1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen
PolitikUkraine

Das Leben in Saporischschja: 50 km bis zur Frontlinie

3. Mai 2026

Die Zivilisten in der ukrainischen Region Saporischschja leben unter dem Drohnenbeschuss nur 50 Kilometer von der Frontlinie entfernt. Wie wehrt das ukrainische Militär russische Angriffe ab? Eine DW-Reportage.

https://p.dw.com/p/5D0D7
Anti-Drohnen-Netze entlang beider Seiten einer Autostraße von Saporischschja Richtung Frontlinie
Auf dem Weg von der Stadt Saporischschja zur Frontlinie - Anti-Drohnen-Netze entlang der StraßeBild: DW

Über den Autostraßen in der Region Saporischschja im Süden der Ukraine spannen sich Netze zur Drohnenabwehr. 30 bis 40 Kilometer von der Kontaktlinie entfernt, schlagen Drohnen-Detektoren ständig Alarm. Immer wieder tauchen Drohnen am Himmel auf - feindliche russische oder ukrainische. Hubschrauber kreisen und greifen Stellungen der Russen an. Entlang der Autostraßen, an den Ortsrändern, befinden sich ukrainische kampfbereite mobile Einsatzgruppen verschiedener Formationen.

Mindestens 800 feindliche Angriffe werden täglich in der Region Saporischschja registriert, wie Iwan Fedorow, Leiter der Gebietsverwaltung, der DW berichtet. "Die Situation spitzte sich im vergangenen Monat zu. Ende März gab es den schlimmsten Tag, an dem der Feind mehr als tausend Mal angriff", sagt er.

Fedorow verfolgt die militärische Lage in der Region in Echtzeit auf einem speziellen iPad, das ihm vom Verteidigungsministerium zur Verfügung gestellt wurde. Er sieht die Truppenbewegungen am Boden, die Luftangriffe und deren Ergebnisse, die Anzahl zerstörter und verfehlter Ziele. Es sind Informationen, die nicht veröffentlicht werden. "Schauen Sie… eins, zwei, drei Gleitbomben kommen angeflogen", sagt er der DW-Reporterin und zeigt ihr kurz die Karte des Luftraums.

In der Region Saporischschja setzen die Russen am häufigsten Gleitbomben ein. Mit ausländischen Luftverteidigungssystemen, insbesondere des Typs Patriot, oder aus Flugzeugen heraus, lassen sie sich gut abfangen. Doch der Ukraine fehlen Mittel, um eine vollständige Lufthoheit über den Frontgebieten zu erlangen.

Iwan Fedorow hält ein iPad in den Händen und verfolgt darauf live Angriffe in seiner Region
Iwan Fedorow verfolgt Angriffe in seiner Region live auf einem iPadBild: DW

Fedorow ist überzeugt, dass in der Region Saporischschja, wo sich russische Truppen in fast 75 Prozent des besetzten Gebiets dicht festgesetzt haben, die Luftverteidigung mit Systemen mittlerer und weiter Reichweite kontinuierlich verstärkt werden muss. Nur so könne die Logistik des Gegners vernichtet werden. "Wir bekommen nicht genug internationale Unterstützung. Wir müssen unseren Luftraum abriegeln und brauchen mehr Luftabwehrsysteme", appelliert er an die Partner der Ukraine.

Russland betrachtet die ganze Region Saporischschja als eigenes Gebiet, nachdem es im September 2022 die Annexion dieser und drei weiterer ukrainischer Regionen - Donezk, Luhansk und Cherson - verkündete. Dies wird von der internationalen Gemeinschaft aber nicht anerkannt. 

In der Region Saporischschja ist man sich im Klaren darüber, dass die russische Armee von allein nicht Halt machen wird. "Das Einzige, was wir tun können, ist, die Russen zurückzuschlagen und unser Territorium zu befreien", sagt Iwan Fedorow der DW und betont: "Die Ukraine braucht mehr Drohnen, mehr Ressourcen und ein schnelleres Handeln ihrer Partner."

Kleinräumige Luftabwehr liefert Erfolge

Das ukrainische Verteidigungsministerium hat unterdessen die Entwicklung eines mehrstufigen Luftabwehrsystems - einer "Anti-Drohnen-Kuppel" - zur Priorität erklärt. Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow zufolge soll diese "Kuppel ein System sein, das die Gefahr bereits im Anflug eliminiert". Bei der kleinräumigen Luftverteidigung kann die Ukraine bereits erste Erfolge vorweisen. Dabei spielen Abfangdrohnen eine Schlüsselrolle. Dank ihnen konnte laut Verteidigungsministerium im Februar eine Rekordzahl von über 10.000 feindlichen Angriffsdrohnen abgefangen werden, vor allem der Typen Shahed und Gerbera.

Der Kommandant einer Crew zur Drohnenabwehr mit dem Rufnamen "Balu" bestätigt, dass sich die Luftverteidigung in der Region Saporischschja trotz verstärkter feindlicher Angriffe verbessert hat. Er erzählt der DW, dass es auf ukrainischer Seite jetzt mehr Mannschaften gebe, die Drohnen bekämpfen. Zumindest seiner Crew mangele es nicht an Abfangdrohnen.

Ein Soldat steht auf einem Feld, hält einen Bildschirm in der Hand und verfolgt das Abfangen einer Drohne
Ein Soldat verfolgt das Abfangen einer Drohne auf einem BildschirmBild: DW

Die DW-Reporterin spricht mit "Balu" in einem unterirdischen Schutzraum seiner Stellung. Er zeigt Abfangdrohnen und Quadrocopter, mit denen russische Shahed-, Gerbera-, Molnija- und FPV-Drohnen getroffen werden. Auf einem tragbaren Bildschirm wird eine Karte des Luftraums live angezeigt. "Balu" erklärt, mehrere Verteidigungsebenen seien für den Schutz des Luftraums von Saporischschja und Umgebung zuständig - Einheiten für elektronische Kampfführung, Flugabwehr-Batterien, Crews mit Abfangdrohnen und anderen Kampfdrohnen sowie mobile Einsatzgruppen. Plötzlich schlägt der Drohnendetektor "Dsyga" Alarm. "Balu" sagt, er sehe auf dem Bildschirm, wie eine russische Molnija-Drohne 30 Kilometer von der Stellung entfernt abgefangen werde.

"Die Drohnen erreichen uns größtenteils nicht mehr, die meisten kommen gar nicht erst bis Saporischschja. Sobald sie an der Kampflinie auftauchen, werden sie abgeschossen", versichert der Kommandant der DW. Noch verfügt seine Crew allerdings nicht über Abfangdrohnen, die schnell fliegende reaktive Shahed-Drohnen treffen können. Eine Serienproduktion solcher Abfangdrohnen ist aber bereits angekündigt worden. Zudem hoffen die Drohnenpiloten auf neue Mittel zur Zerstörung von Drohnen mittels Glasfasertechnik.

Zivilisten verlassen die "Grauzone"

Laut Iwan Fedorow, dem Leiter der Gebietsverwaltung von Saporischschja, setzen die Russen inzwischen modernisierte Glasfaser-Drohnen ein. "Sie haben eine Reichweite von bis zu 35 Kilometern. Daher ist in den Ortschaften nahe der Frontlinie, in der sogenannten Grauzone, die Gefahr für die Bevölkerung deutlich gestiegen", warnt er.

Dies "verschlinge" buchstäblich das friedliche Leben in einem Radius von bis zu 50 Kilometern um die Front. Drohnen, die über ein hauchdünnes abrollbares Glasfaserkabel mit der Bodenstation verbunden sind, bieten eine störungsfreie Videoübertragung und gelten als immun gegen elektronische Kampfführung.

Durch russische Drohnenangriffe zerstörte Häusern und Autos im Dorf Mychajlo-Lukaschewe
Zerstörungen durch russische Drohnenangriffe im Dorf Mychajlo-LukascheweBild: DW

40 bis 50 Kilometer von der Frontlinie entfernt, liegt das Dorf Mychajlo-Lukaschewe. Seit Jahresbeginn wird es insbesondere von russischen Shahed-Drohnen angegriffen. Mehr als 50 Häuser sind schon teilweise oder vollständig zerstört. Viele Familien sind geflohen.

"Überall summt und pfeift es! Vor allem nachts. Irgendwo in der Ferne kracht etwas. Solche Explosionen, solche Einschläge gab es in unserem Dorf früher nicht", erzählt der DW Ljudmila Skrypnyk, die in Mychajlo-Lukaschewe wohnt. Seitdem im Februar eine Shahed-Drohne ihr Nachbarhaus gegenüber zerstört hat, schläft sie immer in voller Bekleidung und ist jederzeit bereit, im Keller Schutz zu suchen.

Tetjana Wynnytschenko steht vor ihrem Haus im Dorf Mychajlo-Lukaschewe
Tetjana Wynnytschenko hängt an ihrem Dorf Mychajlo-LukascheweBild: DW

Ihre Nachbarin, Tetjana Wynnytschenko, zeigt der DW eine lokale Radar-App auf ihrem Handy. Zu sehen sind mehrere feindliche Drohnen, die sich in einem Radius von zehn bis 30 Kilometern befinden. Die Frau ist nervös, denn ihre Söhne leben mit ihren Familien 15 Kilometer entfernt. "Die Drohnen jagen Autos. Wir können nicht zu unseren Kindern und Enkeln fahren", sagt sie weinend und fügt hinzu: "Unsere Familie hat seit zwei Jahren nichts mehr zusammen gefeiert."

Wynnytschenko sagt, sie habe vor Ort einen Job und wolle ihr Zuhause nicht aufgeben. Doch ihr sei klar, dass es immer gefährlicher werde, in dieser "Grauzone" zu leben, die der Drohnenkrieg schnell zu einer "Todeszone" machen könne - einem Gebiet, das überwiegend von feindlichen Drohnen kontrolliert wird.

Adaption aus dem Ukrainischen: Markian Ostaptschuk

Den nächsten Abschnitt Mehr zum Thema überspringen