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PanoramaDeutschland

Tod im Wandel: Bestattungen - von ausgefallen bis nachhaltig

21. November 2025

Diamanten aus Asche, Friedwälder, restaurierte Denkmäler - die Möglichkeiten des Abschieds werden vielfältiger. Immer mehr Menschen in Europa wollen im Einklang mit der Natur bestattet werden. Ein Trend mit Symbolkraft.

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Friedhof Père-Lachaise. Zwei Personen gehen auf einem Weg zwischen prachtvollen Grabsteinen und alten Bäumen.
Pariser Friedhof Père-Lachaise: Hier kann man verlassene Prachtgräber "wiederbeleben" - in der Nachbarschafft von Edith Piaf oder Jim MorrisonBild: Martial Trezzini/dpa/picture alliance

Eine gewaltige Felswand ragt über einem kleinen Hochplateau in der südfranzösischen Haute-Provence. Am Fuß der Wand liegen ein paar Steine im Gras, scheinbar zufällig dort angehäuft. Doch unter ihnen ruht die Asche eines jungen Mannes - es war sein Lieblingsplatz, an den ihn seine Familie zur letzten Ruhe gebracht hat. In Deutschland wäre das nicht möglich.

Grundsätzlich herrscht hier eine Friedhofspflicht; wer stirbt, muss auf einem zugelassenen Friedhof, in einem Bestattungswald oder einem ausgewiesenen Seegebiet beigesetzt werden. Eine Urne im eigenen Garten? Verboten. Die Asche eines geliebten Menschen im Wind verstreuen? Ebenfalls nicht erlaubt.

Ein Strauß roter und weißer Rosen schwimmt auf dem Wasser
Deutschland: Bei der Seebestattung wird die Urne auf einem extra ausgewiesenen Seefriedhof ins Wasser gelassenBild: Stefan Sauer/ZB/picture alliance

Ballonfahrt und Diamanten

Während Deutschland festhält an seinen Gesetzen, suchen Menschen in anderen Ländern neue Wege und Orte des Abschieds. In der Schweiz etwa gibt es die Fels- oder Almwiesenbestattung, bei der die Asche in den Bergen verstreut wird. Auch eine Ballonfahrt mit der Asche des Verstorbenen ist in der Schweiz und zum Beispiel in den Niederlanden möglich.

Hat der Heißluftballon die Beisetzungsstelle erreicht, wird die Asche in den Wind gestreut. Die Koordinaten dieser Stelle werden den Angehörigen anschließend in einer Urkunde per Post zugeschickt. Eine Alternative ist die Luftbestattung per Flugzeug.

Bei der Weltraumbestattung, angeboten von US-amerikanischen Unternehmen, geht es noch viel höher hinaus. Ein kleiner Teil der Asche wird in den Weltraum transportiert. Auch für Deutsche ist diese Art der Bestattung trotz Friedhofszwangs innerhalb einer rechtlichen Grauzone möglich, denn der größte Teil wird ganz irdisch in einer Urne beigesetzt.

Immer mehr Bestattungsunternehmen bieten auch eine sogenannte Diamantbestattung an: In einem mehrmonatigen Verfahren werden aus Teilen der Asche oder aus Haaren des Verstorbenen synthetische Diamanten gepresst, die später in Schmuckstücke eingesetzt werden können.

Trend: Nachhaltige Beerdigung

Wem Nachhaltigkeit auch über den Tod hinaus wichtig ist, kann aus einem immer größer werdenden Angebot wählen. Viele europäische Länder erleben geradezu einen Boom naturnaher und umweltbewusster Beerdigungen.

Auf Wiesen oder in Wäldern werden Verstorbene in biologisch abbaubaren Särgen ohne Lack oder Metall beigesetzt, ohne Einbalsamierung oder chemische Zusätze. In Skandinavien oder den Niederlanden etwa entstehen immer mehr Friedhöfe, die auf natürliche Materialien und Nachhaltigkeit setzen.

Auf einer großen Wiese unter hohen Bäumen sind schlichte Grabsteine mit Blumenbepflanzung aufgereiht
Schlicht und würdig: Der Stockholmer Skogskyrkogården Friedhof ist UNESCO-WelterbeBild: Oscar Gonzalez/Sipa USA/picture alliance

Auch bei der Einäscherung, die in Deutschland laut der deutschen Gütegemeinschaft Feuerbestattungsanlagen mittlerweile 81 Prozent der Bestattungen (2024) ausmacht, ist Umweltfreundlichkeit ein Thema. Moderne Krematorien arbeiten mit Wärmerückgewinnungssystemen, Bestatter bieten biologisch abbaubare Urnen an. Diese werden in Deutschland immer häufiger bei einer Baumbestattung in einem Friedwald in die Erde gesetzt. Das Grab bleibt naturbelassen. An manchen Orten sind anonyme Bestattungen möglich, an anderen erinnert eine Plakette an den Verstorbenen.

Reerdigung: Wenn ein Mensch zu Kompost wird

Es geht auch noch naturnäher: Etliche Bestattungsunternehmen bieten inzwischen die sogenannte Reerdigung an. Die verstorbene Person wird in einem Kokon aus Stroh, Heu, Blumen und etwas Pflanzenkohle verpackt. Eine Art Wiege bewegt den Kokon nach einigen Tagen regelmäßig sachte hin und her. Das sorgt dafür, dass sich entstehende Feuchtigkeit gleichmäßig verteilt.

Eine Figur aus Holz liegt mit einem weißen Tuch und Blumen auf Heu in einem Behälter
Nachhaltige Form der Bestattung: die ReerdigungBild: Christian Charisius/dpa/picture alliance

Die natürlichen Mikroorganismen, die im menschlichen Körper und den beigegebenen Pflanzen enthalten sind, zersetzen den Körper im Kokon innerhalb von 40 Tagen zu feiner Erde. Ein biologischer Luftfilter verhindert Gerüche. Die zurückbleibenden Knochen werden zermahlen und der Erde beigefügt.  Alles zusammen wird dann auf einem Friedhof mit Graberde bedeckt und bepflanzt. Die Verstorbenen können sogar vor ihrem Ableben festlegen, ob sie lieber in einer Rose oder in einem Lavendelbusch aufgehen möchten.

Pulverisiert durch Schockgefrieren

Die schwedische Biologin Susanne Wiigh-Mäsak gilt als Pionierin einer ähnlich umweltfreundlichen Bestattungsmethode: Dabei wird der Körper zunächst bei minus 18 Grad schockgefroren und anschließend in flüssigen Stickstoff bei minus 196 Grad getaucht. Das macht ihn so spröde, dass er durch leichte Erschütterungen zu feinem Pulver zerfällt. In einer Vakuumkammer wird das Wasser entzogen, Metallreste wie Zahnfüllungen werden entfernt.

Die Überreste kommen in einen kompostierbaren Minisarg aus Mais- oder Kartoffelstärke und werden in die Erde gelegt. Obwohl das Verfahren in über 30 Ländern patentiert ist, wird es bislang allerdings noch nirgends praktiziert. 

Etwas anderes ist die Kryokonservierung, bei der der Körper bei unter minus 130 Grad Celsius eingefroren und vollständig erhalten wird - in Ländern wie den USA oder Russland in der Hoffnung auf eine künftige Wiederbelebung. Wissenschaftlich gilt das jedoch als äußerst unwahrscheinlich.

Die Art, wie Menschen bestattet werden, erzählt viel darüber, wie sie gelebt haben. Zwischen Prachtgrab und Baumwurzel liegt nicht nur ein ästhetischer Unterschied, sondern auch ein Wandel im Denken über Religion, Besitz und Natur - und nicht zuletzt auch über die Erinnerung an die Verstorbenen.

Wuensch Silke Kommentarbild App
Silke Wünsch Redakteurin, Autorin und Reporterin bei Culture Online
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