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Politik

SIPRI: Rüstungsfirmen verdienen sehr gut am Ukraine-Krieg

1. Dezember 2025

Europäische und vor allem deutsche Waffenschmieden konnten 2024 deutlich mehr Rüstungsgüter verkaufen als im Jahr zuvor. Als Hauptgrund nennt das Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI den Krieg in der Ukraine.

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Raketen mit der Aufschrift IRIS-T ragen in den Himmel
Flugabwehrsysteme IRIS-T des deutschen Herstellers Diehl hat auch die Ukraine erhaltenBild: Christoph Schmidt/dpa/picture alliance

Noch nie haben Rüstungsfirmen so gut verdient wie im Jahr 2024. Das geht aus einem Bericht des Stockholmer Friedensforschungsinstituts SIPRI über die 100 wichtigsten Rüstungsunternehmen der Welt hervor. Ihre Einnahmen aus dem Verkauf von Waffen und militärischen Dienstleistungen betrugen im vergangenen Jahr 679 Milliarden US-Dollar.

Das ist eine Steigerung von inflationsbereinigt 5,9 Prozent gegenüber 2023. Schon damals hatten zunehmende geopolitische Spannungen und vor allem der Ukraine-Krieg für eine gesteigerte Nachfrage nach Rüstungsgütern gesorgt. 2024 hat sich dieser Trend noch beschleunigt. 

Ist also der Ukraine-Krieg gut fürs Geschäft? "Für den Verteidigungssektor auf jeden Fall", sagt Nan Tian von SIPRI, einer der Autoren des Berichts, der DW. "In den vergangenen zwei Jahren haben diese Rüstungsfirmen ihre Einnahmen deutlich gesteigert." Neue Militärausrüstung sei entwickelt, Bestände seien aufgestockt, zerstörte Ausrüstung ersetzt worden.

Deutsche Firmen mit besonders hohen Zuwächsen

Von den 100 gelisteten Unternehmen haben 39 ihren Sitz in den USA; das Land ist mit Abstand wichtigster Standort. Diese 39 Firmen kassieren knapp die Hälfte der weltweiten Einnahmen aus Rüstungsgeschäften. Allerdings sind ihre Zuwächse mit 3,8 Prozent noch vergleichsweise bescheiden. Anders die 26 europäischen Unternehmen (außer Russland). Zusammengenommen hatten sie 13 Prozent mehr Einnahmen.

Deutsche Firmen waren besonders erfolgreich, sie konnten sogar um 36 Prozent zulegen. "Das steht fast ausschließlich im Zusammenhang mit der russischen Ukraine-Invasion", sagt Nan Tian. "Es gab eine höhere Nachfrage von der Bundeswehr. Firmen wie Rheinmetall oder Diehl haben Panzer, gepanzerte Mannschaftstransportwagen oder Munition hergestellt, um das zu ersetzen, was sie als Militärhilfe in die Ukraine geschickt haben, aber auch, um ihre eigenen Bestände zu erhöhen." 

Russlands Kriegswirtschaft trotzt den Sanktionen

Russland wird in der SIPRI-Aufstellung extra geführt. Und es ist nicht überraschend, dass die russischen Rüstungsbetriebe besondere Zuwächse hatten. Während ihre Exporteinnahmen durch internationale Sanktionen sanken, konnte die stark gestiegene Nachfrage aus dem Inland die Verluste mehr als wettmachen.

Stark beschädigtes Hochhaus nach Drohnenangriffen (Kyjiw , 25.11.2025)
Wohnhaus in der ukrainischen Hauptstadt Kyjiw am 25. November nach einem russischen DrohnenangriffBild: Valentyn Ogirenko/REUTERS

Doch Russland ist ein besonderer Fall, betont Nan Tian von SIPRI. "Das Land hat seine Prioritäten vollkommen geändert. Die Wirtschaft, die Produktion ist in den vergangenen drei Jahren zu einer Kriegswirtschaft geworden." Alle Ressourcen seien in den Krieg geflossen. So steigerte Russland beispielsweise seine Produktion von 152mm-Artilleriegranaten zwischen 2022 und 2024 um 420 Prozent: von 250.000 auf 1,3 Millionen, wie es im SIPRI-Bericht steht.

Wegen der internationalen Sanktionen fehlen der russischen Rüstungsindustrie Teile aus dem Ausland, vor allem Elektronik für Luftfahrzeuge. Der Glaube, die russische Wirtschaft werde deshalb zusammenbrechen, habe sich aber als falsch erwiesen, so Nan Tian. "Das Land steht zwar viel schlechter da, als wenn es nicht in die Ukraine einmarschiert wäre, weil es dann keine Sanktionen gäbe, aber Russland hat sich gegenüber den Sanktionen und wirtschaftlichen Problemen als ziemlich widerstandsfähig erwiesen."

Mann mit Brille lächelt in die Kamera (Dr. Nan Tian)
"Wir haben Hinweise, dass der Rest der russischen Wirtschaft unter Personalmangel leidet" - Nan TianBild: SIPRI

Die Umstellung der russischen Wirtschaft gehe so weit, glaubt Nan Tian, dass es bei einem dauerhaften Frieden in der Ukraine schwierig werden würde, wieder zu einer Nicht-Kriegswirtschaft zurückzukehren.

Schrumpfende chinesische Rüstungseinnahmen bedeuten nicht mehr Frieden

Asien steht mit 23 gelisteten Rüstungsunternehmen nach den USA und Europa an dritter Stelle. Als einzige Region hatten die asiatischen Firmen weniger Einnahmen als 2023. Hier waren es vor allem chinesische Unternehmen, deren Einnahmen deutlich - um zehn Prozent - zurückgingen. Kein anderes Land der Welt im SIPRI-Bericht verzeichnete einen solchen Rückgang.

"Das hat aber so gut wie nichts mit der Friedlichkeit einer Region zu tun", sagt Nan Tian. "Wenn man an den Ukraine-Krieg denkt, bedeutet natürlich mehr Krieg mehr Nachfrage (nach Rüstungsgütern) und damit vielleicht höhere Einnahmen, aber im Falle Chinas gab es viele Korruptionsvorwürfe gegen chinesische Rüstungsfirmen." Diese hätten dazu geführt, dass größere Rüstungsaufträge storniert oder verschoben wurden.

Stapellauf eines Flugzeugträgers (China, Shanghai 2022)
Stapellauf des dritten chinesischen Flugzeugträgers Fujian 2022: China rüstet weiter stark aufBild: Li Gang/Xinhua/picture alliance

Größere Steigerungen – nämlich 14 Prozent - konnten dagegen Firmen aus dem Nahen und Mittleren Osten verzeichnen. Mit neun Unternehmen hatte diese Region in der jährlichen SIPRI-Statistik auch noch nie so viele aufzubieten. Allein in Israel sind drei von ihnen ansässig. Gefragt aus Israel sind besonders Drohnen und Flugabwehrsysteme.

Zu dieser Region zählt auch die Türkei, die erneut hohe Einkünfte erzielte. Die Firma Baykar, Hersteller der Kampf- und Aufklärungsdrohne Bayraktar, konnte allerdings ihre sehr hohen Exportzahlen in die Ukraine im Jahr 2024 nicht wiederholen.

Die wichtigsten Firmen haben ihren Sitz in den USA

Die fünf wichtigsten Rüstungsfirmen der Welt in der SIPRI-Statistik sind Lockheed Martin (z.B. F35-Kampfflugzeuge), RTX (früher Raytheon Technologies, Flugzeugtriebwerke und Drohnen), Northrop Grumman (u.a. Langstreckenraketen), BAE Systems und General Dynamics (u.a. Atom-U-Boote und Lenkflugkörper). Außer der britischen Firma BAE Systems haben alle ihren Sitz in den USA.

Es ist das erste Mal seit 2017, dass ein Konzern, der nicht seinen Sitz in den USA hat, unter den fünf wichtigsten Rüstungsfirmen auftaucht. Zum Vergleich: Der militärische Teil des europäischen Airbus-Konsortiums steht an 13. Stelle der 100 wichtigsten Unternehmen, die deutsche Firma Rheinmetall rangiert auf Rang 20.

Im Jahr 2024 hatten vier dieser 100 Firmen ihren Sitz in Deutschland: Neben Rheinmetall Thyssenkrupp, Hensoldt und Diehl. Zusammen erzielten sie Einnahmen von 14,9 Milliarden Dollar. Der Ukraine-Krieg sorgte vor allem beim Hersteller Diehl für umfangreiche Aufträge, etwa landgestützte Verteidigungssysteme für das bedrängte Land.

Ein Panzerturm in einer Fabrikationshalle (auf dem Gelände von Rheinmetall)
Panzerherstellung bei Rheinmetall: deutliche Zuwachsraten bei deutschen RüstungsfirmenBild: Philipp Schulze/dpa/picture alliance

Der Auftrag für 155mm-Artilleriegranaten für die Bundeswehr ist der bisher größte für Munition in der Firmengeschichte. Rheinmetall konnte mit Panzern, gepanzerten Fahrzeugen und Munition 47 Prozent mehr verdienen.

KNDS, der deutsch-französische Zusammenschluss der Panzerschmieden Krauss-Maffei, Wegmann und Nexter, steht auf Rang 42. Auch dieses Gemeinschaftsunternehmen legte zu. Deutlich stärker als die Einnahmen (um 14 Prozent) stieg die Zahl der Aufträge: plus 40 Prozent. Auch hier sorgten der Ukraine-Krieg und die Bedrohung durch Russland für volle Auftragsbücher.

Christoph Hasselbach
Christoph Hasselbach Autor, Auslandskorrespondent und Kommentator für internationale Politik