1. Zum Inhalt springen
  2. Zur Hauptnavigation springen
  3. Zu weiteren Angeboten der DW springen
PolitikUngarn

Ungarn: Peter Magyars Überraschungsteam gegen Viktor Orban

11. Februar 2026

Oppositionsführer Peter Magyar galt mit seiner Tisza-Partei lange Zeit als One-Man-Show. Nun präsentiert er ein Team von Profis aus Wirtschaft und Diplomatie. Viele stammen aus dem Umfeld von Viktor Orbans Partei Fidesz.

https://p.dw.com/p/58Wbo
Auf dem Foto sieht man mehrere Männer und Frauen dicht gedrängt in einer Menschenmenge, viele von ihnen halten weiße Rosen oder Fahnen in den Farben Rot‑Weiß‑Grün. Im Hintergrund sind zahlreiche weitere Fahnen zu sehen, im Vordergrund hält ein Mann mit kurzen grauen Haaren einen Stab hoch
Oppositionsführer Peter Magyar bei einer Demonstration zum 69. Jahrestag des ungarischen Volksaufstands gegen die sowjetische Besatzung am 23.10.2025 in BudapestBild: Rudolf Karancsi/AP Photo/picture alliance

Hochstapler, Betrüger, Luftballon - der ungarische Oppositionsführer Peter Magyar, Chef der Partei Tisza (Respekt und Freiheit) und Favorit der Parlamentswahl am 12. April, bekam vom Propagandaapparat der Regierung von Viktor Orban schon viele Etikette angehängt. Doch auch unabhängige Beobachter in Ungarn fragten immer wieder, ob es sich bei Magyar und seiner Partei um eine One-Man-Show handele.

Tatsächlich hinterließ Magyar diesen Eindruck lange Zeit. Der 44-jährige Rechtsanwalt, ehemals selbst Mitglied von Orbans Partei Fidesz (Bund Junger Demokraten), tauchte im Februar 2024 völlig überraschend auf der politischen Bühne auf, brachte es mit seinem rhetorischen Talent schnell zu großer Popularität und schaffte es immer wieder, Hunderttausende zu Protestkundgebungen gegen das Orban-Regime zu versammeln. Er übernahm die Kleinstpartei Tisza , die in Umfragen recht bald vor dem Fidesz führte, und versprach einen radikalen Politik- und Systemwechsel in Ungarn. Doch wie und mit wem er das bewerkstelligen wollte, war unklar.

In den vergangenen Monaten und Wochen aber schlossen sich zahlreiche ungarische Experten und prominente Persönlichkeiten der Tisza an. Darunter sind seit jüngstem beispielsweise der Geschäftsmann und ehemalige Shell-Topmanager Istvan Kapitany sowie die Diplomatin und Energieexpertin Anita Orban (nicht verwandt mit dem Regierungschef), die einst dem euroatlantischen Flügel in Orbans Fidesz-Partei nahestand. Schon länger dabei ist etwa der ehemalige ungarische Generalstabschef Romulusz Ruszin-Szendi. Und: Am vergangenen Sonntag (7.02.2026) stellten Magyar und sein Expertenkabinett nun auch das lang erwartete Tisza-Wahlprogramm vor.

Keine One-Man-Show

Vor allem über die prominenten personellen Neuzugänge bei der Tisza sind viele ungarische Beobachter überrascht. "Das größte Problem der Partei und ihr sensibelster Punkt ist die One-Man-Show", sagt der Politologe Gabor Török in einem Podcast des Portals 24.hu. "Viele dachten, die Tisza sei nicht ausreichend regierungsfähig. Dass Leute wie Istvan Kapitany und Anita Orban sich der Partei angeschlossen haben, setzt diesem Eindruck etwas entgegen. Abgesehen davon, hat es mich überrascht, dass solche hochkarätigen Figuren der Partei bereits vor der Wahl ihr Gesicht und ihren Namen geben."

Auf dem Foto spricht ein Mann im Anzug mit rosa Krawatte in ein Mikrofon, das vor ihm steht. Hinter ihm hängen große Fahnen in den Farben Rot, Weiß und Grün
Ungarns Premier Viktor Orban bei seiner jährlichen Pressekonferenz am 5.01.2026Bild: Attila Kisbenedek/AFP/Getty Images

Eine Erklärung dafür hat der Politologe Daniel Rona. In einem Interview mit dem Portal Telex sagte er, dass viele in Ungarn ein Ende des Orban-Systems nicht für ausgeschlossen halten. "Wenn sich erfolgreiche Geschäftsleute der Tisza anschließen, ist das auch ein Signal, dass sie an einen solchen Wechsel glauben", so Rona.

Vom Verdienstkreuz zum "Vertreter des internationalen Großkapitals"

Der Betriebswirtschaftler Istvan Kapitany, 64 Jahre, begann seine Karriere Ende der 1980er Jahre, als in Ungarn gerade der Übergang zur Marktwirtschaft begann. Anfangs Mitarbeiter einer kleinen ungarischen Shell-Tochterfirma, stieg er bis zum Vizepräsident von Shell International Petroleum auf, eine Position die er bis zu seinem Abschied von der Firma 2024 innehatte. Er war außerdem der Vorsitzende des ungarischen Managerverbandes (MOSZ).

Für seine Arbeit zeichnete ihn die Orban-Regierung unter anderem mit dem Ungarischen Verdienstkreuz aus. Doch kaum hatte Kapitany Mitte Januar 2025 bekannt gegeben, dass er sich der Tisza als Wirtschaftsexperte anschließt, wechselte der Ton im Orban-Propagandaapparat - seitdem ist Kapitany in den Worten des Außenministers Peter Szijjarto ein "Vertreter des internationalen Großkapitals", der nicht die Interessen des ungarischen Volkes und den Gedanken der Solidarität vertritt.

Erst Sonderbotschafterin , jetzt "Soros-Agentin"

Ähnlich erging es der Diplomatin Anita Orban. Die 51-jährige hat unter anderem Abschlüsse in Ökonomie und internationalem Recht und ist eine führende internationale Energieexpertin. Bis 2021 arbeitete sie unter anderem als Beraterin für Unternehmen im Bereich Flüssigerdgas (LNG), anschließend als Managerin bei Vodafone Ungarn. Sie gehörte einst zum prowestlichen, euroatlantischen Flügel des Fidesz und war von 2010 bis 2015 Ungarns Sonderbotschafterin für Energiesicherheit.

Ende Januar gab sie bekannt, für die Tisza arbeiten zu wollen und ist seitdem eine Art Außenministerin in spe. In Orban-Kreisen einst hochgelobt, wird sie nun beispielsweise vom Fidesz-Fraktionschef Mate Kocsis als "Soros-Agentin" bezeichnet. Außenminister Szijjarto wirft ihr vor, "gegen Ungarn Lobby zu machen", damit das Land kein "billiges russisches Gas kauft".

Auf dem Foto sieht man einen Mann in einer schwarzen, folkloristisch wirkenden Jacke, der an einem Rednerpult mit mehreren Mikrofonen steht und mit der rechten Hand eine Geste macht. Hinter ihm hängt ein großes Banner mit einer Darstellung von Menschen, die Fahnen in Rot‑Weiß‑Grün tragen
Romulusz Ruszin-Szendi spricht am 12.05.2025 bei der Tisza-Gedenkfeier zum Jahrestag der Ungarischen Revolution 1848/49Bild: Balint Szentgallay/IMAGO

Andere bekannte Persönlichkeiten, die sich der Tisza bereits 2024 und 2025 anschlossen, sind neben dem Ex-Generalstabschef Ruszin-Szendi auch der Arzt und populäre Gesundheits-Influencer Andras Kulja, der Schauspieler und Regisseur Mark Radnai, der Bank- und Finanzexperte Andras Karman, die Sängerin Erzsebet Csezy und der Pfarrer der reformierten Kirche Zoltan Tarr, dessen Ehefrau Ende 2024 aus dem Verkehrsministerium entlassen wurde, weil sie Facebook-Beiträge ihres Mannes gelikt hatte.

Wahlprogramm per YouTube-Video

Einige Tisza-Unterstützerinnen und Unterstützer stellten nun am vergangenen Samstag (7.02.2026) das 240-seitige Tisza-Wahlprogramm vor - überraschenderweise diesmal nicht auf einer Großveranstaltung, sondern in einem einstündigen YouTube-Video. Neben dem großen Tisza-Versprechen, das korrupte Orban-System abzuschaffen und Rechtsstaat und Demokratie in Ungarn wiederherzustellen, sind die wichtigsten Punkte des lang erwarteten Programms: Ungarns Rückkehr als verlässlicher Partner in EU und NATO, Reformen im schwer vernachlässigten Gesundheits- und Bildungswesen Ungarns sowie eine bessere Sozialpolitik und nachhaltige Armutsbekämpfung.

Die meisten Sozialmaßnahmen der Orban-Ordnung wie die Unterstützung für Familien oder Rentner will die Tisza beibehalten. Auch in der Migrationspolitik soll es keine Wende geben. Auch gegen eine schnelle EU-Integration der Ukraine spricht sich die Partei aus, kündigt aber an, das Verhältnis zum Nachbarland zu normalisieren. Gleichzeitig soll die Abhängigkeit von russischem Öl und Gas bis 2035 stark verringert werden.

Orban-Lager droht mit Sex-Video

Der Tisza-Chef Peter Magyar betont, dass an dem Wahlprogramm der Tisza hunderte Mitglieder und Experten über Monate hinweg mitgearbeitet hätten. Viele unabhängige Beobachter in Ungarn sehen in dem Programm eher einen Versuch, die teils haarsträubenden Vorwürfe des Orban-Lagers zu entkräften. "Es ist auffällig", sagt beispielsweise der Wahlkommentator Balazs Cseke auf Telex, "wie sehr man heute in Ungarn ein Wahlprogramm daraufhin verfassen muss, welche Angriffspunkte es dem Gegner bietet."

Unterdessen bereitet sich das Orban-Lager offenbar bereits auf völlig andere Angriffe auf die Tisza vor. Peter Magyar behauptet in einem Facebook-Eintrag, es sollten kompromittierende Sex-Videos über ihn veröffentlicht werden. Eine mysteriöse Webseite unter dem Domain-Namen des Tisza-Vizevorsitzenden Mark Radnai - die allerdings nicht dessen eigene, reale Webseite ist - existiert bereits. Zu sehen darauf ist ein leeres Bett in einem Schlafzimmer aus dem Blickwinkel einer Überwachungskamera. Darüber steht: "Coming soon".

Porträt eines lächelnden Mannes mit Brille und blonden Locken
Keno Verseck Redakteur, Autor, Reporter