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Politik

Russlands unvereinigte Rechtsextreme

Sergey Satanovskiy
18. Juni 2022

Ihre Gesinnung ist verbreitet, doch Repressalien und die Spaltung der russischen Rechten bremsen ihren Einfluss. Manche kämpfen freiwillig in der Ukraine mit Kreml-Truppen. Andere lehnen den Angriff als "Bruderkrieg" ab.

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Russland Marsch der Nationalisten
Marsch russischer Nationalisten gegen den Krieg in der Ukraine im November 2014Bild: DW/Y. Wischnewetskaya

Sie nennen sich "Nationalistische Bewegung", "Konservatives Russland" und einfach "Die Konservativen" - es sind einige Dutzend kleine Gruppierungen, die dem rechtsnationalistischen Spektrum Russlands zuzuordnen sind. Manche von ihnen unterstützen die Regierungsparteien im Kreml. Einige kämpfen sogar freiwillig in der Ukraine auf Seiten der russischen Armee. Andere stehen dem Kreml kritisch gegenüber.

Wie uneins sich die rechten Extremisten sind, zeigte sich schon 2014, als sie sehr unterschiedliche Positionen gegenüber der proeuropäischen Maidan-Bewegung in der Ukraine und dem damals aufkeimenden Konflikt im Donbass bezogen. Nun vertieft Russlands Krieg gegen die Ukraine die Spaltung der Nationalisten weiter: Als Moskaus Truppen am 24. Februarin die Ukraine einmarschierten, zogen einige rechte Extremisten sofort mit in den Krieg, andere verurteilen die Invasion bis heute.

Vermeintlich bedeutungslose Rechte

Laut einem aktuellen Bericht des Moskauer Zentrums für die Erforschung von Rassismus (SOWA) sind rechtsextreme Gruppierungen in Russland heute nicht sehr verbreitet. Doch das liegt auch daran, dass der Kreml keinen Widerspruch duldet: Straßenproteste waren vorgeblich wegen des Coronavirus ohnehin lange Zeit faktisch verboten. Für die nationalistischen Russischen Märsche hatte es aber seit 2019 schon keine behördlichen Genehmigungen mehr. Die Webseite der Nationalisten "Sputnik und Pogrom" wurde gesperrt und der bekannte Extremist Dmitrij Djomuschkin für mehr als zwei Jahren ins Gefängnis gesteckt. 

Russland Moskau Lew Gudkow Leiter des Lewada Zentrums
Lew Gudkow - Leiter des russischen Meinungsforschungsinstituts Lewada-ZentrumBild: picture-alliance/Itar-Tass/V. Sharifulin

Obwohl fast alle nationalistischen Organisationen vom Kreml inzwischen so gut wie zerschlagen sind, würden aber die von ihnen propagierten Ideen durchaus die Stimmung der Russen widerspiegeln, meint Lew Gudkow, Leiter des russischen "Lewada-Zentrums"; das Meinungsforschungsinstitut ist seit 2016 von den russischen Behörden als sogenannter "ausländischer Agent" eingestuft.

Ihm zufolge stehen Russen Menschen anderer Ethnien meist ablehnend gegenüber. Als Beispiel kann die rechte Online-Community "Männerstaat" gelten. Sie steht für ein patriarchales, nationalistisches Weltbild. Große Resonanz erzeugte sie im Sommer 2021, als sie massiv Stimmung gegen eine Werbung der asiatischen Restaurantkette Tanuki mit afrikanischstämmigen Models und Regenbogenfahnen machte. Die Restaurants selbst wurden mit Fake-Bestellungen und Negativbewertungen attackiert. Sogar Anrufe mit Bombendrohungen gingen bei ihnen ein.

Es handele sich um eine Art nicht aggressiven "Alltagsrassismus" sagt Gudkow: "Das sind nicht Nationalisten, die auf der Überlegenheit der weißen Rasse bestehen. Sie vertreten die Idee eines nationaldemokratischen Systems."

Screenshot von VK - Restaurant Tanuki Russland
Wegen dieses Posts hatte "Männerstaat" Stimmung gegen die Tanuki-Restaurantkette gemachtBild: VK/Тануки

Gespalten wegen des Krieges

Doch wie das aussehen soll, darüber herrscht wenig Einigkeit. Diese Spaltung nehme den Nationalisten die Möglichkeit, als geschlossene Front aufzutreten, erklärt Vera Alperowitsch, Expertin des SOWA-Zentrums und Mitautorin des Berichts "Fremdenfeindlichkeit, Gewissensfreiheit und Anti-Extremismus in Russland im Jahr 2021".

Eine der bekanntesten Kreml-freundlichen nationalistischen Vereinigungen ist die "Sabotage- und Aufklärungsgruppe 'Rusitsch'", wie sie sich selbst nennt. Alperowitsch zufolge sind es Neonazis, die entsprechende Symbole verwenden, darunter das Hakenkreuz und den einschlägigen Zahlencode "14/88", der für Huldigungen der "weißen Rasse" und Adolf Hitlers steht.

Als Teil des "Rusitsch"-Kampfverbands kämpfen gerade mehrere Mitglieder der Musikgruppe "Russisches Banner" in der Ukraine. Bandleader Jewgenij Dolganow erklärte in Interviews, seine Gruppe wolle national-patriotische Ideen unter jungen Menschen propagieren. Gegenüber der DW zitiert er im Zusammenhang mit Neonazismus- und Faschismusvorwürfen aus seinem "programmatischen Text": "Wir sind keine Faschisten. Wir sind viel schlimmer. Schlimmer für unsere Feinde! Wir sind normale Männer und Frauen, die in ihrem Land leben und Kinder großziehen wollen (Jungen und Mädchen), gemäß ihren Traditionen."

Dolganow glaubt, Russland verhindere mit dem Krieg, dass "den russischen Menschen in der Ukraine eine falsche, ukrainische, russophobe Identität aufgezwungen wird". Ziel der rechten Bewegung ist laut Dolganow, "gegen Ungerechtigkeit, Bevölkerungsaustausch und für Wohlstand zu kämpfen". All dies könne man mit der "großartigen Formulierung" ausdrücken: "Für unsere Zukunft und die unserer weißen Kinder."

Nationalisten gegen Putins "Russische Welt"

Russland Marsch der Nationalisten
Dmitrij DemuschkinBild: DW/Y. Wischnewetskaya

Unter denen, die der Soziologe Gudkow als Nationaldemokraten bezeichnet, haben sich inzwischen viele gegen Russlands Krieg gegen die Ukraine ausgesprochen. Einer von ihnen ist der einst inhaftierte Dmitrij Djomuschkin. "Das 'Rusitsch'-Bataillon wie auch die 'Imperiale Legion' wird von einem meiner ehemaligen Kämpfer angeführt", sagt Djomuschkin. Er selbst sieht sich heute als "traditionellen Nationalisten". Früher organisierte er die "Russischen Märsche" und führte mehrere rechte Vereinigungen an, die später von den Behörden als extremistisch eingestuft wurden. In sozialen Netzwerken kritisiert er den russischen Einmarsch in die Ukraine als "Bruderkrieg" und fordert dessen Ende.

Nachdem die russischen Behörden Djomuschkins Organisationen verboten hatten und er selbst 2017 wegen der Aussage "Russland braucht eine russische Staatsmacht" verurteilt wurde, glaubt Djomuschkin Wladimir Putin nicht mehr - und auch nicht an dessen Vision, eine "Russische Welt" zu errichten. Es ist die Vorstellung Russlands als einer einzigartigen nicht-westlichen Zivilisation. Unklar sei, was genau der Kreml mit seiner "Russischen Welt" in die Ukraine hineintrage, sagt Djomuschkin und fügt hinzu: "Korrupte Gerichte, nicht gewählte mächtige Regierungen, Zensur, Beschränkungen, Strafgesetze und Verbote? Deswegen gehen sie mit Panzern und nicht mit Ideen dahin."

"Russland den Russen" gewinnt an Zulauf

Auch wenn russische Nationalisten unter den Kombattanten in der Ukraine die Aufmerksamkeit der Presse auf sich ziehen, sind ihre Gruppen in Russland nicht groß. Beobachtern zufolge besitzen rechte Organisationen und Parteien in Russland nicht mehr so große Popularität und Einfluss wie noch in den 2000er Jahren.

Russland Marsch der Nationalisten
"Russischer Marsch" im November 2011Bild: DW/Y. Wischnewetskaya

SOWA-Expertin Vera Alperowitsch sagt, die Zahl aktiver Mitglieder nationalistischer Gruppierungen sei gering. Es gebe auch keine "großen Stars am ultrarechten Himmel". Ihrer Meinung nach liegt dies am praktisch fehlenden politischen Leben im Land. Gudkow weist aber darauf hin, dass der Ruf "Russland den Russen" im vergangenen Jahr die höchsten Beliebtheitswerte seit über 30 Jahren erreicht hat. 

Adaption aus dem Russischen: Markian Ostaptschuk