Greenwashing? Banken investieren in Tiefseebergbau
6. März 2026
Weltweit haben mehr als 20 Finanzinstitute öffentlich zugesagt, nicht in den Tiefseebergbau zu investieren - eine Praxis, die nach Einschätzung vieler Wissenschaftler irreversible Schäden in marinen Ökosystemen verursachen könnte.
Eine Recherche der DW zeigt allerdings: Einige dieser Banken halten Beteiligungen im Umfang von mindestens 684 Millionen US‑Dollar (581 Millionen Euro) an Unternehmen, die mit der Branche in Verbindung stehen.
Wettlauf in die Tiefe - dabei fehlen wichtige Daten
Hunderte Millionen Dollar fließen in Firmen, die die Förderung von Nickel, Kobalt und Kupfer aus mehreren tausend Metern Tiefe vorantreiben - Rohstoffe, die unter anderem für Batterien benötigt werden. Über diese Lebensräume ist wissenschaftlich jedoch wenig bekannt: Weniger als 0,001 Prozent des Meeresbodens gelten als erforscht.
Zu den Investoren zählen einige der größten Finanzhäuser der Welt, darunter Deutsche Bank, UBS, Credit Suisse, Crédit Agricole und BNP Paribas. Das geht aus Unternehmensunterlagen hervor, die von der Rechercheabteilung von Greenpeace Deutschland ausgewertet und von der DW analysiert wurden.
Die Investitionen kommen zu einem Zeitpunkt, an dem die USA darauf drängen, die Tiefsee in Zukunft für die Ausbeutung kritischer Mineralien zu nutzen. Zugleich haben rund 40 Staaten ein Moratorium gefordert - solange die Folgen für diese sensiblen Ökosysteme in der Tiefsee nicht ausreichend bewertet werden können.
"Die Tiefsee ist Heimat einzigartiger, empfindlicher und für den Planeten unverzichtbarer Lebewesen", sagt Diva Amon, Meeresbiologin und wissenschaftliche Beraterin an der University of California. "Wir wissen nicht, was wir dabei zerstören würden- und was einmal weg ist, kommt nicht zurück."
Das eine sind Versprechungen, das andere reale Investitionen
Auf Anfrage der DW erklärten Deutsche Bank und Crédit Agricole, ihre Zusagen bezögen sich nur auf Projektfinanzierung, nicht jedoch auf Investitionen in bestimmte Unternehmen. Kritiker halten diese Trennung für eine Mogelpackung: So lasse sich die direkte Finanzierung konkreter Meeresboden-Projekte vermeiden - während Beteiligungen an Firmen bestehen bleiben, die den Abbau vorbereiten. Sinngemäß: Man verweigere aus Klimagründen die Finanzierung einer Ölbohrplattform, kaufe aber dennoch die Aktie des Bohrunternehmens.
Andere angefragte Banken äußerten sich nicht.
"Das ist Greenwashing", sagt Mauricio Vargas, früher Investmentstratege, heute Finanzexperte bei Greenpeace. Viele Banken setzten auf formale Klauseln und Ausnahmen - im Vertrauen darauf, dass die Öffentlichkeit die tatsächlichen Folgen ihrer Anlagerichtlinien nicht vollständig durchdringt.
Ähnlich argumentiert Andrew Whitmore von der Deep Sea Mining Campaign, die sich gegen Tiefseebergbau einsetzt. Die Kluft zwischen öffentlichen Zusagen und Portfoliopositionen spiegele oft interne Anreizsysteme wieder. Richtlinien seien "sorgfältig formuliert", Verpflichtungen durchaus gut gemeint. Doch gerade in großer Unternehmen wirke der Druck, in als profitabel geltende (oder entsprechend vermarktete) Segmente zu investieren. Entsprechend würden Selbstverpflichtungen nicht durchgängig umgesetzt.
Vorsorgeprinzip statt Tiefsee-Risiko: Storebrand zieht Geld ab
Dass es anders geht, zeigt Storebrand, einer der größten Finanzkonzerne Norwegens: Nach DW-Recherchen hat das Finanzinstitut vor Kurzem Millionenbeträge aus Unternehmen mit Verbindungen zum Tiefseebergbau abgezogen. Ein Sprecher erklärte, die Entscheidung folge dem Vorsorgeprinzip - also dem Vorrang, potenzielle Schäden zu vermeiden, solange die Datenlage unsicher ist.
"Storebrand wird nicht in Unternehmen investieren, die im Tiefseebergbau tätig sind, bis wir mehr wissenschaftliche Erkenntnisse über die Auswirkungen dieser Aktivitäten haben", so der Sprecher.
Kurzfristige Renditen vs. grüne Versprechen
Goldman Sachs wiederum verfügt über keine öffentliche Richtlinie gegen Tiefseebergbau - positioniert sich aber als Vorreiter bei ESG‑Investments (Umwelt, Soziales, gute Unternehmensführung.) Laut Recherchen hält das Institut Anteile im Wert von 187 Millionen Euro an Unternehmen, die den Tiefseebergbau ermöglichen. Auch hier blieb eine DW-Anfrage unbeantwortet.
"Goldman Sachs ist einer der größten Vermögensverwalter der Welt - was das Unternehmen tut, ist relevant", sagt Tariq Fancy, früher Chief Investment Officer für nachhaltiges Investieren bei BlackRock.
Es sei "viel billiger, sich grün zu anzumalen, als tatsächlich grün zu sein". In Zeiten kurz getakteter Renditeziele agierten viele CEOs mit Fünfjahreshorizonten - rational sei dann, "jeden letzten Cent herauszupressen und die Reputation über Philanthropie zu pflegen".
ESG-Richtlinien können "am Rand etwas bewirken", so Fancy - echte Veränderung entstehe jedoch durch politische Reformen und strengere Regulierung.
Steuergelder und Pensionsfonds im Spiel
Die DW analysierte zudem Datensätze der in Washington ansässigen NGO Anti‑Corruption Data Collective (ACDC). Ergebnis: Steuergelder aus Ländern, die offiziell eine vorsorgliche Pause beim Meeresbodenbergbau unterstützen, sind in Unternehmen mit Branchenbezug geflossen.
Davon sind auch Gelder aus Pensionsfonds betroffen: Der Private‑Equity‑Fonds Triton IV etwa erhält Mittel aus öffentlichen Pensionsfonds in Europa und Kanada - obwohl die jeweiligen Regierungen sich gegen Tiefseebergbau positionieren.
Der Fonds verwaltete die Firmen DeepOcean und Adepth Minerals bis zum Frühjahr 2025, bevor er die Gruppe an eine neue, ebenfalls von Triton verwaltete Investment‑Einheit verkaufte.
Triton weist die Darstellung zurück: DeepOcean sei kein Tiefseebergbau‑Unternehmen. Außerdem sei das Engagement in Adepth Minerals begrenzt, reguliert und nicht zentral für die Konzernstrategie.
Norwegen pausiert Abbau-Lizenzen bis 2029
Für Andrew Whitmore ist eine Rechenschaftspflicht der wirksamste Hebel für Veränderung - vor allem bei Pensionskassen. "Sie investieren im Auftrag der Öffentlichkeit in die Zukunft", sagt er. Entsprechend müssten sie die potenziellen Umweltrisiken des Tiefseebergbaus ernst nehmen.
"Es ist wichtig, dass Pensionsfonds sich der wachsenden Zahl von Finanzierern und Versicherern anschließen, die Tiefseebergbau ausschließen", so Whitmore. Bislang hat kein Pensionsfonds eine solche Zusage abgegeben.
Einige Regierungen fahren dabei einen deutlich klareren Kurs. Norwegen - Heimat mehrerer Unternehmen, die sich für den Tiefseeabbau positionieren - hat zugesagt, bis mindestens 2029 keine Bergbaulizenzen in seinen nationalen Gewässern zu vergeben. Parallel unterstützen inzwischen über 40 Staaten weltweit Moratorien oder vorsorgliche Pausen für den Abbau in internationalen Gewässern, solange unklar ist, wie genau sich dieser auf das Leben im Meer auswirken könnte.
Die Tiefsee: "Einer der artenreichsten Orte der Erde"
"Die Tiefsee ist einer der artenreichsten Lebensräume des Planeten", sagt Meeresbiologin Diva Amon, die Tiefsee‑Expeditionen rund um den Globus geleitet hat. In den Tiefen des Pazifiks hat sie biolumineszierende Haie gesehen, die in ewiger Dunkelheit leuchten, und Korallen, die tausende Jahre alt sind. Zugleich bleibt ein Großteil der Arten der Tiefsee dem Menschen weitgehend unbekannt.
"Rund 90 Prozent der Tiefseearten haben noch keinen formalen Namen", so Amon. Die Entnahme polymetallischer Knollen - kartoffelgroßer Gesteine voller kritischer Metalle - könne irreversible Schäden auf Zeitskalen von Millionen Jahren verursachen.
Der UN‑Sondergesandte für Ozeane, Peter Thomson, fordert daher ein zehnjähriges Moratorium, um der Wissenschaft Zeit zu geben und das "gemeinsame Erbe der Menschheit" zu schützen. Auch die UN‑Finanzinitiative hält fest, es gebe "keine absehbare Möglichkeit", die Finanzierung des Tiefseebergbaus mit einer nachhaltigen Nutzung der Ozeane in Einklang zu bringen.
Erste Tests deuten auf zerstörerisches Potenzial hin
Frühe Hinweise aus Testbetrieben stützen die Warnungen. Eine kürzlich veröffentlichte Studie, finanziert vom Branchenakteur The Metals Company (TMC), kommt zu dem Ergebnis, dass Testabbau im Pazifik die Häufigkeit und Biodiversität am Meeresboden um mehr als ein Drittel reduziert hat.
Doch die Risiken gehen über Artenverluste hinaus. Einige Mikroorganismen der Tiefsee kommen bereits in der Medizin zum Einsatz - etwa Enzyme für SARS‑CoV‑2‑PCR‑Tests oder Wirkstoffe, die aktuell in Krebsstudien untersucht werden. Der Abbau könnte ähnliche Organismen vernichten, bevor sie überhaupt entdeckt sind.
"Es gibt noch so viel, was die Wissenschaft über die Tiefsee nicht weiß", sagt Amon. "Wenn mehr Menschen ihre Wunder kennen würden, würden wir gar nicht über ihren Abbau sprechen."
Dieser Artikel wurde aus dem Englischen adaptiert.
Die Berichterstattung zu dieser Recherche wurde durch eine Förderung des Fonds "Investigative Journalism for Europe" (IJ4EU) unterstützt.