1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen

Sauerstoffmangel: Kühlen hilft nicht allen Babys

17. August 2021

Bekommen Babys bei der Geburt zu wenig Sauerstoff, kann es helfen, ihre Körpertemperatur abzusenken. In ärmeren Ländern scheint die Methode aber nicht zu funktionieren.

https://p.dw.com/p/3z53x
Embryo im Mutterleib
Sauerstoffmangel kann zu schweren Schädigungen am Gehirn führen, weil die Zellen dort am schnellsten absterben.Bild: Zoonar/picture alliance

Jährlich sterben fast eine Million Neugeborene an Sauerstoffmangel vor oder während der Geburt - vor allem in Ländern mit mittlerem oder niedrigem Einkommen.

Wenn das Blut zu wenig Sauerstoff enthält, kann dies zudem schwere Schädigungen am Gehirn des Babys verursachen, wo die Zellen am schnellsten absterben. Es kommt zu Entwicklungsstörungen oder lebenslangen Behinderungen.

Auf dem Ultraschall ist nicht leicht zu erkennen, wenn etwa die Versorgung durch die Nabelschnur bei einer Steißgeburt unterbunden ist oder wenn sich die Plazenta unbemerkt von der Gebärmutterwand ablöst.

Kühlung der Babys soll Schäden verhindern

Seit einigen Jahren wird bei Sauerstoffmangel (Asphyxie) die Körpertemperatur der Säuglinge künstlich auf 33 bis 34°C herabgesetzt. Das soll das Absterben von Zellen und damit Hirnschäden und Behinderungen verhindern. Dass dies gelingt, zeigten zumindest Untersuchungen in einkommensstarken Ländern. 

Ultraschalluntersuchung einer Schwangeren in  Indien
Auf dem Ultraschall ist nicht leicht zu erkennen, wenn etwa die Versorgung durch die Nabelschnur unterbunden ist Bild: Sam Panthaky/AFP/Getty Images

Mittlerweile wird die "induzierte Hypothermie" in vielen Ländern angewandt. Allerdings versagt diese Methode laut einer überraschenden Studie in Ländern mit mittlerem oder niedrigem Einkommen. Möglicherweise ist sie dort sogar für eine erhöhte Sterblichkeit bei Neugeborenen verantwortlich.

Methode in ärmeren Ländern kontraproduktiv?

Mittlerweile ist die Temperatursenkung in vielen Ländern weit verbreitet. Eine Richtlinie empfiehlt die Methode seit 2015 vor allem für ärmere Länder. In Indien etwa arbeitet jede zweite Kinderintensivstation damit, so Sudhin Thayyil, Neurowissenschaftler am Imperial College London und Leiter der Studie.

Eine Hebamme untersucht eine Schwangere in Kolumbien
Gerade in ärmeren Gebieten stellen Geburten ein hohes Risiko dar - für Kind und Mutter Bild: Quintus Studios

Um die Wirksamkeit der induzierten Hypothermie in Ländern mit mittlerem und niedrigem Einkommen zu testen, teilte die Arbeitsgruppe rund 400 betroffene Säuglinge aus Sri Lanka, Indien und Bangladesch in zwei Gruppen ein: 202 Neugeborene erhielten direkt nach der Geburt drei Tage lang eine Kältebehandlung, 206 Kinder wurden ohne Kühlung behandelt.

Innerhalb von 18 Monaten starben 31 Prozent der ungekühlten Babys, allerdings starben 42 Prozent der gekühlten Babys.

Diese Ergebnisse widersprechen einer britischen Studie von 2009, laut der in beiden Gruppen rund 25 Prozent innerhalb von 18 Monaten gestorben waren. Allerdings zeigten die gekühlten Kinder deutlich seltener motorische Störungen. 

Methode vorsorglich aussetzen?

Studienleiter Sudhin Thayyil plädiert angesichts der Ergebnisse dafür, die Methode in Mittel- und Niedriglohnländern erst einmal auszusetzen.

Möglicherweise ist aber nicht allein die Methode, sondern eine Reihe von Faktoren in Ländern mit niedrigem Einkommen ausschlaggebend. Ob etwa bereits während der Schwangerschaft unbemerkt leichte Infektionen das Gehirn des Babys geschädigt haben oder wie gut jeweils die intensivmedizinische Betreuung der Neugeborenen funktioniert. 

DW Mitarbeiterportrait | Alexander Freund
Alexander Freund Wissenschaftsredakteur mit Fokus auf Archäologie, Geschichte und Gesundheit@AlexxxFreund