Was Ukrainerinnen in russischer Gefangenschaft erleben
14. Januar 2026
"Man kann alles ertragen, aber keine Trennung von den eigenen Kindern. Um ihretwillen hält man durch", sagt Julia Dwornytschenko über ihre russische Gefangenschaft. Sie war 2021, noch vor der großangelegten russischen Invasion der Ukraine, gefangengenommen worden.
Lange konnte sie über ihre Erlebnisse nicht sprechen, doch inzwischen hat sie ihr Schweigen gebrochen. Die aus Donezk stammende Frau verbrachte anderthalb Jahre in Gefängnissen der sogenannten "Volksrepublik Donezk". Dieser Teil der Oblast Donezk wurde ab 2014 von pro-russischen Separatisten kontrolliert, im September 2022 erklärte der Kreml die ganze Region Donezk zum russischen Staatsgebiet.
Während ihrer Gefangenschaft konnte Dwornytschenko ihre Söhne Danylo und Mark kein einziges Mal sehen. Sie berichtet, dass in Donezk damals viele Frauen inhaftiert waren, auf die zuhause minderjährige Kinder warteten.
Sie hatten davor als Ärztinnen, Lehrerinnen, Floristinnen oder Verkäuferinnen gearbeitet und wurden von den Machthabern der selbsternannten Republik Donezk der "Spionage" beschuldigt. Jede von ihnen, sagt Dwornytschenko, wurde in der Haft gefoltert, um "Geständnisse" zu erpressen. "Die Methoden waren für Männer und Frauen gleich. Sie wurden mit Elektroschocks gequält. Sie zogen mich aus, schlugen mich und übergossen mich mit Wasser", erzählt die Frau.
Russische Besatzung und Verhaftung
Erstmals verlor Julia Dwornytschenko 2014 ihr gewohntes Leben, als ihre Heimatstadt Tschystjakowe (ehemals Tores) im Osten der Ukraine unter Kontrolle der von Russland unterstützten Separatisten geriet. Sie floh mit ihrer Familie zunächst ins damals ukrainisch kontrollierte Mariupol, doch kurz darauf starb ihr Mann und sie musste mit ihren Kindern wieder zurück nach Tschystjakowe. Den Lebensunterhalt für sich und ihre Kinder bestritt sie als Busfahrerin. Sie transportierte Menschen aus dem besetzten Tschystjakowe in die von Kyjiw kontrollierten Gebiete und zurück. Manchmal nahm sie auch ihre Söhne mit, "einfach, um mal durchzuatmen und um den Unterschied zum besetzten Gebiet zu sehen", sagt sie. Doch 2021 stellten die Passierstellen ihren Betrieb ein und Dwornytschenko verließ ihre Stadt nicht mehr.
Eines Nachts bekam sie Besuch von Vertretern des "Ministeriums für Staatssicherheit der Volksrepublik Donezk". Die Frau wurde abgeführt und der "Spionage" beschuldigt. Ihr damals neunjähriger Sohn Mark schlief, doch der 17-jährige Danylo musste die Hausdurchsuchung und Festnahme seiner Mutter mit ansehen. Ihr zufolge blieben die Kinder allein zu Hause zurück. Der ältere Sohn kümmerte sich um seinen jüngeren Bruder, die Besatzer verboten den Nachbarn, die Jungen zu besuchen und sie mit Essen zu versorgen. "Meine Kinder waren auf sich allein gestellt", so Dwornytschenko.
Folter und Erpressung im Gefängnis
Im Frühjahr 2021 wurde Julia Dwornytschenko ins berüchtigte Gefängnis "Isolazia" (zu Deutsch - "Isolation") in Donezk gebracht. Neben körperlicher Gewalt war sie dort auch massivem psychischen Druck ausgesetzt, denn es wurde ihr gedroht, man würde ihre Kinder in ein Waisenhaus stecken. "Ich sagte, ich würde alles unterschreiben, nur damit die Kinder nicht ins Waisenhaus kommen. So gab ich zu, eine 'ukrainische Spionin' zu sein", sagt sie. Schließlich durfte eine enge Freundin der Familie die Kinder in Obhut nehmen.
Julia Dwornytschenko selbst wurde in eine Untersuchungshaft in Donezk verlegt, wo sie auf ihren Prozess warten. Ihre Söhne Danylo und Mark durften sie nicht sehen, sie konnten lediglich schriftlich Kontakt zu ihr halten. Erinnerungen an diese Zeit der Trennung sind auf Fotos festgehalten, die sie aufbewahrt. "Hier ist ein Foto, wie Mark mir einen Brief ins Gefängnis schreibt. Für mich ist es ein fürchterliches Bild", sagt Dwornytschenko.
Als der umfassende Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine im Februar 2022 begann, nahm ihre Sorge um die Kinder zu und die Lage in Gefangenschaft verschlechterte sich. Den in Einzelzellen inhaftierten Ukrainerinnen wurde verboten, Gegenstände zu benutzen, die sie von ihren Angehörigen erhalten hatten. Bei Verhören wurde versucht, sie psychisch zu brechen. "Sie sagten uns, die Ukraine existiere nicht und es werde keinen Austausch von Gefangenen geben", erinnert sich Dwornytschenko.
Doch der Austausch von Gefangenen zwischen der Ukraine und Russland ging in Wirklichkeit weiter. Julia Dwornytschenko und andere inhaftierte Frauen verfolgten die Nachrichten so gut wie möglich - in der Hoffnung auf eine Heimkehr. Eines Tages im Oktober 2022 wurden Dwornytschenko und zwei weitere Frauen aus ihren Zellen geholt und in ukrainisch kontrolliertes Gebiet gebracht.
Familienzusammenführung auf Umwegen
"Als ich erfuhr, dass meine Mutter beim Gefangenenaustausch dabei war, war es wie ein zweiter Geburtstag. Wir konnten per Videoanruf miteinander sprechen und haben auch geweint", erinnert sich Mark. Sein Bruder Danylo, der zwischenzeitlich volljährig wurde, war unterdessen bei Verwandten in Russland untergekommen. Ihn erreichte dort die Nachricht von der Freilassung seiner Mutter.
Nach einigem Überlegen entschieden Danylo und sein jüngerer Bruder sich auf den Weg zu ihrer Mutter zu machen. Danylo holte Mark aus dem von Russland besetzten Gebiet der Ukraine ab. Über Russland und auf Umwegen über Drittstaaten gelang es ihnen schließlich, nach Kyjiw zu kommen. So sahen sie ihre Mutter im Dezember 2022 in der ukrainischen Hauptstadt wieder. "Ich habe sehr geweint, Russland hat mir viel Zeit mit meinen Kindern genommen", sagt Julia Dwornytschenko und ringt heute noch mit den Tränen.
Mit ihren Söhnen lebt sie dank Hilfsorganisationen in einer kostenlosen Unterkunft in der Region Kyjiw. Der 14-jährige Mark geht zur Schule, und der 21-jährige Danylo arbeitet bereits. Auch Julia Dwornytschenko hat einen Job und ist in einem Nagelstudio beschäftigt. Ihre übrige Zeit verbringt sie jetzt damit, der Öffentlichkeit über Russlands Verbrechen an Zivilisten sowie über ihre Gefangenschaft zu berichten.
Unterstützung nach der Freilassung
Julia Dwornytschenko und andere Frauen, die aus russischer Gefangenschaft zurückgekehrt sind, haben sich in der Organisation "Numo.Sisters" (Los geht's, Schwestern!) zusammengetan. Sie wollen sich nicht nur untereinander über ihre Erlebnisse austauschen, sondern sich auch für die Befreiung der ukrainischen Frauen einsetzen, die noch in Gefangenschaft sind. Laut der Organisation sind nach Schätzung von Menschenrechtlern unter den rund 20.000 ukrainischen gefangenen Zivilisten mehr als 2000 Frauen.
Im August 2025 konnten drei von ihnen in die Ukraine zurückkehren, darunter Switlana und Julia, die ursprünglich aus der Region Donezk stammen. Beide waren 2019 unter Spionagevorwürfen festgenommen worden. Wie Julia Dwornytschenko konnten auch sie ihre Kinder erst nach der Freilassung wiedersehen. "Ich habe meine Kinder sechs Jahre lang nicht gesehen. Wenn man nicht weiß, was mit ihnen passiert, ist das sehr schwer", so Switlana.
Julia und Switlana sagen, dass sie nach ihrer Freilassung von der ukrainischen Öffentlichkeit herzlich aufgenommen worden seien. Die Organisation "Numo.Sisters" hilft den Frauen, wieder alle nötigen Papiere zu bekommen, aber auch bei der Suche nach Arbeit und einer Wohnung.
Die Leiterin der Organisation, Ljudmila Husejnowa, ist selbst 2022 aus russischer Gefangenschaft freigekommen. Sie sagt, derzeit sei es sehr schwierig, gefangene Zivilisten aus der Russischen Föderation und den von ihr besetzten Gebieten herauszuholen, da es nach internationalem Recht den Begriff eines Zivilgefangenen gar nicht gebe. Laut der Organisation konnten bisher die Identitäten von rund 40 ukrainischen Zivilistinnen, die in den besetzten Gebieten oder in russischen Gefängnissen festgehalten werden, eindeutig geklärt werden. Einige von ihnen sind bereits zu langen Haftstrafen verurteilt. "Das Schlimmste für viele Frauen mit kleinen Kindern ist die Trennung von ihnen. Das ist ein Horror, den es in der Welt des 21. Jahrhunderts nicht geben dürfte", so Husejnowa.
Adaption aus dem Ukrainischen: Markian Ostaptschuk