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Syrien-Debatte: "Mama, fahren wir jetzt zurück nach Syrien?“

19. November 2025

In Deutschland ist die Diskussion entbrannt, ob Syrerinnen und Syrer in ihre Heimat zurückkehren sollen, um beim Wiederaufbau zu helfen. Bei den Menschen hierzulande sorgt dies für große Verunsicherung.

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Deutschland Duisburg 2024 | Syrische Frauen feiern das Ende des Assad-Regimes
Exil-Syrerinnen und -Syrer wie diese Frau mit Kind feiern in Duisburg im Dezember 2024 den Sturz des Assad-RegimesBild: Jochen Tack/picture alliance

"Mama, fahren wir jetzt wieder zurück nach Syrien?" Mittlerweile, erzählt Nahla Osman, habe die Diskussion um die Rückkehr nach Syrien sogar schon die Kleinsten erreicht. Die deutsch-syrische Rechtsanwältin ist stellvertretende Vorsitzende des Verbands deutsch-syrischer Hilfsvereine e.V. – und hat ein Ohr für die Sorgen der Community hierzulande. Viele Eltern berichteten in letzter Zeit, dass die Debatte aus der Politik längst auch auf deutschen Schulhöfen angekommen sei. 

"Wir haben leider vermehrt gehört, dass den Kindern gesagt wird: 'Du bist doch Syrerin, geh‘ zurück.' Viele Kinder trauen sich dann gar nicht mehr, arabisch zu reden. Aber wir haben auf der anderen Seite auch ganz viele Nachbarn, Initiativen, Vereine, die sagen, ihr seid ein Teil von Deutschland, wir stehen hinter euch", so Osman auf einer Online-Pressekonferenz des Mediendienstes Integration.

Bei Reisen nach Syrien droht der Verlust des Schutzstatus

Ein Jahr nach dem Sturz des Assad-Regimes fordern viele deutsche Politiker, dass die Syrerinnen und Syrer nun Deutschland verlassen und ihr Land wieder aufbauen sollten. Union-Fraktionschef Jens Spahn zog Parallelen zum Wiederaufbau Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg. Syrische Flüchtlinge hätten eine Verantwortung und "patriotische Pflicht", beim Wiederaufbau mitzuhelfen.

Wenn sich aber Syrerinnen und Syrer vor Ort ein persönliches Bild machen wollen, riskieren sie ihren Schutzstatus. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt will weiterhin keine Erkundungsreisen erlauben, die Menschen könnten sich mit ihrem Smartphone über die Lage in ihrer Heimat informieren.

"Kann man mit Kindern zurück? Kann man als kranke Person zurück? Man kann das nicht mit einem Telefongespräch mit Verwandten entscheiden", kritisiert Nahla Osman, die in letzter Zeit mehrfach in Syrien war. "Wir müssen auf freiwillige, langfristige Rückkehrgespräche setzen."

Innenminister Dobrindt: Erfolg mit harter Migrationspolitik

Knapp eine Million Menschen aus Syrien in Deutschland

948.000 syrische Staatsangehörige leben laut Mediendienst Integration derzeit in Deutschland, rund 667.000 mit einer befristeten Aufenthaltserlaubnis. Ausreisepflichtig sind laut Angaben der Bundesregierung 10.700 Syrerinnen und Syrer, also etwas mehr als ein Prozent. Seit Januar können sie mit einem Förderprogramm in ihre Heimat zurückkehren. Die Bilanz: Gerade einmal 2900 Menschen haben von diesem Programm inklusive Reisekosten und finanzieller Starthilfe bislang Gebrauch gemacht.

Rückkehr nach Syrien: Zwischen Hoffnung und Heimatverlust

"Viele Syrer haben hier seit zehn Jahren sehr viel Zeit und Ressourcen investiert, um sich in Deutschland ein neues Leben aufzubauen. Die Rückkehr ist wieder ein Bruch in der Biografie", sagt die Migrationsforscherin Nora Ragab. "Man fängt in Syrien auch nicht dort an, wo man aufgehört hat, sondern das Haus ist vielleicht nicht mehr da, die wirtschaftliche Situation sehr schwierig und es gibt noch Gewalt an verschiedenen Orten. Diese ganze Diskussion missachtet die Arbeit, hier anzukommen und ein Teil der Gesellschaft zu werden, die von vielen Menschen geleistet wurde."

Deutschland ohne syrische Ärzte?

Ein Drittel der Syrer in Deutschland ist minderjährig

Ragab hat die Entwicklung der syrischen Zivilgesellschaft nach dem Sturz Assads untersucht. Sie sprach mit Syrerinnen und Syrern über eine mögliche Rückkehr. Ihr Fazit: Hilfe beim Wiederaufbau erfordert keine dauerhafte Rückkehr. Auch zeitweise Unterstützung zählt, etwa von Ärzten, die Operationen durchführten und das Gesundheitssystem berieten.

Ein weiterer Punkt, der in der Debatte um die Rückkehr von Syrerinnen und Syrern laut Ragab viel zu kurz kommt, sei die Demografie der syrischen Bevölkerung in Deutschland. "Über ein Drittel sind Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Es gibt also eine Generation, die in Deutschland komplett sozialisiert ist."

Syrien-Debatte trifft aktive Zivilgesellschaft besonders

Auch Karoline Popp hat die Syrerinnen und Syrer in Deutschland genauer unter die Lupe genommen. "Diaspora und mehr – Zivilgesellschaftliches Engagement afghanischer und syrischer Communitys in Deutschland" heißt die Studie der wissenschaftlichen Mitarbeiterin beim Sachverständigenrat für Integration und Migration in Berlin. Diese sieht eine aktive syrische Zivilgesellschaft hierzulande – und das trotz der Erfahrung, in der Heimat vielfach Repressionen ausgesetzt gewesen zu sein.

"Das Risiko ist sehr hoch, gerade die vor den Kopf zu stoßen, die sich schon gesellschaftlich engagieren und auch einen starken Beteiligungswillen haben", sagt Popp zur Rückkehr-Debatte in Deutschland. "Das politische Klima und die Rhetorik geht nicht spurlos an der syrischen Community vorbei. Das sorgt gerade für viel Verunsicherung. Dieses Gefühl, egal, wie sehr man sich anstrengt, man wird nie ganz dazugehören, selbst mit deutschem Pass", so Popp.

Rückführung nach Syrien: Wie denken die Menschen darüber?

Einbürgerungen können Rückkehr nach Syrien unterstützen

Hinzu kommt: Die neue deutsche Regierung aus CDU/CSU und SPD sendet aktuell einige Signale, Einbürgerungen künftig erschweren zu wollen. Die so genannte Turbo-Einbürgerung für besonders gut integrierte Ausländer nach nur drei Jahren, eingeführt von der Ampel-Vorgängerregierung, wurde abgeschafft. Unionspolitiker wollen kriminell gewordenen Doppelstaatlern den deutschen Pass schneller entziehen, eine doppelte Staatsbürgerschaft soll zudem in Zukunft wieder die Ausnahme sein.

Karoline Popp fordert dagegen ein Umdenken: Damit eine langfristige Rückkehr nach Syrien möglich wird, brauche es als stärkstes Instrument eben solche Einbürgerungen in Deutschland, sagt sie. Ein sicherer Aufenthaltsstatus oder die doppelte Staatsbürgerschaft könne ein wichtiges Element sein, um die Exilbevölkerung wieder an dem Land im Umbruch teilhaben zu lassen.

"Es gibt eine direkte Verbindung zwischen Einbürgerung und Rückkehr", so Popp. Die allerdings werde von der Politik nicht gesehen.

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Oliver Pieper DW-Reporter und Redakteur