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Taiwans Chipfertigung und die Abhängigkeit von russischem Öl

Arthur Sullivan
5. Januar 2026

Taiwan importiert erhebliche Mengen an russischem Naphtha, das es für die Hightech-Industrie benötigt. Auch für seinen Energiebedarf ist Taiwan von Importen abhängig - auch Brennstoffe kommen häufig aus Russland.

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LNG-Tanker an einem Terminal für Flüssiggasimporte aus den USA in Taiwan (Luftaufnahme)
Taiwan importiert noch immer signifikante Mengen an russischer EnergieBild: CPC Corp Taiwan/dpa/picture alliance

Naphtha, auch Rohbenzin genannt, ist ein Erdöldestillat und ein wichtiger Rohstoff für die Petrochemie. Es ist ein Vorprodukt von Benzin, aber auch von Chemikalien, die in der Hightech-Produktion, zum Beispiel zur Fertigung von Halbleitern, benötigt werden. Entgegen eigenen Ankündigungen importiert Taiwan Naphtha nach wie vor zu großen Teilen aus Russland.

Laut einem Bericht des finnischen Centre for Research on Energy and Clean Air (CREA) von Oktober 2025 importiert kein anderes Land so viel von dem Erdöldestillat aus Russland wie Taiwan. Laut dem Bericht, den CREA in Zusammenarbeit mit der Environmental Rights Foundation in Taiwan und der im Exil agierenden russischen Umweltorganisation Ökoverteidigung! erstellt hat, lagen Taiwans Naphtha-Importe aus Russland in den ersten sechs Monaten des Jahres 2025 sechsmal so hoch wie im Jahr 2022. Für den drastischen Anstieg seit dem Einmarsch der russischen Armee in die Ukraine sei nahezu ausschließlich ein Unternehmen verantwortlich: die Formosa Petrochemical Corporation (FPCC). Das Unternehmen hat jedoch angekündigt, die Bezüge aus Russland zu reduzieren.

Bisher scheint dies jedoch nicht geschehen zu sein. Denn auch die Daten von Kpler, einem auf Rohstoffe spezialisierten Brüsseler Daten- und Analyseunternehmen, legen nahe, dass die FPCC-Importe im November und Dezember weitgehend konstant verliefen.

Ciaran Tyler, leitender Analyst für Naphtha bei Kpler, nimmt jedoch an, dass die Importmengen Anfang 2026 rapide zurückgehen werden, da Jahres- und Quartalsverträge auslaufen: "Im kommenden Jahr wird Formosa keine neuen Kaufverträge abschließen, sie sind jedoch offensichtlich nicht von der Erfüllung bestehender Verträge abgerückt", erklärt Tyler der DW.

Taiwan, die Chip-Supermacht

Rückzieher bei Naphthaimporten

Davon geht auch Luke Wickenden, Co-Autor der CREA-Studie, aus. Denn in Taiwan hat die Veröffentlichung des Berichts eine Debatte über eine mögliche Abhängigkeit von Russland ausgelöst. Abgeordnete argumentierten, dass China diese Abhängigkeit angesichts der immer enger werdenden Beziehungen zwischen Peking und Moskau in Zukunft gegen Taiwan nutzen könnte. "Diese Chemikalie ist unglaublich wichtig. Sie ist im Grunde das Ausgangsmaterial für die Herstellung aller möglichen Chemikalien, die für die Halbleiterindustrie unerlässlich sind", sagt Wickenden.

Der Schriftzug des russischen Ölkonzerns "Rosneft" auf einem russischen Tanker (Nahaufnahme)
Bisher hat Russland Taiwan eine verlässliche Versorgung mit Naphtha geboten. Für Taiwans Halbleiterindustrie ist das Rohbenzin lebenswichtigBild: Yoruk Isik/REUTERS

Nach Veröffentlichung des Berichts erklärte FPCC in einer öffentlichen Stellungnahme, dass ihm als Privatunternehmen der Kauf von russischem Naphtha gestattet sei, dass es jedoch von Händlern und Lieferanten verlange, "internationale Sanktionen einzuhalten". Aufgrund der "Bedingungen auf den Weltmärkten", habe es größere Anteile russischen Naphthas erworben. Dies sei jedoch "allein das Resultat der Marktbedingungen, keine bewusste Anpassung der Beschaffungsstrategie", fügte das Unternehmen hinzu.

Jheng Ruei-He ist leitender Analyst am Chung-Hua Institution for Economic Research, einem Thinktank der Regierung in der Hauptstadt Taipeh. Er meint es sei wichtig, die Importe russischen Naphthas durch FPCC in diesem Kontext zu betrachten. "Nach dem Gesetz des freien Handels können Regierungen das Geschäftsverhalten privater Unternehmen nicht beeinflussen", betont er gegenüber der DW.

Gleichwohl erklärte Taiwans Wirtschaftsminister Kung Ming-hsin gegenüber taiwanesischen Medien, das FPCC habe zugesichert, "in Zukunft kein russisches Naphtha mehr zu erwerben", wenn die Verträge für russische Naphthalieferungen ausgelaufen sind.

Luke Wickenden sieht darin einen Beleg für die Wirksamkeit der Arbeit von CREA und seinen Studienpartnern: "Hier wird deutlich, dass koordinierter Druck durch regierungsunabhängige Organisationen und andere Thinktanks echte Veränderungen bewirken kann", betont er.

Auch Kohle und Gas kommen aus Russland

Obgleich Taiwan schnell reagierte, um russische Importe zurückzufahren und das Risiko von Abhängigkeiten zu reduzieren, rückt der Fall den Energiemix der Insel in den Fokus. Obwohl der Anteil der Kohle am Energiemix langsam fällt und teilweise durch erneuerbare Energien ersetzt wird, deckt Taiwan immer noch mehr als 80 Prozent seines Energiebedarfs mit importierter Kohle sowie Flüssigerdgas (LNG). Etwa 97 Prozent der in Taiwan benötigten Energie wird importiert. Diese Abhängigkeit von Brennstoffimporten berge für Taiwan "erhebliche geopolitische Risiken", so Jheng Ruei-He.

Zwei riesige Kipplader begegnen sich in einer russischen Kohlegrube, eines mit leerer Ladefläche, das andere beladen mit Kohle
Nach Russlands Einmarsch in die Ukraine stiegen Taiwans Kohleimporte zunächst, gingen 2025 aber drastisch zurückBild: Phelan M. Ebenhack/AP Photo/picture images

Laut dem CREA-Bericht habe Taiwan es geschafft, seine Abhängigkeit von russischer Kohle zu verringern. Im Vergleich mit demselben Vorjahreszeitraum seien Importe fossiler Brennstoffe aus Russland in den ersten sechs Monaten des Jahres 2025 um 67 Prozent gefallen.

Nach Russlands Einmarsch in die Ukraine waren die Importe russischer Kohle nach Taiwan zunächst stetig gestiegen, auch weil sie preisgünstiger wurde. "Es ist verständlich, dass Taiwan zunächst versuchte, so weit wie möglich von billigerem russischen Öl zu profitieren", meint Wickenden.

In den ersten Jahren nach dem Einmarsch entwickelte sich Taiwan zum fünftgrößten Abnehmer russischer Kohle. Der Rückgang im Jahr 2025 ist hauptsächlich der taiwanesischen Regierung zu verdanken, weil staatseigene Betriebe wie Taipower und die Taiwan Cement Corporation Kohlekäufe aus Russland drastisch reduzierten. Doch obwohl gegenwärtig nur noch geringe Mengen russischer Kohle nach Taiwan eingeführt werden, blickt Wickenden noch immer mit Sorge auf private Unternehmen und ihre Kohlekäufe.

Raffinerieerzeugnisse im Fokus

Auch LNG importiert Taiwan aus Russland. Allerdings in so geringen Mengen, dass es derzeit nicht Gefahr zu laufen scheint, sich durch Moskau oder Peking erpressbar zu machen.

Arbeitskräfte bei einem Mikrochiphersteller hantieren in weißen Schutzanzügen an Geräten
Ob Halbleiter aus Taiwan mithilfe von Naphtha aus Russland hergestellt wurden, lässt sich nicht feststellenBild: Tao-Chuan Yeh/AFP/Getty Images

Energievielfalt sei ein zentrales Prinzip für die Regierung, sagt Jheng Ruei-He. Doch er weist auch darauf hin, dass der Faktor Kosten immer bedeute, dass Russland im taiwanesischen Energiemix eine Rolle spielen könne: "Auch wenn Länder für Importe aus Russland kritisiert werden, müssen in der Realität doch auch Faktoren wie Inflation, Belastung der Verbraucher und Wettbewerbsfähigkeit der Industrie berücksichtigt werden", betont er. "Für Politiker ist es schwer, ein Gleichgewicht herzustellen."

Für Wickenden ist Taiwan ein positives Beispiel dafür, wie Energielieferungen aus Russland unterbunden werden können. Die Europäische Union müsse jedoch den Druck auf Raffinerieerzeugnisse aus russischem Öl aufrechterhalten und erhöhen.

Die EU hat ihre Sanktionen gegen Raffinerieerzeugnisse aus Russland kürzlich verschärft. Händler und Betreiber wurden aufgefordert, ihrer Sorgfaltspflicht gerecht zu werden, um das Risiko zu begrenzen, dass mit russischem Rohöl hergestellte Produkte in die EU gelangen. Der Fokus richtet sich dabei insbesondere auf Waren aus der Türkei, China und Indien, da diese Länder in letzter Zeit große Mengen russischen Rohöls gekauft haben.

Doch die EU selbst hat darauf hingewiesen, dass Öl nach dem Mischvorgang nicht mehr getrennt werden kann. "Es ist unmöglich, die Herkunft sämtlicher Rohölmoleküle, die in die EU importiert werden, zu zertifizieren", sagt Wickenden. Sprache und Gesetzgebung der EU seien jedoch immer noch nicht deutlich genug, wenn es um den Direktimport von Raffinerieerzeugnissen geht, wie Taiwan sie benötigt, meint er: "Im Moment werden nur Importeure von Rohöl und Exporteure von Raffinerieerzeugnissen zum Beispiel in EU-Länder genauer überprüft."

Adaptiert aus dem Englischen von Phoenix Hanzo.