UCK-Veteran in Kosovo: "Es ist schwer. Aber wir sind frei"
18. Februar 2026
Das Haus von Gezim liegt im Dorf Doganaj, im bergigen Südosten Kosovos. Ein zweistöckiges Familienhaus, im Garten davor alte Obstbäume, dahinter Felder. Die Wintersonne fällt schräg auf die Fassade und lässt die Fenster hell aufleuchten.
Im Wohnzimmer ist es warm. Auf dem Tisch liegen Fotos aus einer anderen Zeit: junge Männer in Uniform, kaum älter als zwanzig, mit ernsten Gesichtern. Gezim Haxhimusa streicht mit den Fingern über eines der Bilder. "Das waren wir", sagt er leise.
Der 58-Jährige war Mitglied der Befreiungsarmee Kosovos (UCK), der albanischen paramilitärischen Organisation, die in den 1990er-Jahren im Kosovo-Krieg gegen die Armee des damaligen Jugoslawiens und die Polizei der jugoslawischen Teilrepublik Serbien kämpfte. Haxhimusa sitzt neben seiner Frau Vjollca auf dem Sofa. Seine Töchter Zana und Gresa kommen zwischendurch ins Zimmer, auch der Schwiegersohn Fisnik ist da. Heute hat er ruhiges Familienleben.
Gefangen in jugoslawischen Gefängnissen
Lange Zeit war es ganz anders. Als junger Mann saß Gezim Haxhimusa jahrelang in jugoslawischen Gefängnissen, weil er angeblich ein albanischer Terrorist war. In der Zeit der Diktatur von Slobodan Milosevic lebte er marginalisiert, wie die meisten Albaner in Kosovo. 1998 schloss er sich der UCK an.
Für Gezim Haxhimusa werden die Erinnerungen an all das jedes Jahr im Februar besonders lebendig. Der 17. Februar ist der Tag, an dem Kosovo 2008 seine Unabhängigkeit ausrief - es war das, wofür Haxhimusa im Krieg gekämpft hatte. Doch in diesem Jahr ist alles anders als sonst. In diesen Februartagen wurden vor dem Kosovo-Sondertribunal in Den Haag die Schlussplädoyers in einem Prozess gesprochen, in dem in den Augen von Menschen wie Haxhimusa ganz Kosovo vor Gericht steht - sein ganzer langer Kampf gegen die serbische Unterdrückung und für die Unabhängigkeit.
"Dieses Gericht dürfte überhaupt nicht existieren"
Angeklagt in dem Prozess sind ehemalige Führungsfiguren der UCK: Hashim Thaci, Kadri Veseli, Rexhep Selimi und Jakup Krasniqi. Sie sollen während des Kosovo-Kriegs schwere Kriegsverbrechen begangen haben, die Anklage fordert für jeden von ihnen 45 Jahre Haft. Doch in Kosovo wird das 2015 auf Druck der Europäischen Union gegründete Sondertribunal praktisch durchgehend abgelehnt.
So sieht es auch Gezim Haxhimusa: "Dieses Gericht ist ungerecht, es dürfte überhaupt nicht existieren. Wir haben uns damals verteidigt. Für Kriegsverbrechen wurden die Verfahren gegen Ramush Haradinaj, Fatmir Limaj und andere längst schon einmal vor dem Haager Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien verhandelt, und sie wurden freigesprochen. Trotzdem werden sie hier alle ungerecht festgehalten, ohne dass es neue Beweise gibt."
Propaganda, Misstrauen, Druck
Haxhimusa wird sehr emotional, wenn er darüber spricht, es scheint, als stünde er selbst vor Gericht mit seiner Geschichte. Sie begann vor fast 40 Jahren. Im damaligen Jugoslawien absolvierte er 1987 den verpflichtenden Wehrdienst. Er war kaum einige Monate Rekrut, als er verhaftet wurde. Sein "Verbrechen": Er hatte mit anderen ethnisch-albanischen Soldaten darüber gesprochen, nicht gegen das eigene Volk kämpfen zu wollen. Das Urteil: Fünf Jahre Gefängnis.
"Wir haben nur gesprochen", sagt Gezim. Seine Stimme bleibt ruhig, fast kontrolliert. "Wir haben nichts getan." Er verbrachte drei Jahre in einem Gefängnis in Foca, im Südosten der damaligen jugoslawischen Teilrepublik Bosnien und Herzegowina. Als er entlassen wurde, hatte sich die politische Lage in Jugoslawien weiter verschärft. Propaganda, Misstrauen, Druck. "Man nannte uns Terroristen, lange bevor es die UCK überhaupt gab."
Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis setzte er sein Maschinenbau-Studium fort und engagierte sich im kosovarischen Rat für Menschenrechte. Kurzzeitig war er auch als Flüchtling ein Jahr in Deutschland, kehrte aber wieder nach Kosovo zurück.
Massaker und Krieg
Im März 1998 hörte Haxhimusa die Nachrichten aus dem Ort Prekaz, nordwestlich von Pristina, der Hauptstadt Kosovos. Dort richtete die jugoslawische Armee ein Massaker unter der Familie des Aufständischen und lokalen UCK-Führers Adem Jashari an, insgesamt 58 Menschen wurden ermordet, neben Jashari selbst auch Frauen und kleine Kinder. Es war ein Wendepunkt in der kosovarischen Geschichte, national wie international. Von da an standen die Albaner in Kosovo geschlossen hinter dem bewaffneten Kampf gegen Serbien, international kippte die Stimmung gegen Milosevic.
Haxhimusa traf das Massaker tief. Es war der Auslöser dafür, dass er sich der UCK anschloss. "Ich habe geweint. Danach gab es keinen anderen Weg mehr." Er wurde einer der ersten Kämpfer der Befreiungsarmee in der Region Nerodime, der Gegend, in der auch sein Dorf liegt. 35 waren sie am Anfang, fünf davon Frauen. Alles Freiwillige, viele nicht älter als 20 Jahre alt. Haxhimusas Ausrüstung bestand aus einer alten Kalaschnikow, 90 Patronen und zwei Handgranaten. "Mit 90 Kugeln gegen eine ganze Armee", sagt er und hält inne.
Aus den anfänglichen 35 Freiwilligen wurde später in Nerodime eine Truppe mit fast tausend Kämpfern. "Wir hatten wenig Essen, wenig Munition", sagt Haxhimusa. "Wir haben gegen die jugoslawische Armee gekämpft. Sie kämpfte gegen die ganze Bevölkerung."
Sieg und Freiheit
Als der Krieg endete, stand er auf einer improvisierten Bühne in der Stadt Ferizaj, einige Kilometer von seinem Dorf entfernt. Menschen kletterten auf Dächer, amerikanische Soldaten der NATO-Schutztruppe KFOR waren da. Es war der Moment, der alles rechtfertigte, was er und seine Kameraden riskiert hatten.
Nach der Demobilisierung im September 1999 war Haxhimusa unter anderem im Sicherheitsapparat der kosovarischen Regierung und als Stadtratsabgeordneter in Ferizaj tätig. Am 17. Februar 2008, dem Tag der Unabhängigkeitserklärung, ging auch für ihn sein Lebenstraum in Erfüllung. Er war zunächst in Pristina auf der Straße, später feierte er in Ferizaj mit seiner Familie. "Es herrschte große Euphorie. Wir hatten damals ein Ideal - Freiheit über alles. Und wir dachten, jetzt beginnt alles neu."
Nicht alles lief so, wie er es gedacht hatte. Kosovo war ein Staat ohne Verwaltung. Alles musste neu aufgebaut werden, brauchte viel mehr Zeit als erwartet. Haxhimusa sah Vetternwirtschaft, Parteienklüngel, Jugendarbeitslosigkeit, den Exodus vieler Menschen. Erst als letztes Land auf dem Westbalkan bekam Kosovo 2024 die Visa-Liberalisierung. Die EU-Politik im Dialog zwischen Kosovo und Serbien erscheint ihm oft proserbisch. Dennoch war er nie enttäuscht oder hatte das Gefühl, dass er umsonst gekämpft hatte. "Es ist schwer in Kosovo", sagt er. "Aber wir sind frei."
Schock und Protest
Am 9. Februar 2026 erlebte er einen Schock. An diesem Tag forderte die Anklage in Den Haag insgesamt 180 Jahre Gefängnis für die vier ehemaligen UCK-Führer. "Seit diesem Tag nehme ich Tabletten gegen Bluthochdruck", sagt Haxhimusa. Ein paar Tage später, es ist der 17. Februar, fährt er zusammen mit seiner Frau um die Mittagszeit aus Ferizaj nach Pristina. Die beiden tragen unter ihren Jacken schwarze T-Shirts, darauf steht: "Freiheit hat einen Namen". Es ist ein Losung, mit der viele Albaner in Kosovo vor allem den Märtyrer Adem Jashari meinen.
An diesem Tag haben sich in Pristina zehntausende Menschen versammelt. Sie feiern die Unabhängigkeit des Landes - und protestieren gegen das Gerichtsverfahren in Den Haag. Ein Meer von roten Fahnen mit dem schwarzen Adler, der traditionellen Fahne der Albaner, ist zu sehen, aber auch die rote Fahne mit dem UCK-Wappen. Man sieht viele Menschen, die Tränen in den Augen haben.
"Es ist sehr schön, hier zu sein, und die ganze Bevölkerung auf den Straßen zu sehen", freut sich Haxhimusa. "Wir feiern, aber wir protestieren gleichzeitig. Denn ohne unsere Führer, die in Den Haag vor Gericht stehen, fehlt etwas."