Türkei im Iran-Krieg: Angst vor dem Flächenbrand
6. März 2026
Die Türkei positioniert sich seit jeher gern als Mittler zwischen Ost und West, pflegt diplomatische Beziehungen sowohl zur EU als auch zu den Staaten des Mittleren Ostens. Auch im Streit zwischen den USA und Iran hat Ankara mehrfach versucht, eine Vermittlerrolle einzunehmen - vergeblich. Washington konnte nicht von einem Angriff abgehalten werden, und auch Teheran ließ sich von seiner Position nicht abbringen.
In den jüngsten Äußerungen des türkischen Außenministers Hakan Fidan schwingt nach den diplomatischen Bemühungen der vergangenen Jahre durchaus eine Portion Frust mit: Man habe den Krieg womöglich nur verzögert, so Fidan. Er sprach über ein Telefonat mit Washington, das bereits Ende Januar stattgefunden hatte: "Ich wurde mitten in der Nacht angerufen", so Fidan. Er habe sofort begriffen, wie brenzlig die Lage schon damals gewesen sei, und umgehend Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan informiert. "Es waren sehr dunkle Momente. Wir haben jede Minute mit dem Ausbruch des Krieges oder einem ersten Anschlag gerechnet", so Fidan weiter.
Komplexer Konflikt mit mehreren Risiken
Ankara fürchtet, dass der Iran-Krieg schnell in einen Flächenbrand ausarten könnte, der die gesamte Region erfasst. Zum Iran besitzt die Türkei eine rund 530 Kilometer lange Grenze; nun sorgt sie sich um die humanitären, wirtschaftlichen und politischen Folgen.
Den aktuellen Krieg sieht die Türkei als komplexen Konflikt mit mehreren Risiken: Wirtschaftlich fürchtet sie ein Ansteigen der ohnehin hohen Inflation, Engpässe in der Energieversorgung und Einbußen im Tourismussektor; politisch bereiten ihr die ungewissen Machtverschiebungen im Nahen Osten ebenso Sorgen wie ein mögliches Wiederaufflammen der Konflikte mit bewaffneten kurdischen Gruppen in der Region. Und durch die Raketenbeschüsse im Iran wie auch im Südlibanon muss Ankara auch mit einem erneuten Anstieg der Flüchtlingszahlen aus beiden Ländern rechnen.
Zurückhaltung im NATO-Land Türkei
Bisher wurden weder die intensiv von US-Streitkräften genutzte Militärbasis Incirlik noch der Radarstützpunkt der NATO im anatolischen Kürecik vom Iran angegriffen. Zwar wurde eine ballistische Rakete am Mittwoch von einem NATO-Abwehrsystem abgefangen. Der Iran beteuerte jedoch, die Türkei sei nicht Ziel des Angriffes gewesen. Auch regierungsnahe türkische Quellen gehen von einer vom Kurs abgekommenen Rakete aus.
Die Türkei hält sich neutral und führt seit dem Ausbruch des Krieges eine noch intensivere Diplomatie mit den USA, der EU und den Golfstaaten, wobei sie alle Parteien auffordert, an den Verhandlungstisch zurückzukehren, bevor der Krieg sich weiter ausbreitet. Allerdings finden die Vermittlungsbemühungen derzeit kein Gehör, sagt Sinan Ülgen vom Istanbuler Zentrum für Wirtschaftliche und Außenpolitische Forschung (EDAM). In der jetzigen Phase des Krieges würden Verhandlungen noch nicht in Erwägung gezogen; daher interpretiert er die Diplomatie als Versuch, sich für einen späteren Zeitpunkt zu profilieren.
Regierungskreisen zufolge arbeitet Ankara bereits darauf hin, eine Formel zu entwickeln, die die Kriegsparteien zu einem gegebenen Zeitpunkt auf Augenhöhe an einen Tisch bringen könnte. Dabei steckt Ankara in einem Dilemma: Ein Zusammenbruch des Teheraner Regimes könnte zu einem unkontrollierbaren Chaos in der unmittelbaren Nachbarschaft führen. Wenn das Regime aber gestärkt aus dieser Krise hervorgehen würde, hätte auch dies womöglich weitere politische Unsicherheiten und Konflikte zur Folge.
Ethnische Auseinandersetzungen und Kurdenkonflikt
Mehrere Medien spekulierten bereits darüber, dass die USA kurdische Truppen als Bodenstreitkräfte im Iran nutzen könnten - auch das löst in Ankara schwere Bauchschmerzen aus. Zwar gilt die militante PKK im eigenen Land als besiegt und ihre Schwesterorganisation YPG in Syrien als geschwächt, dennoch würde die Bewaffnung militanter iranisch-kurdischer Gruppen eine neue Dynamik in der Region auslösen. Dies könnte nach Einschätzung Ankaras auch den in der Türkei begonnenen Annäherungsprozess mit der PKK und anderen Kurden, die unter dem Schlagwort "Terrorfreie Türkei" laufen, gefährden. Daher werden ethnische Auseinandersetzungen im und um den Iran als schlimmstes Szenario bewertet.
Neue Flüchtlingswelle?
Bereits während des Krieges in Syrien hat Ankara Millionen von Flüchtlingen aus dem Nachbarland aufgenommen - trotz großer eigener wirtschaftlicher Probleme. Ankara arbeitet daran, eine mögliche Wiederholung mit Menschen, die aus dem Iran fliehen wollen, zu verhindern. Medienberichten zufolge gibt es Pläne für Auffanglager auf der iranischen Seite; zudem wurde der Bau der Grenzmauer zum Iran - bereits in den letzten Jahren - massiv vorangetrieben.
Allerdings rechnen weder Regierung noch Experten derzeit mit unmittelbar steigenden Flüchtlingszahlen. Sicherheitsexperte Sinan Ülgen erinnert an die Erfahrungen im Irak und Syrien in den 1990er und 2010er Jahren: Erst nachdem sich im jeweiligen Land Bürgerkriege mit mehreren inneren, sich gegenseitig bekämpfenden Fraktionen entwickelten, sei es in der Vergangenheit zu großen Flüchtlingsschüben gekommen.
Bisher verzeichnen die Grenzbehörden keine größeren Bewegungen. Sollte es dennoch zu einer Fluchtbewegung kommen, werden nicht nur iranische Staatsbürger erwartet; man rechnet auch mit mehr als zwei Millionen afghanischen Schutzbedürftigen, die sich dann aus dem Iran auf den Weg Richtung Westen machen könnten.
Von der Leyens Tweet löste Wut aus
Ein Tweet der Präsidentin der Europäischen Kommission Ursula von der Leyen befeuerte die Diskussionen um neue Fluchtbewegungen Richtung Türkei. Darin lobte sie explizit die Vorbereitungsmaßnahmen Erdogans, um der Migration zu begegnen. Viele Türken interpretierten dies als Signal, dass die EU die Türkei erneut zum "Pufferstaat" oder "Türsteher" machen wolle, der eine drohende "Flüchtlingswelle" aus dem Iran um jeden Preis abfangen soll, damit Europa verschont bleibt. Dass die EU-Chefin die Kooperation beim Migrationsmanagement so prominent hervorhebt, entfachte Spekulationen über geheime Zugeständnisse Ankaras, die das Land zur Endstation für Millionen von Schutzsuchenden machen könnten.
Mitarbeit: Gülsen Solaker