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Spektakuläre NFL-Party in Berlin - dank Monster-Aufwand

Jonathan Harding Berlin
10. November 2025

Das erste reguläre NFL-Spiel in der deutschen Hauptstadt wird ein großer Erfolg für Fans des American Football - allerdings waren massive Anstrengungen nötig, um das Spiel im Olympiastadion möglich zu machen.

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Feuerwerk nach den Nationalhymnen vor dem NFL-Spiel in Berlin
Ausverkauftes Haus: Die Football-Fans erlebten im Berliner Olympiastadion die perfekte ShowBild: Sebastian Gollnow/dpa/picture alliance

Am 36. Jahrestag des Mauerfalls bot das Olympiastadion in Berlin einen surrealen Anblick: Glitzern und Spektakel, weil amerikanischer Sport in der deutschen Hauptstadt zu Gast war.

Die Indianapolis Colts besiegten die Atlanta Falcons mit 31:25 in der Verlängerung. Tortilla-Kanonen, "Country Roads" im Chor, Jonathan Taylors 83-Yard-Touchdown-Lauf, der Franchise-Geschichte schrieb, DJ Scooter in der Endzone - das Olympiastadion bot ein Feuerwerk an Live-Unterhaltung und deutschen Klischees. Die 72.203 Fans im modernisierten Olympiastadion genossen jede Minute.

"Frankfurt vor zwei Jahren war verrückt, und jetzt hier im Olympiastadion in Berlin - was für ein historisches Stadion, was für ein großartiger Ort, um Football zu spielen", sagte der österreichische Colts-Tackle Bernhard Raimann danach.

Viel Arbeit war nötig, um der NFL den Weg zum ersten regulären Ligaspiel in Berlin zu ebnen. Zwei Umkleidebereiche wurden zu einem zusammengelegt, um die größeren Kader der NFL-Teams unterzubringen (trotzdem konnten die Colts nach dem Spiel keine Interviews in der Kabine führen - es fehlte an Platz). Zehn neue Waschbecken, elf Toiletten und 18 Urinale wurden installiert. Vier Türen im Kabinenbereich mussten verbreitert und das Warmwasservolumen erhöht werden.

Auch auf dem Spielfeld wurde viel getan: Eine Kunststoffschicht wurde verlegt, darauf kam eine neue Hybridrasenmatte. Zwei Stabhochsprungbahnen wurden abgebaut.

Laut Berliner Senat stehen zwischen 2025 und 2029 fünf Millionen Euro für die Sanierung des Olympiastadions sowie weiterer öffentlicher Sportstätten in Berlin zur Verfügung. Diese Summe ist Teil der insgesamt 12,5 Millionen Euro, die der Senat für die NFL-Spiele bereitstellt. Die Liga selbst investiert Berichten zufolge fast 50 Millionen Euro.

Olympiastadion für die Zukunft gerüstet

Berlin ist nun bereit, in den nächsten vier Jahren NFL-Spiele ohne weitere Umbauten auszurichten. "Wir sind jetzt eine multifunktionale Arena für Fußball, Leichtathletik und American Football", sagte Christoph Meyer, Veranstaltungs- und Kommunikationsleiter des Olympiastadions, gegenüber der DW.

Umbauarbeiten des Olympiastadions für das NFL-Spiel
Umfangreiche Vorbereitungen: Um den Fußballrasen zu schützen, kamen Kunststoffmatten unter das FootballfeldBild: Maurizio Gambarini/Funke Foto Services/IMAGO

"Die Renovierungen wurden mit der NFL abgestimmt und mit Blick auf zukünftige Spiele 2027 und 2029 umgesetzt. Es handelt sich um sogenannte 'Legacy-Maßnahmen', die zukünftige temporäre Umbauten vermeiden sollen", so Meyer weiter.

Diese Maßnahmen bieten dem historischen Stadion die Chance, Schauplatz weiterer unvergesslicher Sportmomente zu werden. Schließlich ist dies der Ort, an dem der Schwarze US-Leichtathlet Jesse Owens vor den Augen von Adolf Hitler vier Goldmedaillen gewann, Usain Bolt die 100 Meter in 9,58 Sekunden lief - schneller als je ein Mensch zuvor - und Zinedine Zidane im Finale der Fußball-WM 2006 Marco Materazzi einen Kopfstoß verpasste. Es ist ein Ort, der eng mit der Geschichte der Stadt und des Landes verbunden ist.

Bringen moderne Stadien Deutschland ins Hintertreffen?

Doch selbst dieses Meisterwerk der Stadionarchitektur kann dem Fortschritt moderner Arenen nicht ewig entkommen.

Als Deutschland 2006 die Fußball-WM ausrichtete, wurden viele Stadien modernisiert. Auch zur EM 2024 gab es Verbesserungen, doch in den letzten Jahren fehlte es an Investitionen in die Stadioninfrastruktur - wie auch in vielen anderen Bereichen.

In einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ) sagte Architektin Bianca Binder, Deutschland sei ein interessanter Markt - über Stadien sprach sie jedoch nicht konkret. Binder arbeitet für Populous, ein globales Architekturbüro, und war Projektleiterin des inzwischen berühmten Londoner Stadions in Tottenham.

Das Stadion von Premier-League-Klubs Tottenham Hotspur ist neben dem Wembley-Stadion Heimstätte der regelmäßig in London stattfindenden NFL-Spiele, da es über ein ausfahrbares Spielfeldsystem verfügt, das einen Kunstrasen für American Football bietet. Das neue Bernabéu-Stadion von Real Madrid - wo später im Monat das erste NFL-Spiel in Spanien stattfinden wird - hat ein noch ausgeklügelteres System, bei dem mehrere Spielflächen verwaltet und gewartet werden können.

Zugegeben, sowohl Tottenham Hotspur als auch Real Madrid haben sich dafür hoch verschuldet - die Rückzahlung soll über 20 Jahre dauern. Solche Investitionen sind nicht für alle Vereine oder Stadien möglich, insbesondere nicht in Deutschland, wo die Rahmenbedingungen komplexer sind.

Anders als in Tottenham und Madrid ist der Fußballverein Hertha BSC, der im Olympiastadion seine Heimspiele in der 2. Liga austrägt, nicht der Besitzer des Stadions, sondern das Bundesland Berlin. Und sowohl die Hertha als auch das Land Berlin sind finanziell eher nicht auf Rosen gebettet.

Geschichte als Faustpfand

Doch mit der festen Etablierung der NFL in Europa und Berichten über Pläne der NBA, 2027 eine europäische Liga zu gründen, erscheinen solche Investitionen als kluge Entscheidungen für alle, die den bei Zuschauern und Sponsoren beliebten US-Sport langfristig in Europa halten wollen.

Was Berlin jedoch hat, ist Geschichte. Stadien in Deutschland sind kulturelle Denkmäler - keines mehr als das Olympiastadion in der Hauptstadt.

"Es war sehr beeindruckend", sagte Colts-Star Jonathan Taylor. "Das ist ein historischer Ort. Wenn man sich die Geschichte der Menschen anschaut, die hier Großes geleistet haben - das ist kein Ort für Mittelmaß. Ein Teil davon zu sein, fühlt sich an, als gehöre ich zu dieser Linie. Ich bin einfach dankbar."

Auch Teamkollege Zaire Franklin empfand ähnlich: "In einem historischen Stadion zu spielen - wir alle wissen, was Jesse Owens hier geleistet hat. Das ist fantastisch."

Doch angesichts modernerer, komfortablerer Stadien in anderen europäischen Städten stellt sich die Frage, wie lange Teams - und vielleicht auch die NFL selbst - noch mit provisorischen Spielfeldern und kleinen Kabinen zufrieden sein werden, so gut die Atmosphäre und so groß die Geschichte auch sein mögen.

Der Artikel wurde aus dem englischen Original "NFL blossoms in Berlin, but are historic stadiums enough?" adaptiert.