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Syrer in Deutschland: Bleiben oder zurück in die Heimat?

10. Februar 2026

Fast 6000 Syrerinnen und Syrer stellten 2025 einen Antrag auf die freiwillige Ausreise in ihre Heimat. Dabei ist die Situation in Syrien weiterhin prekär.

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Ruinen und zerstörte Häuser
Nur Ruinen: In Harasta, einem Vorort von Damaskus, ist die Infrastruktur weitgehend zerstörtBild: Nahla Osman

Es sind Zahlen ganz nach dem Geschmack von Bundesinnenminister Alexander Dobrindt: Im vergangenen Jahr beantragten 5976 Syrerinnen und Syrer die vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) geförderte freiwillige Ausreise nach Syrien und reichten dafür alle erforderlichen Unterlagen ein. 3678 von ihnen sind inzwischen bereits zurückgekehrt. Für den CSU-Politiker ist das ein Beleg für den Erfolg der von ihm propagierten Migrationswende: "Wer keine Bleibeperspektive hat, erhält gezielte Unterstützung bei der freiwilligen Rückkehr."

Diese gezielte Unterstützung umfasst die Übernahme der Flugkosten sowie eine Starthilfe von 1000 Euro pro erwachsenem Rückkehrer und 500 Euro für Kinder und Jugendliche. Vor einem Jahr hatte das Bundesamt das Programm wieder aufgelegt, nachdem es kriegsbedingt ausgesetzt worden war. Die Zahl der Menschen, die den Schritt zurück in ihre Heimat wagen, steigt insgesamt.

Zahlen der freiwilligen Ausreise aus Deutschland steigen

Das BAMF schreibt in einer Pressemitteilung: "Insgesamt wurden 16.576 Personen bei der Rückkehr in ihr Herkunftsland oder einen aufnahmebereiten Drittstaat unterstützt. Damit stiegen die Ausreisezahlen deutlich gegenüber dem Vorjahr, in dem 10.358 Personen ausreisten. Im Jahr 2025 erfolgte der Großteil der freiwilligen Ausreisen in die Herkunftsländer Türkei, Syrien, Russische Föderation, Georgien und Irak."

Innenminister Dobrindt: Erfolg mit harter Migrationspolitik

Ist die freiwillige Rückkehr nach Syrien also eine Erfolgsgeschichte? Oder handelt es sich vielmehr um eine verfehlte Debatte, wie Iris Schwerdtner kritisiert. In Syrien herrschten weiterhin bürgerkriegsähnliche Zustände, betont die Vorsitzende der Linken. Deutschland solle deshalb niemanden in das Land abschieben oder Menschen dazu bewegen, freiwillig dorthin auszureisen. Jede entsprechende Debatte halte sie "im Moment für absolut unangemessen".

Humanitäre Situation in Syrien weiterhin schwierig

Sandra Lorenz kann dies sicherlich gut einschätzen, sie ist Leiterin der Kommunikation bei der Johanniter Auslandshilfe. Die Hilfsorganisation arbeitet über Partner im Nordwesten Syriens. Lorenz sagt der DW, sie könne verstehen, dass Menschen zurück in ihre Heimat wollten.

"Das sehen wir auch in der Ukraine, dass Menschen trotz der Angriffe weiterhin zurück in ihre Dörfer wollen. Das ist völlig normal. Aber es muss einfach klar sein, in welche Situation man sich begibt. Die Infrastruktur ist in vielen Teilen komplett zerstört. Und die Menschen, die heute dort leben, werden immer wieder auch durch anhaltende Kämpfe vertrieben."

Rückkehr nach Syrien: Zwischen Hoffnung und Heimatverlust

Natürlich sei die Lage in den weitgehend zerstörten Städten Aleppo und Afrin eine andere als etwa in der syrischen Hauptstadt Damaskus, erklärt Lorenz. Doch die humanitäre Situation bleibe insgesamt sehr schwierig, der Wiederaufbaubedarf sei weiterhin enorm – nicht zuletzt infolge des schweren Erdbebens vor drei Jahren. Für die Johanniter bedeutet das derzeit vor allem, die Sanierung der Infrastruktur zu unterstützen und Krankenhäuser mit Benzin, Trinkwasser und Medikamenten zu versorgen.

"Es gibt viele hunderttausende Menschen, die auf Nahrung angewiesen sind, die dabei unterstützt werden müssen, dass sie wieder Wasser, ein ordentliches Zuhause und ein Einkommen haben. In Syrien ist die Situation wie in anderen Kriegsgebieten auch, dass es einfach nicht mehr so ist wie vielleicht vor 14 Jahren. Und ich kann nur hoffen, dass die Menschen das recherchiert haben, dass sie mit jemandem gesprochen haben, dass sie irgendwo einen Ort oder Bekannte haben, zu denen sie erst einmal gehen können."

Frau blickt in Kamera
"Das Dorf in Syrien gibt es vielleicht nicht mehr, das muss man einfach wissen" - Sandra LorenzBild: DW

Deutschland hilft beim Wiederaufbau

Nahla Osman hat sich in diesen Tagen selbst ein Bild von der Lage in ihrer Heimat gemacht. Die Rechtsanwältin und stellvertretende Vorsitzende des Verbands deutsch-syrischer Hilfsvereine war teilweise am Programm einer Delegationsreise nach Syrien dabei - an der Vertreter der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) sowie der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) teilnahmen.

Der DW sagt Osman: "In Harasta, einem Vorort von Damaskus, steht nicht ein Haus, was bezugsmöglich ist oder Mindeststandards besitzt, um dort zu leben. Mehr als 80 Prozent der Schulen in Syrien sind zerstört. Gleichzeitig fehlt es wirklich an allem, vor allem an Medikamenten und medizinischen Geräten. Der Gesundheitsminister sagte uns, dass es verschiedene Geräte vielleicht ein, zweimal in ganz Syrien gebe."

Harasta in Syrien

Die Instandsetzung syrischer Krankenhäuser ist ein Schwerpunkt der deutschen Wiederaufbauhilfe. Während der Reise wurde ein entsprechender Vertrag mit fünf Kliniken unterzeichnet.

Zugleich könnte Deutschland auch künftig von syrischen Fachkräften profitieren: Die syrische Regierung hat vorgeschlagen, Deutsch ab der fünften Klasse als Unterrichtsfach einzuführen. Ziel ist es, frühzeitig Fachkräfte - etwa Ärztinnen und Ärzte - auszubilden, die später unter erleichterten Bedingungen auch in Deutschland arbeiten könnten.

Nahla Osman kann die Debatte in Deutschland über die Rückkehr von Syrerinnen und Syrer, jedenfalls nicht nachvollziehen: "Die meisten Syrer sind hier integriert, sprechen Deutsch und arbeiten. Viele träumen zwar davon, zurückzukehren - aber selbstverständlich nicht unter diesen Bedingungen." Die Diskussion in Deutschland sei aus ihrer Sicht wenig differenziert: "Alle Syrer sollen zurück, den Spaten in die Hand nehmen und das Land wieder aufbauen. So führt man keine Debatte in einem Einwanderungsland."

Porträt eines blonden Manns im schwarzen Hemd
Oliver Pieper DW-Reporter und Redakteur