Ukraine: Theater als Neubeginn für Veteranen von der Front
Schwere Verletzungen, verlorene Kameraden, zerstörte Lebenspläne: Ukrainische Soldaten tragen Narben des Krieges. Auf der Bühne eines ungewöhnlichen Theaterprojekts suchen sie nach Sinn, Mut und einem neuen Anfang.

Letzte Vorbereitungen
Noch ein wenig Schminke, dann das Kostüm anziehen. Sitzt der Text? Eine Szene aus der Künstlergarderobe eines Theaters in Kyjiw, der Hauptstadt der Ukraine. Auf dem Programm steht eine besondere Aufführung mit einem besonderen Ensemble: Es spielen ehemalige ukrainische Soldatinnen und Soldaten, die in Russlands Angriffskrieg verwundet wurden.
Kreativität ohne Augenlicht
Gut ein Jahr lang haben sie an der Produktion gearbeitet. Zum Ensemble gehört auch Andrij Onoprijenko. Im Jahr 2023 verlor er beide Augen, als zwei russische Panzerabwehrgranaten seine Stellung in der ostukrainischen Stadt Awdijiwka trafen. Dem Veteranentheater beizutreten war für ihn eine besondere Herausforderung. Der 31-Jährige kann Texte nur noch durch Zuhören auswendig lernen.
"Wir geben nicht auf"
Wie die anderen ehemaligen Soldaten der 15-köpfigen Schauspielergruppe findet auch Andrij Onoprijenko Erfüllung auf der Bühne. "Ja, wir haben vielleicht keinen Arm, keine Beine oder keine Augen - aber wir geben nicht auf", sagt er.
Konzentration bei der Probe
In Russlands Angriffskrieg, der nun ins fünfte Jahr geht, wurden unzählige ukrainische Soldaten verwundet. Zehntausende erlitten Amputationen. Bei manchen hat sich das Leben durch die Verletzungen extrem verändert. Sie haben Schwierigkeiten, sich wieder in eine Gesellschaft einzugliedern, die selbst vor der Herausforderung steht, eine Generation von verstümmelten Männern und Frauen zu integrieren.
Bewältigungsstrategie in der Gemeinschaft
Veteranin Inna Korolenko umarmt im Stück ihren blinden Kollegen Andrij Onoprijenko. Das Theaterspiel ist ein Weg, die schrecklichen Erlebnisse zu verarbeiten. Gemeinsam hat das ungewöhnliche Ensemble eine Avantgardeversion von "Aeneis" einstudiert - eine Parodie des Stücks des römischen Dichters Vergil. "Es ist Rehabilitation und soziale Integration", so Onoprijenko . "Es sind positive Emotionen."
Plötzlich ist das Leben ein anderes
Jehor Babenko mit einem Foto von sich aus alten Zeiten. Der heute 27-jährige wurde im ersten Kriegsjahr bei einem Angriff nahe Mykolajiw schwer verwundet. Sein Gesicht ist verbrannt, beide Hände verstümmelt, sprechen kann er nur über einen Schlauch im Hals.
Suche nach einem neuen Sinn
Das hielt ihn nicht davon ab, sich monatelangen Proben mit viel Tanzen, Drehen und Purzelbäumen zu unterziehen. Babenko arbeitet inzwischen als Psychologe für Veteranen. Er sagt, dass schwere Verletzungen Menschen oft dazu bringen, in Neuem Sinn zu suchen. "Ich kenne viele Fälle, in denen sich Menschen geöffnet oder Dinge ausprobiert haben, die sie sich vorher nie getraut hätten."
Rollen auf jeden zugeschnitten
Olha Semoschkina ist die Choreografin der Theatergruppe der Veteranen. Hier gibt sie den Laiendarstellern letzte Anweisungen vor der Premiere. Semoschkina hat die Rollen, die stark auf körperlicher Bewegung basieren, individuell auf die jeweilige Verletzung der Veteranen zugeschnitten.
Von strengen Regeln in die kreative Freiheit
Der Bühnenauftritt bringt nicht nur körperliche Herausforderungen mit sich, da sind sich die behinderten Schauspieler einig. Jehor Babenko sagt, es sei schwierig gewesen, sich nach Jahren in der starren Ordnung des Militärs an ein kreatives Umfeld zu gewöhnen, das freies Denken fördert.
Zwischen Tränen und Stolz
Bei der Premiere im Dezember reagierte das Publikum mit tosendem Applaus. Manche Zuschauer weinten, andere umarmten sich. Für Jehor Babenko war entscheidend, dass seine Kameraden erkennen, dass das Leben nach einer schweren Verletzung nicht endet. "Manchmal begreift man", sagt er, "dass es genau dann erst richtig beginnt."