Thailand und Kambodscha: Grenzstreit ohne rasches Ende
15. November 2025
Die Spannungen zwischen Thailand und Kambodscha werden wohl so schnell nicht abklingen: Entlang der umstrittenen Grenze gab es am Mittwoch wieder einen Schusswechsel. Zwei Tage zuvor hatte ein thailändischer Soldat bei einem Patrouilleneinsatz an der Grenze einen Fuß durch die Explosion einer Landmine verloren. Bangkok hat Kambodscha in diesem Zusammenhang beschuldigt, neue Landminen in der Region verlegt zu haben. Phnom Penh wies die Anschuldigung zurück.
Im Juli hatten jahrzehntelange Grenzstreitigkeiten zu einem fünftägigen bewaffneten Konflikt geführt. Beide Länder setzten Bodentruppen, Artillerie und Kampfflugzeuge ein. Mindestens 48 Menschen kamen ums Leben. Schätzungsweise 300.000 Zivilisten mussten ihr Zuhause vorübergehend verlassen. Ende Juli einigten sich beide Länder auf einen Waffenstillstand.
Weiterhin große Spannungen
In der Folge wurde am Rande des ASEAN-Gipfels in Malaysia in Anwesenheit von US-Präsident Donald Trump ein "Friedensdeal" unterzeichnet. Das Friedensabkommen war von Malaysia als Ratspräsident des südostasiatischen Staatenbundes ASEAN, China und den USA vermittelt worden. Trump hatte zuvor Druck auf Thailand und Kambodscha ausgeübt, indem er damit drohte, die Handelsgespräche über US-Zölle zu verzögern, sollten sie sich nicht bereiterklären, die Kämpfe einzustellen.
Ungeachtet des fragilen Abkommens blieben die Spannungen groß. Den Friedensdeal droht Thailand nun aufzukündigen, sollte Kambodscha den Landminen-Vorfall vom Montag nicht aufklären.
Das Abkommen habe keinen Weg zur Lösung des zugrunde liegenden erbitterten Territorialstreits aufgezeigt, sagt Tita Sanglee, Thailand-Expertin am ISEAS-Yusof Ishak Institute in Singapur. "Das Friedensabkommen stand von Anfang an auf wackeligen Beinen, wurde weitgehend von externen Interessen geprägt und zeichnete sich nur durch symbolische Vertrauensbildung aus." Es sei auch nichts Substanzielles unternommen worden, um die zugrunde liegenden territorialen Streitigkeiten beizulegen.
Aussagen gegen Aussagen
Der kambodschanische Premierminister Hun Manet sagte, der jüngste Vorfall habe sich ereignet, nachdem thailändische Streitkräfte "über viele Tage hinweg zahlreiche provokative Aktionen durchgeführt hatten, um Konfrontationen anzuzetteln".
Bangkok behauptete seinerseits, kambodschanische Soldaten hätten auf einen Bezirk in der östlichen Provinz Sa Kaeo in Thailand geschossen, woraufhin die thailändische Seite "mit Warnschüssen reagiert" habe.
Der Konflikt habe sich durch die bekannt gewordenen Schießereien verschärft, glaubt Thitinan Pongsudhirak, Professor für Internationale Beziehungen an der Chulalongkorn-Universität in Bangkok. Er sagt, das Friedensabkommen sei "in jeder Hinsicht gescheitert".
Die Spannungen würden "sicherlich nicht abklingen", glaubt auch Ou Virak, Gründer und Präsident des in Phnom Penh ansässigen Thinktanks Future Forum. Die zugrunde liegenden Missstände seien nicht entschärft. Die für Anfang nächsten Jahres erwarteten Parlamentswahlen in Thailand und die zunehmende nationalistische Stimmung in Kambodscha hätten es beiden Seiten erschwert, die Spannungen abzubauen und ihren Fokus von den Grenzstreitigkeiten abzuwenden. Am besten wäre es seiner Ansicht nach, in der jetzigen Situation den gegenwärtigen "Status quo für die nächsten drei oder vier Monate aufrecht zu erhalten".
Grenzstreit ohne Lösungsansatz
Der Grenzstreit zwischen Thailand und Kambodscha dauert schon seit Jahrzehnten an. Beide Länder trennt eine 800 Kilometer lange Grenze, die sich über dünn besiedelte Regionen erstreckt. Die gegenseitigen Gebietsansprüche gehen größtenteils auf eine Karte aus dem Jahr 1907 zurück, die zu Zeiten der französischen Kolonialherrschaft für Kambodscha erstellt worden war. Thailand bezeichnet die Grenzziehung auf dieser Karte als "ungenau".
So beanspruchen beide Länder mehrere Tempel in der Nähe der thailändisch-kambodschanischen Grenze - so den historischen Preah-Vihear-Tempel, eine 1000 Jahre alte hinduistische Pilgerstätte, die vom Khmer-Reich erbaut wurde. Der Fall landete 1962 vor dem Internationalen Gerichtshof. Dieser entschied, dass der Tempel auf kambodschanischem Gebiet liege, was viele Thailänder noch immer verärgert.
Als die UNESCO den Tempel im Jahr 2008 zum Weltkulturerbe erklären wollte, flammte der alte Streit um die Gebetsstätte erneut auf. Schon im Jahr 2011 kam es wegen des Streits zu einem Schusswechsel zwischen thailändischen und kambodschanischen Soldaten. Seitdem war es an der Grenze jedoch weitgehend friedlich geblieben, bis es im Juli dieses Jahres zu den heftigen Zusammenstößen kam.
Frieden durch regionale oder internationale Intervention?
Für einen dauerhaften Frieden müssten Thailand und Kambodscha die Grenze neu ziehen und diese dann akzeptieren, fordert Virak. Es gebe aber "kaum einen gemeinsamen Nenner für einen dauerhaften Frieden. Es muss einen unabhängigen, entweder regionalen oder internationalen Mechanismus geben, der von beiden Ländern akzeptiert wird, damit dieser dauerhafte Frieden zustande kommen kann."
Allerdings seien die Beziehungen durch "große Feindseligkeit" geprägt, sagt Thitinan. "Die politische Führung muss den Menschen in beiden Ländern sagen, dass sie sich zurückhalten sollen und dass Thailand und Kambodscha den Konflikt nicht weiter eskalieren lassen dürfen."