind besonders besorgniserregend, weil nach Schätzungen der WHO nur weniger als jeder zehnte Masern-Fall weltweit gemeldet wird. Die Dunkelziffer könnte also riesig sein.

Während in manchen Regionen der Welt oft der Zugang zu Impfungen die größte Herausforderung darstellt – etwa wegen der Entfernung zur Impfstation oder einer instabilen politischen Lage, geht die Ausbreitung von Masern in westlichen Ländern vornehmlich auf die zunehmende Impfskepsis zurück.

Wie gefährlich sind Impfungen? 

In der Regel sind Impfungen heute gut verträglich.

Bei etwa zwei bis 20 Prozent kommt es zu sogenannten Lokalreaktionen an der Einstichstelle. Dazu gehören zum Beispiel Rötungen, Schwellungen oder Überwärmung.

Bei zehn Prozent kommt es zu Allgemeinreaktionen, also zu erhöhter Temperatur, grippeähnlichen Symptomen, Magen-Darm-Beschwerden oder Lymphknoten-Vergrößerung. 

Aber: "Das Risiko einer Impfkomplikation ist viel geringer als das Erkrankungsrisiko", heißt es in dem Vortrag "Impfen hilft". Dieser wurde von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI), dem Paul-Ehrlich-Institut (PEI) und dem Robert Koch-Institut (RKI) gemeinsam herausgegeben. 

"Bleibende Schäden nach Impfungen mit aktuell empfohlenen Impfstoffen sind sehr seltene Ausnahmefälle", heißt es darin abschließend.

Trotzdem wird Ihr Arzt Sie vor der Impfung über alle möglichen Nebenwirkungen und Risiken aufklären und Sie nach möglichen Überempfindlichkeiten – etwa gegen Hühnereiweiß oder nach akuten Erkrankungen – befragen. In Ausnahmefällen kann es dann passieren, dass er sogar von einer Impfung abrät, oder sie auf einen späteren Zeitpunkt verschiebt. 

Impfen - Schutz oder Risiko?

Und was ist dran an den Argumenten gegen das Impfen? 

Das große Problem hierbei ist, dass sich (Impf-) Mythen, sobald sie einmal in die Welt gesetzt wurden, hartnäckig halten.

Oft wurden falsche Berichte über Nebenwirkungen verbreitet, "die bei näherer Untersuchung entweder gar nicht stattgefunden haben oder sehr milde waren", sagt Nobelpreisträger Harald zur Hausen im DW-Interview.

Hier ein Paradebeispiel: Die Masern-Mumps-Röteln-Impfung (MMR) löst Autismus aus, heißt es immer wieder. Wie es zu dieser Annahme gekommen ist? 

Der britische Arzt Andrew Wakefield hatte vor 20 Jahren entsprechende Studie im Fachjournal "The Lancet" veröffentlicht. Daraufhin sank die Impfrate gegen MMR drastisch. 2004 wurde bekannt, dass Wakefield nicht ganz uneigennützig gehandelt hatte – er hatte selbst ein Patent auf einen Masernimpfstoff angemeldet. "The Lancet" zog die Falschstudie 2010 vollständig zurück. Mittlerweile widerlegen zudem zahlreiche Untersuchungen den Zusammenhang von MMR und Autismus, der Mythos hält sich trotzdem wacker.

Selbst zur Hausen kann das nur schwer verstehen. Einen "großen Skandal" nennt er die Skepsis gegenüber Impfungen. "Hier ist kontinuierliche Aufklärungsarbeit notwendig. Da sind vor allem die Ärzte und Gesundheitsbehörden gefordert", sagt er.

Doch durch das Internet und die Sozialen Medien finden Impfgegner mit ihrer Propaganda ebenso leicht Gehör. 

Wer bei Facebook "Impfen" in die Suchleiste eingibt, bekommt schnell eindeutige Gruppen und Seiten angezeigt: "Impfen ... nein danke", "Wir impfen nicht!- die Müttergruppe", "Ekelstoffe - Impfen? Nein, danke". Dazu die passenden Slogans: "IMPFormier Dich über Pharmageddon! Impfen nützt nicht, Impfen schützt nicht, Impfen schadet - bleibt gesund!"

Impfgegner-Dinosaurier
Wie war das, nur aus Fehlern lernt man? Nicht immer.

Facebook hatte bereits im März angekündigt, den sogenannten Anti-Vaxxern, Impfgegnern, weniger Raum zu geben. Bei Nutzern in den USA öffnet sich bei der Suche nach Impfinhalten nun ein Fenster, das direkt auf Infos der WHO verweist, um Falschinformationen zuvorzukommen. 

Das Robert Koch-Institut klärt mit einer regelmäßig aktualisierten Liste über die häufigsten Einwände gegen das Impfen auf. Die Antworten sollen helfen, die Behauptungen einzuordnen und sich ein Bild vom Impfnutzen zu machen.

Doch Mythen sind nicht das einzige Problem. Auch aus ideologischen oder religiösen Gründen gibt es in einigen Ländern große Vorbehalte gegen Impfungen. So werden Impfkampagnen zum Beispiel als westliche Verschwörung angesehen oder als unvereinbar mit der Religion erklärt. 

Die WHO führt die Impfzurückhaltung ("Vaccine hesitancy") auf ihrer Liste der größten globalen Bedrohungen 2019 , zusammen mit Luftverschmutzung, Klimawandel, Ebola und HIV. Gegen die meisten könnten wir unseren persönlichen Beitrag leisten. Auch ein kleiner Pieks gehört dazu. 

Hannah Fuchs Multimedia-Reporterin und Redakteurin mit Fokus auf Technik, digitalen Themen und Psychologie.