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Film

Spielberg holt "West Side Story" ins Jetzt

Brenda Haas
9. Dezember 2021

Regisseur und Oscar-Preisträger Steven Spielberg achtet bei der Neuverfilmung des Musicals "West Side Story" auf Diversität und kulturelle Authentizität. Das kommt nicht überall gut an.

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Eine Gruppe Tänzerinnen in "West Side Story" von Steven Spielberg
Spektakuläre Tanzeinlagen, viel Diversität: die "West Side Story" von Steven SpielbergBild: 0th Century Studios/Everett Collection/picture alliance

Zum ersten Mal hörte Hollywood-Filmemacher Steven Spielberg die Musik aus "West Side Story", als er zehn Jahre alt war. Seitdem, so erzählt es der Oscar-Preisträger, träumte er davon, die Geschichte (neu) zu erzählen.

Spielberg hat in seiner glanzvollen Karriere so ziemlich jedes Filmgenre bedient, von Actionfilmen wie "Indiana Jones" und "Jurassic Park" bis hin zu packenden Dramen wie "Schindlers Liste" und "München", er hat mit "E.T." einen Außerirdischen zum Star gemacht und mit "Der weiße Hai" unzähligen Zuschauern das Baden im Meer verdorben. Jetzt hat er sein bemerkenswertes Werk um das Genre "Musical" erweitert.

Neuauflage des Bernstein-Klassikers

Spielbergs Version der "West Side Story" basiert auf dem ursprünglichen Broadway-Musical von 1957, das 1961 erstmals verfilmt wurde. Es gewann damals zwei Tony Awards und zehn Oscars.

In einer Filmszene aus Steven Spielbergs "West Side Story" hält sich ein junges Paar an den Händen, rechts und links von ihnen laufen junge Männer verfeindeter Gruppen.
Optisch sind es die 1950-Jahre, aber Steven Spielbergs Adaption der "West Side Story" ist in allen Bereichen modernBild: Twentieth Century Fox/Zuma/picture alliance

Erschaffen haben das Musical der Regisseur und Choreograph Jerome Robbins, der Komponist Leonard Bernstein, der Dramatiker Arthur Laurents und der Texter Stephen Sondheim, der Ende November im Alter von 91 Jahren gestorben ist.

Für die Neuauflage der Geschichte im 21. Jahrhundert hatte Spielberg mit Sondheim und dem Autor Tony Kushner zusammengearbeitet.

Fokus auf Rassismus und Migration

Neben seinem Kindheitstraum gab es noch einen weiteren Grund, der Steven Spielberg veranlasste, sich der "West Side Story" anzunehmen. Auch wenn sie im New York der 1950er-Jahre spielt, hat die klassische Geschichte über verbotene Liebe und zwei verfeindete Straßenbanden - eine Nacherzählung von Shakespeares "Romeo und Julia" - bis heute nichts an gesellschaftlicher Relevanz eingebüßt.

"Diese Geschichte ist nicht nur ein Produkt ihrer Zeit, diese Zeit ist zurückgekehrt, und sie ist mit sozialer Wut zurückgekehrt", sagte Spielberg der Zeitschrift "Vanity Fair". Er habe von migrantischen Erfahrungen erzählen wollen - über den Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus und die Herausforderung, seinen Lebensunterhalt verdienen zu müssen.

Regisseur Steven Spielberg steht im Set des Films "West Side Story".
Oscar-Preisträger Steven Spielberg erfüllte sich mit der Neuverfilmung einen KindheitstraumBild: Twentieth Century Studios/Zuma/imago images

Sharks gegen Jets

In Spielbergs Version spielen Ansel Elgort und die Newcomerin Rachel Zegler, eine Latina kolumbianischer Abstammung, die sich gegen 35.000 Bewerberinnen aus aller Welt durchgesetzt hat, das unglückliche Liebespaar Tony und Maria.

Sie verlieben sich auf den ersten Blick ineinander, obwohl sie unterschiedlichen Clans angehören: den puerto-ricanischen Sharks, angeführt von Marias Bruder Bernardo (David Alvarez), und den weißen Jets, die von Tonys bestem Freund Riff (Mike Faist) geleitet werden. Riff kann Tonys Pläne, die Gang zu verlassen, nicht nachvollziehen.

Der Film bietet mitreißende Gesangs- und Tanzsequenzen mit unvergesslichen Songs des verstorbenen Stephen Sondheim, darunter "America", "I Feel Pretty" und "Somewhere" - eine Ode an eine Utopie, in der Liebe und Akzeptanz vorherrschen.

Keine gebräunten Gesichter mehr

Ein Jahr lang ließ Spielberg für die Rollen der Sharks weltweit lateinamerikanische Männer und Frauen casten, um den heutigen Ansprüchen an Inklusion und kulturelle Repräsentanz gerecht zu werden. "Das ist ein großer Teil unserer Geschichte. Die Figuren sagen und tun in unserem Film Dinge, die sie auf der Bühne oder in dem Film von 1961 nicht gesagt oder getan haben", sagte der Regisseur bei der Filmpremiere in New York im November.

Spielberg ist von Filmkritikern vielfach dafür gelobt worden, dass er seine Position in Hollywood dafür genutzt hat, Fehler in früheren Versionen des Musicals zu vermeiden: Damals spielten Schauspieler ohne lateinamerikanischen Background die Rollen der puerto-ricanischen Sharks -  mit gebräunten Gesichtern.

In einer Szene des Films "West Side Story" von 1961 stehen zwei Frauen, die vordere lächelt.
Im Film von 1961 trug die weiße Schauspielerin Natalie Wood (links) braunes Make-upBild: United Archives/imago images

Im Film von 1961 trugen die weiße Darstellerin Natalie Wood und ihr Kollege George Chakiris in ihren Rollen als Maria und Bernardo starkes Make-up.

Die in Puerto Rico geborene Schauspielerin Rita Moreno, die für ihre Rolle der Anita im Film von 1961 einen Oscar gewann und in der Version von 2021 als Valentina zu sehen ist, äußerte auf der Premiere ihren Stolz darüber, "dass jeder einzelne Latino-Charakter von einem Latino-Schauspieler dargestellt wird, und das ist sehr wichtig, weil wir authentisch zeigen, was es bedeutet, ein Latino zu sein."

Die heute 89-jährige Schauspielerin hatte sich zuvor dazu geäußert, wie "extrem dunkel" das Make-up für einige der Schauspieler in dem Film von 1961 war; auch ihr eigener Hautton war nachgedunkelt worden. Es habe sich angefühlt, als ob man Schlamm auf ihr Gesicht schmierte. 

Spanische Dialoge ohne Untertitel

Spielberg hat die spanischen Dialoge im Film bewusst nicht mit Untertiteln versehen, um der großen spanischsprachigen Gemeinschaft in den USA Tribut zu zollen.

In einer Szene der Neuverfilmung von "West Side Story" stehen sich in einem Saal zwei Gruppen gegenüber.
Mit "West Side Story" erweitert Spielberg sein Repertoire um das Musical-Genre Bild: Niko Tavernise/Prod.DB/imago images

Nach den ersten überschwänglichen Kritiken wird der Film bereits als Favorit für die kommende Oscar-Verleihung gehandelt. Für Schlagzeilen sorgte aber auch der Boykott des Films in sechs arabischen Ländern. Grund dafür ist die Besetzung einer Rolle mit einer Transgender-Person.

Trans-Rolle? Arabische Länder boykottieren

Im Film aus dem Jahr 1961 darf ein Mädchen namens Anybodys aufgrund seines Geschlechts nicht Mitglied bei den Jets werden. In der Neuverfilmung spielt Anybodys eine größere Rolle und ist "eine Figur, die als Mann im Körper einer Frau geboren wurde. Ende der Geschichte", so sagte David Saint, Nachlassverwalter des Autors Arthur Laurents, es dem "Hollywood Reporter".

Spielberg besetzte die Rolle mit Iris Menas, 31-jährig und nicht-binär. Menas hat unter anderem im Broadway-Musical "Jagged Little Pill" mitgespielt, das von dem gleichnamigen Album von Alanis Morissette inspiriert wurde.

Iris Menas, non-binär, lächelt in die Kamera.
Iris Menas, non-binär, spielt die Figur der Anybodys. Arabische Länder verboten den Film daraufhinBild: Daniel Zuchnik/Getty Images

Daraufhin wurde der Film in Saudi-Arabien, Kuwait, Bahrain, Oman, Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten verboten. Laut "The Hollywood Reporter" weigerten sich Saudi-Arabien und Kuwait, dem Film eine Vertriebsgenehmigung zu erteilen. Die Filmbehörden der anderen Länder hätten Kürzungen verlangt. Eine Zensur lehnte die Produktionsfirma Disney aber ab.

Übersetzung aus dem Englischen: Torsten Landsberg