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PolitikAsien

Globaler Kampf gegen Asiens Scam-Industrie

17. Dezember 2025

Weltweit gehen Regierungen gegen die Online-Betrugsfabriken Südostasiens vor. Eine einheitliche globale Strategie ist aber nicht in Sicht.

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Bewaffnete Soldaten stehen an einer Wand, vor ihnen sind eine Vielzahl beschlagnahmter Starlink-Antennen aufgereiht
Das Militär von Myanmar präsentierte nach einer Razzia im Oktober 2025 die beschlagnahmten Starlink-Ausstattungen für Internetverbindung über SatellitenBild: The Myanmar Military True News Information Team/AP/dpa/picture alliance

In Seoul begann letzte Woche ein Mammutprozess gegen 46 Südkoreaner, überwiegend Männer, die um die 20 Jahre alt sind. Ihnen wird vorgeworfen, an Online-Betrügereien in Kambodscha beteiligt gewesen zu sein. Seit Mitte Oktober hat Südkorea 107 seiner Staatsangehörigen aus Kambodscha zurückgeholt. Die Behörden in Seoul schätzen, dass mehr als 1000 Südkoreaner "freiwillig oder unfreiwillig" in dortigen Betrugskomplexen arbeiten.

Schwarzgekleidete Sicherheitskräfte führen einen Mann ab am Flughafen Incheon in Südkorea
Abgeschobene Tatverdächtige aus Kambodscha bei der Ankunft in Südkorea im Oktober 2025Bild: Hwawon Ceci Lee/Anadolu/picture alliance

Im Lande selbst ist die Empörung in der Öffentlichkeit hochgekocht, nachdem der Tod eines südkoreanischen Studenten bekannt geworden war. Berichten zufolge war der 22-Jährige nach Kambodscha gelockt und gezwungen worden, in einem Betrugszentrum zu arbeiten. Seine Leiche wies Verletzungen auf, die auf Folter hindeuten.

Eine Autopsie ergab, dass er "infolge schwerer Folter mit zahlreichen Prellungen und Verletzungen am ganzen Körper" starb, wie aus einer Erklärung eines ermittelnden Gerichts in Kambodscha hervorging.

"Die größte Verantwortung der Regierung ist es, das Leben und die Sicherheit der Bevölkerung zu schützen", sagte der südkoreanische Präsident Lee Jae Myung, nachdem der Todesfall öffentlich bekannt geworden war. "Wir müssen die Opfer schützen und die an diesen Vorfällen Beteiligten schnellstmöglich nach Korea zurückführen."

Scam-Fabriken: Zwangsarbeit in Myanmar

Internationaler Pakt gegen Onlinebetrug

Südkorea hat sich kürzlich mit den USA, Großbritannien und Singapur zusammengeschlossen und Sanktionen gegen die kambodschanische Firma "Prince Holding Group" verhängt. Der Gründer des multinationalen Netzwerks wird beschuldigt, von Südostasien aus Betrugsoperationen in großem Stil durchgeführt zu haben. Das Unternehmen wies allerdings die Vorwürfe zurück.

"Ähnlich wie es Südkorea tut, wird nun im Kampf gegen die Betrügerei verstärkt versucht, dem Geldfluss nachzugehen, Sanktionen zu verhängen und Gelder einzufrieren", sagt Brian Hanley, Direktor für Asienpazifik der Global Anti-Scam Alliance (GASA), einer globalen gemeinnützigen Organisation, die sich gegen Online-Betrug einsetzt. "Wir glauben, dass dies erste Erfolge zeigt."

Ein uniformierter Sicherheitsbeamter steht an einer Tür, im Raum hinter ihm sitzen mutmaßliche Internetbetrüger auf dem Boden, Myanmar
Razzia in einem Scam Center in MyanmarBild: AFP/Getty Images

Südostasien hat sich zum wichtigen Zentrum für so genanntes "Online Scamming" entwickelt. Das englische Wort "Scamming" steht für "Betrug" und hat sich in vielen Sprachen etabliert. Die Vereinten Nationen schätzten im Jahr 2023, dass mehr als 200.000 Menschen unter dem Vorwand lukrativer Jobangebote in Länder wie Myanmar, Laos und Kambodscha verschleppt wurden.

 

Dort arbeiteten sie vermutlich in riesigen Scamzentren. Diese Zentren für gewerbsmäßigen Betrug befinden sich in abgelegenen Konfliktgebieten Südostasiens, insbesondere entlang der Grenzen zwischen Thailands, Kambodscha und Myanmar und haben großen Anteil an der milliardenschweren internationalen Cyberkriminalität.

Betrüger bevorzugen Kriegsregionen

Bei den jüngsten Zusammenstößen zwischen thailändischen und kambodschanischen Streitkräften wurden auch mutmaßliche Scamzentren in Kambodscha angegriffen. Infolgedessen entstehen jetzt im benachbarten Myanmar immer mehr Zentren dieser Art. Sie finanzieren Berichten zufolge dabei auch die Konfliktparteien im anhaltenden Bürgerkrieg im Land.

Dutzende dicht gedrängte Gebäude stehen an einem braunen Fluss
So soll ein Betrugszentrum von oben aussehen: KK Park in MyanmarBild: Stefan Czimmek/DW

Die Mitarbeiter von Scamzentren sind in der Regel Bürger asiatischer Länder. "Wir sprechen hier von Menschenhandel und Sklaverei, also ganz offensichtlich von einem schwerwiegenden Menschenrechtsproblem", sagt Hanley von der GASA. "Aber es ist auch eine Frage der Sicherheit, nicht nur für die Region, sondern für die ganze Welt." Die Betrügereien richten sich in erster Linie gegen Menschen der englischsprachigen Länder im Westen.

Thailand schließt Grenzübergänge nach Kambodscha

Der GASA-Bericht "State of the Scams 2025" schätzt, dass im Zeitraum vom Oktober 2024 bis Oktober 2025 weltweit ein Schaden in Höhe von 442 Milliarden US-Dollar durch Betrug entstanden ist. Die Zahl könnte sogar noch höher liegen, da viele Menschen kleinere Verluste gar nicht melden. Weltweit hätten 57 Prozent der Erwachsenen im genannten Zeitraum Erfahrungen mit Betrug gemacht.

Die üblichen Maschen sind zum Beispiel Gewinnversprechen oder vorgetäuschte Liebe, das letztere ist auch als "Love Scamming" bekannt. Diese Vorgehensweise wird als "Pig Butchering" bezeichnet: Identifizierung eines "Ferkels", Vertrauensbildung, "Züchtung" bis zur "Schlachtung". Das Opfer wird dann aufgefordert, Geld auf gefälschte Kryptowährungs- oder Investitionsplattformen zu überweisen. Diese sind über Konten in ganz Asien verteilt, was eine Rückforderung extrem schwierig macht.

Wenn das Online-Date zur Liebesfalle wird

US-Bürger als Hauptziel

Das amerikanische Bundespolizei FBI schätzt die Schäden für die US-Bürger jährlich auf neun bis zehn Milliarden US-Dollar. Der GASA-Bericht geht von 64,8 Milliarden US-Dollar im Zeitraum von Oktober 2024 bis Oktober 2025 aus. Die Opfer hätten durchschnittlich rund 1100 Dollar verloren. Menschen in den USA erlebten mittlerweile jeden Tag einen Betrugsversuch.

Betrugs-Fabriken in Myanmar: Abzocken im Akkord  

Als Reaktion auf den zunehmenden Cyberbetrug haben die US-Behörden im November die "Scam Center Strike Force" gegründet. Ihre Aufgaben sind Ermittlung, Zerschlagung und strafrechtliche Verfolgung von Betrugszentren und deren Geldgebern. "Meine Behörde wird nicht tatenlos zusehen, wie diese organisierten Verbrecherbanden die Bankkonten hart arbeitender Amerikaner plündern", erklärte US-Staatsanwältin Jeanine Pirro bei der Gründung der Task Force.

Die USA und Großbritannien haben sich 2025 zusammengeschlossen, um Personen und Organisationen zu sanktionieren, die illegale Betrugszentren in Südostasien betreiben. Auch Australien und Singapur haben Fortschritte bei der Verabschiedung von Gesetzen zum Schutz ihrer Bürger vor Betrug gemacht und arbeiten mit den USA bei Strafverfolgungsmaßnahmen und Sanktionen zusammen.

KI-Scams auf dem Vormarsch

Laut Jacob Sims, Gastwissenschaftler am Asia Center der Harvard University, der transnationale Kriminalität in Kambodscha und Südostasien verfolgt, hat das Thema Betrug im vergangenen Jahr in den USA erheblich an politischer Bedeutung gewonnen. "Vor einem Jahr gab es in diesem Zusammenhang eine einzige Sanktion durch die USA", sagt Sims. "Heute wird eine Vielzahl prominenter Namen und Organisationen sanktioniert. Dem US-Kongress liegen ein Dutzend Gesetzesentwürfe vor."

Die Durchsetzung dieser Maßnahmen wird jedoch dadurch erschwert, dass die USA ihre Agentur für Entwicklungshilfe USAID aufgelöst haben, die unter anderem den Menschenhandel entlang der thailändisch-myanmarischen Grenze und in Kambodscha überwacht hatte.

USAID-Aus: Menschenrechte und Pressefreiheit unter Druck

Es werde zwar durchaus dynamisch auf die Situation reagiert. Die Maßnahmen, die bisher in die Wege geleitet wurden, "stellen jedoch noch keine wirklich strategische Antwort dar. Sie sind der aktuellen Bedrohung nicht angemessen und reichen nicht aus, sie wirksam zu bekämpfen", kritisiert Sims.

Die Rolle Chinas

Viele der riesigen Scamzentren in Südostasien sollen von kriminellen Netzwerken aus China betrieben werden. Ihre Opfer sind dabei überwiegend Chinesen. Peking hat Maßnahmen ergriffen, um Zentren in Kambodscha und Myanmar zu schließen, allerdings nur solche, die die chinesischen Staatsangehörige betrügen.

Ein im Juli dem US-Kongress vorgelegter Bericht fand dabei nur wenige Verbindungen zwischen kriminellen Netzwerken und der chinesischen Regierung oder Mitgliedern der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh).

Der Bericht stellte jedoch fest, dass die Aktivitäten der Organisationen durch Korruption und Kriminalität häufig zu einer Verschärfung der regionalen Konflikte beitragen.

Adaption aus dem Englischen: Dang Yuan